Logbuch

DER GRÜNE TRAUM.

Da übersetzt jemand den Namen des Traumlandes von Bullerby, die Welt der Pippi Langstrumpf und vom sonstigem Freisinn, mit IDIOTEN KAUFEN EINFACH ALLES. Ein interessante Wendung, weil es mal gegen den VERBRAUCHER geht.

Ein Samstagvormittag bei IKEA verändert ohnehin das Menschenbild. Asia-Schrott und Astrid-Lindgren-Kitsch plus Würstchen vom schwedischen Pölser-Ren mit Zuckersauce. Jetzt bei Twitter ein Protest eines enttäuschten IKEA-Kunden gegen die Glühbirne, die ein Leben lang halten sollte und nach nur vier Jahren schon ersetzt werden muss. Obwohl mit dem neuen Standard namens LED oder so. Wo 100 Watt hell, aber nur 8 Watt Stromverbrauch: der LEBENSTRAUM der ÖKO-Welt von grünen Gnaden.

Schon wahr: Per EU-Dekret wurde auf deutsche Initiative hin die Glühlampe zu 69 Cent verboten und vom der Industrie freudig durch ein birnenförmiges Leuchtmittel zu 12€99, also 1299 Cent, ersetzt. Das rettet den Planeten. Der Stromverbrauch ist ja geringer.

Auch wahr: Der protestierende Pölserfreund gibt auf Twitter an, das Leuchtmittel sei bei ihm auf dem WC im Einsatz gewesen, sprich nur selten „an“, also in häufig wechselnden kurzzeitigen Betrieb. Wie kann es da kaputtgehen? Da staunt der Laie und der Fachmann freut sich. Was die Birnen ruiniert, ist das häufige An- und Ausschalten! Wenn sie ein Lebenlang halten sollen, muss man sie durchbrennen lassen. Tag und Nacht, 24/7. Der Stromverbrauch steigt so zwar insgesamt, aber die Öko-Birnen halten eben dann auch, fast für immer. Genuss ohne Reue.

Finger weg vom Schalter, Walther!

Warum findet ich das typisch?

Logbuch

GEISTERSTUNDE.

Im Testament eine Verfügung über die eigene Grabstätte treffen zu wollen, bevormundet die Nachgelassenen. Das gehört zu den unerträglichen Eitelkeiten. Findet auch jemand, von dem ich weiß, dass er sich in einen Zinksarg einlöten ließ.

Ich meine BB, den Dichter. Wo bin ich? Am Grab von HEGEL. Geisterstunde. Der edelste der Berliner Friedhöfe ist der Dorotheenstädtische. Mitte des 18. Jahrhunderts eröffnet, ruht hier nun, was im linken und liberalen Horizont Rang und Namen hat. Der Promi-Friedhof. Gegen Mitternacht, das Eingangstor längst geschlossen, kommen die Seelen der Verstorbenen aus ihren Gräbern und unterhalten sich. Es soll gesittet zugehen, hatte ich von BB gehört, der mit mir auf der Rasenbank sitzt. Eher langweilig, sagt er.

Er liegt ansonsten, zusammen mit HELENE WEIGEL, hinten an der Mauer. Er sagt mir: „Wir hatten es nicht weit.“ Was wohl stimmt, da er mit der Weigel auf der angrenzenden Chausseestrasse gewohnt hat. Ich will wissen, ob das Doppelgrab mit der Weigel seine Idee war. Ich habe es kaum ausgesprochen, da prustet sein alter Kumpel JOHN HEARTFIELD vor Lachen. Und ich höre JOHANNES RAU sein altes Motto zitieren: „Im Stillen Gutes schaffen.“ Auch Seelen gehen fremd. Wie beruhigend.

Wie furchtbar der Promi-Status sein kann, habe ich auf dem Highgate Cemetry in London gesehen, wo sie KARL MARX zu Grabe getragen haben. Ganze Völkerstämme sind hierhin gepilgert. Von wegen RIP, sprich Ruhe in Frieden, eine Touristenattraktion. Da lobe ich mir die Ruhe auf San Michele, der Friedhofsinsel im venezianischen Inselreich. Ja, es gibt dort eine deutsche Ecke. Etwas runtergekommen, aber viele Namen aus der Zeit, als man hier noch wie THOMAS MANN nach Knaben schielte.

Meinen Herrn Vater haben wir zu meiner Frau Mutter gelegt, die sich Zeit ihres Lebens sicher war, dass er nicht ohne sie zurechtkäme, ein Diktum, das er brav mit Hilfe von Haushälterinnen, netten Nachbarn und den ihm zugewandten Seinen sowie frischem Mut fast ein Jahrzehnt lang zu dementieren suchte, wissend, dass es eigentlich stimmte.
Auf dem Dorotheenstädtischen lese ich, durch die Reihe schlendernd, einen überflüssigen lateinischen Hinweis. MEMENTO MORI: Bedenke, dass Du sterben wirst. Neben BB auf der Rasenbank sitzt inzwischen HEINER MÜLLER, wohl um Zigarren zu schnorren. Dann plötzlich verdrücken sich beide. Von hinten nähert sich rezitierend GÜNTER GRASS, der Schwätzer. Ab in die Kiste.

Logbuch

HELDEN DER JUGEND.

Auf dem dorotheenstädtischen Friedhof stehe ich plötzlich vor dem Grab vom HERBERT MARCUSE. Der ist, obwohl schon 1979 gestorben, neu hier. Woher? Mensch, Herbert, alter Dampfplauderer. Einst viel von Dir gelesen.

Als Primaner wurde ich Zeitzeuge der Studentenproteste in den USA und dann hier, allen voran in Berlin. Eine Heldin dieser Zeit war die Afroamerikanerin ANGELA DAVIS, die Rassismus wie den Vietnamkrieg anprangerte. Zudem attraktive Frau, mein damaliges Schönheitsideal (von Beuteschema kann man bei einem 17jährigen Schüler noch nicht reden). Ihr Hochschullehrer war HERBERT MARCUSE, der damals berühmte Philosoph und Befürworter der Außerparlamentarischen Opposition. Er brachte es bis zum Dreigestirn „Marx, Mao, Marcuse“; der Chinese gehört da eigentlich nicht rein.

Wir lasen seine Schriften mit Enthusiasmus, eine Mischung aus frühem MARX und soziologisch gewendetem FREUD; so der linksliberale Duktus der KRITISCHEN THEORIE der emigrierten FRANKFURTER SCHULE. Und plapperten es nach. Unsere Pauker waren sprachlos. Die rhetorische Lufthoheit lag bei uns, den postpubertären 68zigern. Aber es gab eben auch interessierte Pauker, jedenfalls permissive (was wir „scheiss-liberal“ nannten, ziemlich rotzfrech). Vieles ist mir heute peinlich.

Zum Beispiel unser Gelächter über einen dieser Pauker, der sich in MARCUSE einlesen wollte und sich ein Buch vom dem Vielgelobten gekauft hatte. Suhrkamp Verlag. Aber er verstand uns noch weniger. Was war ihm passiert? Er war irrtümlich bei LUDWIG MARCUSE gelandet, anstelle von HERBERT. Ziemlicher Unterschied.

Tja, Dummheit lacht. Damals eben ich. Eigentlich war er, der von uns Pennälern Verlachte, ein guter Pauker. Und wir eben freche Schnösel. Jetzt stehe sentimental vor dem Grab von Onkel Herbert und erinnere mich an dessen Theorie der „repressiven Entsublimierung“ in „Triebstruktur und Gesellschaft“ (Bibliothek Suhrkamp, ein Hardcover), was für ein Zeitgeist, welch ein Konstrukt.

Logbuch

Gaffer – Hat Angela Merkel gezittert?

Die Bundeskanzlerin erlitt jüngst einen Zitteranfall. Statt sich um sie zu sorgen, steigerten sich Internet-Gaffer in groteske Häme hinein. Unser Autor Klaus Kocks analysiert dieses Verhalten und das Gaffertum als solches.

Wenn die freie Fahrt freier Bürger auf der Autobahn mal in einer Katastrophe endet, vor der sich der nachfolgende Verkehr staut, dann zücken viele der so Aufgehaltenen das Handy, um ein Erinnerungsfoto vom Blut auf dem Asphalt zu schießen. Das wird allgemein für obszön gehalten. Und doch bedarf es, das wissen wir alle, einer gewissen Disziplin, will man nicht doch einen Blick werfen auf das nahe Unglück. Menschen gaffen gern. Der Fotografierzwang der Handy-Generation oder aller, die sich trotz vorangeschrittenen Alters zu dieser zählen, hat die Unart zur Legion werden lassen. In geschwungenem Französisch spricht man vom Voyeurismus. Jüngst ging es den Voyeuren darum, ob die Kanzlerin bei einem Staatsempfang einen Schwächeanfall erlitten und gezittert habe. Dass der russische Propagandasender RT solche Bilder von der schwächelnden Frau anbot, versteht man; dass auch die bundeseigene Deutsche Welle die Gaffer bediente, weniger.

Die Verlockung des Tabubruchs

Aber es gibt eben auch das andere Laster, das prahlende Zurschaustellen um der Verlockung eines Tabubruchs willen. Die schmuddeligen Kontaktanzeigen in der Wochenzeitung nennen es „zeigefreudig“, wenn die Lust sich zu offenbaren gewohnheitsmäßig ins wirklich Peinliche hinüberwächst. Dieser Exhibitionismus ist aber nicht nur eine anerkannte Perversion des Sexualtriebes (vorwiegend bei Trenchcoatträgern angezeigt), sondern auch eine Grundausstattung der politischen Klasse. Wer die Höhen der Macht bereits erklommen hat, der mag eine vornehme Version des Zeigezwangs pflegen. Wer noch aus dem Getto nach oben will, muss auch schon mal ins Drastische gehen. Die Rechtspopulisten versuchen dabei zunehmend einen Blick in die braunen Abgründe ihrer Seele zu inszenieren. Andere Politiker bedienen sich fragwürdiger Outfits, um nur irgendwie mal aufzufallen. Bei den Grünen feiert sich ein Dichterfürst mit vermeintlicher Gattin, eine sogenannte Doppelspitze. Die von allen guten Geistern verlassene SPD diskutiert das Projekt Kevin & Gesine.

Das gaffende Interesse an der zitternden Kanzlerin ist obzön. Und dies hat nichts mit deren Recht auf Privatheit zu tun. Es ist eine staatsmännische Frage; eine staatsfrauliche gleichermaßen. Das Recht auf Privatheit haben wir alle; es ist ein Menschenrecht. Ich darf schweigen, ich darf mich verbergen, ich muss nicht an jedem Jahrmarkt der Eitelkeiten teilnehmen. Die Unversehrtheit meiner Wohnung ist ein Ausdruck dieser besonderen Form der Ausdrucksfreiheit des Individuums. Wer diese Privatheit den Menschen nehmen will, ist totalitär, ganz gleich, ob er nun ein vulgärer Diktator oder ein hipper Internetdienst ist. Aber darum ging es nicht, was Frau Merkel als Mensch betrifft. Es geht um die Person, wenn sie ein Amt ist.

Bundeskanzlerin Merkel: Wo bleibt die Trennung zwischen Amt und Person?

Man muss etwas begriffscharf fassen wollen: Die Bundeskanzlerin ist keine Person, sondern ein Amt. Sie hat als solche keinen Körper, sondern ist Teil des Staates. Die Literatur spricht von den „two bodies“, die die Herrscher hätten, von dem, den ihre Eltern mittels Zeugung, Schwangerschaft, Geburt und Aufzucht gemacht hätten und dem, den der Wähler kreiert hat. Mein Respekt gilt dem Amt. Und ich respektiere, dass sich jemand den Strapazen des Amtsträgertums aussetzt. „Dienend verzehre ich mich“, sagt der Preuße. Gut bezahlt ist der Job nicht. Ja, und es kann sein, dass der Amtsträger, die Person, die das Amt ausübt, physische oder psychische Symptome zeigt, die Anlass zu politischem Interesse sind. Ob die ältere Dame aus der Uckermark aber zittert, weil es am Wasser mangelt, das hat mich als Bürger nicht zu interessieren. Eigentlich.

Der Gaffer nimmt aber auf seine höheren Einsichten keine Rücksicht. Er rationalisiert. Er will ja nicht nur neugierig sein, er wüsste auch schon ganz gern, ob die Person überhaupt fit für’s Amt ist. Wem man das Gemeinwesen anvertraut, der soll auch in der Lage sein, es zu führen. Es ist ja nicht mehr so selten, dass man sich Sorgen um die geistige Gesundheit von Weltführern machen muss, in deren Händen rote Knöpfe zum Start von Massenvernichtungswaffen liegen. Eigenartiger Weise fallen die Irren auf den Thronen in der Gunst ihrer Wähler weniger wegen eines maladen Geisteszustandes als wegen Bedenken zur körperlichen Fitness. Das sitzt tief in uns Wählern, ein Erbe aus unserer biologischen Vergangenheit als Rudel. Wir wollen, dass der Leitwolf das stärkste Tier der Kohorte ist. Man nennt diese Zwangsvorstellung Vitalismus. Die alten Römer hatten dazu einen Spruch: In einem gesunden Körper steckt auch ein gesunder Geist.

Die Gaffer und Jean Claude Juncker

Der bald aus dem Amt scheidende EU-Kommissar Jean Claude Juncker galt Spöttern als Alkoholiker, da es Szenen gab, in denen er auf eine stützende Hand seiner Kollegen angewiesen war. Er soll, so das Narrativ der Gaffer, angeblich auch schon mal mit einem braunen und einem schwarzen Schuh im Parlament erschienen sein. Ich schätze seine Amtsführung und respektiere ihn als Person. Das halten die Feinde der Europäischen Idee aber für ein Menetekel. Die bereits genannten Römer waren da anders. Sie bestanden darauf, dass in der Nacht vor wichtigen Verhandlungen gezecht werden sollte, weil sie der Meinung waren, dass der Mensch unter Alkoholeinfluss die Fähigkeit verlöre, sich zu verstellen. Und Winston Churchill hätte die Unterstellung, er sei nüchtern, mit Verachtung gestraft. Und fit war der Zigarren rauchende Mann an der Krücke auch nicht.

Zu der Gesundheit haben die Götter die Schönheit gestellt. Und sie recht sparsam unter den Sterblichen verteilt. Man schaut bei weiblichen Politikern zudem aufmerksamer hin, eine Frage des gelernten Sexismus. Wir glauben in unserer Rudelseele, dass gut aussehende Menschen edel sind, während die Schurken ebensolche Gesichter ihr Eigen nennen. Und Schöne gesellen sich zu Schönen. Moralische Erhabenheit wird den hübschen Paaren zugewiesen; die Grünen sonnen sich gerade darin. Auch ein hohler Mythos der Macht. Als Barack Obama Präsident seines Landes war, hat man viel von seiner Selbstinszenierung bemerken können und er hat sie politisch eingesetzt. Ein schöner Mann mit großer Eloquenz in der Tradition des John F. Kennedy. Da freut sich die Gafferin. Was den jetzigen Amtsinhaber aber verachtenswürdig macht, ist nicht, dass er ein dicker weißer alter Mann ist. Das nicht. Das, liebe Gaffer, was hier fehlt, ist eine andere Dimension. Man kann es auf einem pic vom VIP nicht sehen.

Quelle: starke-meinungen.de