Logbuch

WHERE ABOUTS.

Wo ist der Zufluchtsort der Dichter? Das Arkadium? Wo ganz besonders, sollte man meinen.

Der SPIEGEL bespricht ein nachgelassenes Buch des verstorbenen Tilman Jens, Sohn des berühmten Walter Jens, Rhetorik-Professor zu Tübingen und Ikone der Intelligenz, namentlich der linken, in Westdeutschland. Der ewige Sohn starb von eigener Hand, in tiefer innerer Verzweiflung. Man sagt seinem Leben eine Reihe von Verzweifelungstaten nach.

Unter anderem war er angeblich bei dem frisch verstorbenen Schriftsteller Uwe Johnson eingebrochen, um sich Material für eine sogenannte Recherche zu besorgen. In dessen Exilbehausung. Das weiß auch der SPIEGEL, dessen Archiv berühmt ist (ein leerer Mythos). Was ich beitragen könnte zur Literaturgeschichte, ist eine Angabe, wo genau das war. Das weiß kein Mensch. Nämlich in Sheerness, Kent, England, auf der Isle of Sheppey. Gegenüber von Joes Café, was kein Kaffeehaus war, sondern eine elender Schnellimbiss, berühmt für bangers with mesh.

Sheerness ist eine schmutzige Hafenstadt, ehemaliger Kriegshafen, der zeitweise eine Wiederbelebung erfuhr, weil hier die Kanalfähre namens OLAU von Vlissingen, Holland, anlegte. Ich hatte in einem unsäglichen B&B übernachten müssen, weil ich die Abendfähre verpasst hatte, und frühstückte nun auf Empfehlung der Pensionswirtin bei Joe, nämlich Bratwürste mit Kartoffelbrei. Am Nachbartisch ein deutsches TV-Team. Es wollte die Bude filmen, in die Tilman Jens eingebrochen war, auf der anderen Straßenseite.

Ich bin nicht sicher, ob das jetzt die Literaturgeschichte bereichert, aber erwähnen wollte ich es doch. Sozusagen als Zeitzeuge. Muss Mitte der Achtziger gewesen sein. Wie gesagt in Sheerness. Was mag Uwe Johnson hierhin getrieben haben?

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DER GEGNER IST NICHT DAS PROBLEM.

Ich weiß nicht, ob man sich an Bill Clinton erinnert, der Amerikanische Präsident, der zwei Amtszeiten gemacht hat. Vielleicht eher an seine Gattin Hillary, die von sich meinte, es auch zu können, weil sie schon immer der geniale Teil der Ehe gewesen sei, und krachend scheiterte. Man hat hier in Europa gar nicht nachempfunden, wie unbeliebt Hillary Clinton und ihre Demokratische Partei waren, als sie gegen Donald Trump und seine Republikanische Partei antraten. Und ihm, dem Unsäglichen ins Amt verhalfen. Aber ich schiesse mich nicht auf Hillary ein, so wie es Dick Morris getan hat, Bills Freund und Wahlkampfmanager; Dick ist mittlerweile eine ganz tragische Figur. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Ich saß mit Dick Morris in Paris an der Bar und er sollte in einer halben Stunde einen Vortrag halten, auf einer meiner Veranstaltungen. Erstens kriegte er ein Honorar, für das man einen Kleinwagen erwerben hätte können. Zweitens trank er (obwohl Nachmittags). Drittens hatte er acht Fragen. Nur acht, aber die schon. Ich meine, das muss man können, eine geschlagene Stunde vor zweihundert Fachleuten reden, und keine Ahnung gehabt zu haben, wo man eigentlich engagiert ist und warum. Dick Morris sprach über „campaigning“. Das ist zu allererst die Fähigkeit eine ARCHITEKTUR der POLITISCHEN KOMMUNIKATION zu entwerfen. Das ist das, was zum Beispiel den GRÜNEN fehlt.

Die achte Frage des genialen Dick: „Hast Du die Macht, Dich bei Deinen eigenen Leuten durchzusetzen?“ Da war er sehr entschieden. Man scheitere immer im eigenen Lager. Wenn nicht an Intrigen, dann an Dummheiten der Mitarbeiter. In den harten Worten des New Yorkers: THE ENEMY IS IN YOUR HQ. Der Feind sitzt im eigenen Hauptquartier. Das war übrigens auch die Grundidee der sogenannten Campas der SPD, raus aus der Parteizentrale, möglichst auf‘s freie Feld, lieber auf einen anderen Stern.

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WAHLKAMPF KANN JA JEDER.

Journalisten legen großen Wert darauf, keine PR-Berater zu sein. Politische Journalisten den allergrößten, dass sie selbst nicht Wahlkampf für irgendwen betreiben. Die Mietmäuler, das sind die Öffentlichkeitsarbeiter. Das ist in Ordnung, weil es tatsächlich unterschiedliche Rollen sind. Die moralischen oder juristischen Überhöhungen, mit denen sich die Presse selbst ziert, wenn sie sich als Agens der WAHRHEIT oder VIERTE GEWALT sieht, sollte man ihr zubilligen. Journalisten sind wichtig, werden aber lausig bezahlt, gehören also respektiert.

Eigenartig ist allerdings die Neigung, der jeweils anderen Seite Ratschläge zu erteilen. Unter den PR-Leuten sind es nicht die hellsten Kerzen auf der Torte, die Journalisten auf den Block diktieren wollen, was sie gerne im Blatt läsen. Jüngst lese ich noch in den Sozialen Medien die Petiten eines ehemaligen Firmen-Sprechers (ein „has-been“ der Autoindustrie) dazu, was man nach seiner Meinung über seine alte Firma lesen können soll. Vollmundige Rüge. Medienschelte. Da kann man nur seufzen.

Ebenso wundersam sind die Ratschläge von Journalisten an die Wahlkampfmanager, zum Beispiel dazu, wie man eine sogenannte PR-Krise hätte vermeiden können. Siehe letzte Runde in der Causa BAER & BOCK. Im Handumdrehen ist dann aus einem Pressevertreter ein PR-Genie geworden. In einigen Fällen feiert sich dabei auch noch ein besonderer Zynismus: der Jäger erklärt dem Gejagden, wie er es hätte vermeiden können, dessen Opfer zu werden. Ich glaube, das nennt sich neudeutsch VICTIM BLAMING. Erst niederschreiben, dann bemitleiden, schließlich belehren.

Erfahrene PR-Leute wissen, dass Journalisten kein PR können. Die essen zwar gern, können aber nicht kochen. Der gesamte Medienprozess besteht im Hochkochen, Würzen und Anrichten von NEWS, sprich GESCHICHTEN; das sind die Gerichte. Es ist tatsächlich wie in der Gastronomie. Einige essen gern, andere kochen gern. Die Gourmets der Gerichte sind die Journalisten, die Köche die PR-Manager. Einige wenige; es gibt nicht viele Sterneköche in der PR. Dazwischen laufen sich Heerscharen von Kellnern die Füße platt. Aber das gehört zum blinden Fleck des Journalismus, dass er von PR lebt; ein Tabu.

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Gaffer – Hat Angela Merkel gezittert?

Die Bundeskanzlerin erlitt jüngst einen Zitteranfall. Statt sich um sie zu sorgen, steigerten sich Internet-Gaffer in groteske Häme hinein. Unser Autor Klaus Kocks analysiert dieses Verhalten und das Gaffertum als solches.

Wenn die freie Fahrt freier Bürger auf der Autobahn mal in einer Katastrophe endet, vor der sich der nachfolgende Verkehr staut, dann zücken viele der so Aufgehaltenen das Handy, um ein Erinnerungsfoto vom Blut auf dem Asphalt zu schießen. Das wird allgemein für obszön gehalten. Und doch bedarf es, das wissen wir alle, einer gewissen Disziplin, will man nicht doch einen Blick werfen auf das nahe Unglück. Menschen gaffen gern. Der Fotografierzwang der Handy-Generation oder aller, die sich trotz vorangeschrittenen Alters zu dieser zählen, hat die Unart zur Legion werden lassen. In geschwungenem Französisch spricht man vom Voyeurismus. Jüngst ging es den Voyeuren darum, ob die Kanzlerin bei einem Staatsempfang einen Schwächeanfall erlitten und gezittert habe. Dass der russische Propagandasender RT solche Bilder von der schwächelnden Frau anbot, versteht man; dass auch die bundeseigene Deutsche Welle die Gaffer bediente, weniger.

Die Verlockung des Tabubruchs

Aber es gibt eben auch das andere Laster, das prahlende Zurschaustellen um der Verlockung eines Tabubruchs willen. Die schmuddeligen Kontaktanzeigen in der Wochenzeitung nennen es „zeigefreudig“, wenn die Lust sich zu offenbaren gewohnheitsmäßig ins wirklich Peinliche hinüberwächst. Dieser Exhibitionismus ist aber nicht nur eine anerkannte Perversion des Sexualtriebes (vorwiegend bei Trenchcoatträgern angezeigt), sondern auch eine Grundausstattung der politischen Klasse. Wer die Höhen der Macht bereits erklommen hat, der mag eine vornehme Version des Zeigezwangs pflegen. Wer noch aus dem Getto nach oben will, muss auch schon mal ins Drastische gehen. Die Rechtspopulisten versuchen dabei zunehmend einen Blick in die braunen Abgründe ihrer Seele zu inszenieren. Andere Politiker bedienen sich fragwürdiger Outfits, um nur irgendwie mal aufzufallen. Bei den Grünen feiert sich ein Dichterfürst mit vermeintlicher Gattin, eine sogenannte Doppelspitze. Die von allen guten Geistern verlassene SPD diskutiert das Projekt Kevin & Gesine.

Das gaffende Interesse an der zitternden Kanzlerin ist obzön. Und dies hat nichts mit deren Recht auf Privatheit zu tun. Es ist eine staatsmännische Frage; eine staatsfrauliche gleichermaßen. Das Recht auf Privatheit haben wir alle; es ist ein Menschenrecht. Ich darf schweigen, ich darf mich verbergen, ich muss nicht an jedem Jahrmarkt der Eitelkeiten teilnehmen. Die Unversehrtheit meiner Wohnung ist ein Ausdruck dieser besonderen Form der Ausdrucksfreiheit des Individuums. Wer diese Privatheit den Menschen nehmen will, ist totalitär, ganz gleich, ob er nun ein vulgärer Diktator oder ein hipper Internetdienst ist. Aber darum ging es nicht, was Frau Merkel als Mensch betrifft. Es geht um die Person, wenn sie ein Amt ist.

Bundeskanzlerin Merkel: Wo bleibt die Trennung zwischen Amt und Person?

Man muss etwas begriffscharf fassen wollen: Die Bundeskanzlerin ist keine Person, sondern ein Amt. Sie hat als solche keinen Körper, sondern ist Teil des Staates. Die Literatur spricht von den „two bodies“, die die Herrscher hätten, von dem, den ihre Eltern mittels Zeugung, Schwangerschaft, Geburt und Aufzucht gemacht hätten und dem, den der Wähler kreiert hat. Mein Respekt gilt dem Amt. Und ich respektiere, dass sich jemand den Strapazen des Amtsträgertums aussetzt. „Dienend verzehre ich mich“, sagt der Preuße. Gut bezahlt ist der Job nicht. Ja, und es kann sein, dass der Amtsträger, die Person, die das Amt ausübt, physische oder psychische Symptome zeigt, die Anlass zu politischem Interesse sind. Ob die ältere Dame aus der Uckermark aber zittert, weil es am Wasser mangelt, das hat mich als Bürger nicht zu interessieren. Eigentlich.

Der Gaffer nimmt aber auf seine höheren Einsichten keine Rücksicht. Er rationalisiert. Er will ja nicht nur neugierig sein, er wüsste auch schon ganz gern, ob die Person überhaupt fit für’s Amt ist. Wem man das Gemeinwesen anvertraut, der soll auch in der Lage sein, es zu führen. Es ist ja nicht mehr so selten, dass man sich Sorgen um die geistige Gesundheit von Weltführern machen muss, in deren Händen rote Knöpfe zum Start von Massenvernichtungswaffen liegen. Eigenartiger Weise fallen die Irren auf den Thronen in der Gunst ihrer Wähler weniger wegen eines maladen Geisteszustandes als wegen Bedenken zur körperlichen Fitness. Das sitzt tief in uns Wählern, ein Erbe aus unserer biologischen Vergangenheit als Rudel. Wir wollen, dass der Leitwolf das stärkste Tier der Kohorte ist. Man nennt diese Zwangsvorstellung Vitalismus. Die alten Römer hatten dazu einen Spruch: In einem gesunden Körper steckt auch ein gesunder Geist.

Die Gaffer und Jean Claude Juncker

Der bald aus dem Amt scheidende EU-Kommissar Jean Claude Juncker galt Spöttern als Alkoholiker, da es Szenen gab, in denen er auf eine stützende Hand seiner Kollegen angewiesen war. Er soll, so das Narrativ der Gaffer, angeblich auch schon mal mit einem braunen und einem schwarzen Schuh im Parlament erschienen sein. Ich schätze seine Amtsführung und respektiere ihn als Person. Das halten die Feinde der Europäischen Idee aber für ein Menetekel. Die bereits genannten Römer waren da anders. Sie bestanden darauf, dass in der Nacht vor wichtigen Verhandlungen gezecht werden sollte, weil sie der Meinung waren, dass der Mensch unter Alkoholeinfluss die Fähigkeit verlöre, sich zu verstellen. Und Winston Churchill hätte die Unterstellung, er sei nüchtern, mit Verachtung gestraft. Und fit war der Zigarren rauchende Mann an der Krücke auch nicht.

Zu der Gesundheit haben die Götter die Schönheit gestellt. Und sie recht sparsam unter den Sterblichen verteilt. Man schaut bei weiblichen Politikern zudem aufmerksamer hin, eine Frage des gelernten Sexismus. Wir glauben in unserer Rudelseele, dass gut aussehende Menschen edel sind, während die Schurken ebensolche Gesichter ihr Eigen nennen. Und Schöne gesellen sich zu Schönen. Moralische Erhabenheit wird den hübschen Paaren zugewiesen; die Grünen sonnen sich gerade darin. Auch ein hohler Mythos der Macht. Als Barack Obama Präsident seines Landes war, hat man viel von seiner Selbstinszenierung bemerken können und er hat sie politisch eingesetzt. Ein schöner Mann mit großer Eloquenz in der Tradition des John F. Kennedy. Da freut sich die Gafferin. Was den jetzigen Amtsinhaber aber verachtenswürdig macht, ist nicht, dass er ein dicker weißer alter Mann ist. Das nicht. Das, liebe Gaffer, was hier fehlt, ist eine andere Dimension. Man kann es auf einem pic vom VIP nicht sehen.

Quelle: starke-meinungen.de