Logbuch

DER RATTENKÖNIG.

Paris, die erhabene unter den Metropolen, hat 10 Millionen Einwohner, deren Geselligkeit sprichwörtlich ist, und der Hang zum Kulinarischen. 2 Millionen sind Menschen und 8 Millionen Ratten, Rudelwesen mit ausgesprochenem Komforttrieb. In London und New York sind die Zahlenverhältnisse ähnlich. Da man offensichtlich miteinander auskommt, sprich der Franzmann von „cohabitation“, was beides meint, das Zusammenleben wie die Fortpflanzung.

Eine ordinäre Wanderratte hat bis zu 84 Nachkommen lese ich; die Fruchtbarkeit wächst mit den Wohnverhältnissen („Bauten“ als Nester) und dem Nahrungsangebot. Deshalb wird es schnell voll, wo es dem geselligen Nager wohl ist. Zum Speisezettel zwei Hinweise. Historisch war die Ratte der unvermeidliche Gast des kornmahlenden Müllers; heute lebt sie vom reichhaltigen Fast-Food-Angebot, und zwar als zweiter Gast, der die Reste des ersten im Verpackungsmüll genießt. Die Metropolen sind voll von Kurieren, die die ersten wie die zweiten Kunden Tag und Nacht versorgen.

Zweiter Hinweis: Ratten reichen die noch in den Fäkalien vorhandenen halbverdauten Nahrungsmittel vollständig zum Überleben, solange es zusätzlich Wasser gibt, sprich Abwasser. Wenn ein Hundehaufen zum Dinner reicht, dann ist der Tisch in Metropolen reichlich gedeckt. Bevor man mit seinem Ekel zu kämpfen beginnt: eine Hauptnahrungsquelle in Vorstädten ist das den herzallerliebsten Piepmätzen dargebotene Futter, das sich nachts die Ratten holen, denen es vergönnt ist, an senkrechten Wänden spielend hoch zu klettern. Wir kohabitieren.

Seit einer Erwähnung in den frühen Gedichten Brechts faszinieren mich RATTENKÖNIGE, das sind zehn, zwanzig Ratten, deren Schwänze so miteinander verknotet sind, dass der unlösbare Verwuchs ein Rad von Ratten erzeugt, einem vielköpfigen Ungeheuer gleich. Es gibt Zeugnisse, dass das Knäuel von anderen Ratten gefüttert wird. Man findet dazu Präparate in Naturkundemuseen. Aber der Ursprung ist sozialer Art. London hatte im 19. Jahrhundert zur Bekämpfung der Rattenplage Prämien für Rattenkadaver ausgelobt, allerdings wieder eingestellt, weil nach einiger Zeit in den Vorstädten Rattenzuchten als Gewerbe entstanden waren, zum Abgreifen der Staatsknete.

Das wiederum lese ich bei KIPLING in einer bisher unbekannten Erzählung namens THE TAIL-TIED KING, die ich im Lesesaal des Britischen Museums in Bloomsbury zufällig als Manuskript in einem alten Folianten entdecke. Schöner Titel. Ich werde dazu auf der nächsten Jahrestagung der Kipling Society was erzählen; der Aufsatz ist fast fertig: THE TAIL-TIED RAT KING.

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UNHÖFLICH.

In einem völlig leeren Lokal in Mitte setzten sich Touristen an den Nachbartisch. Der Familienvater spricht mich an, stellt sich mit dem Vornamen und durch Handschlag auf meine Schulter vor. Ich entscheide mich zu gehobener Unhöflichkeit.

Ein spanischer Fußballfunktionär teilt einer siegreichen Fußballspielerin seine Freude mit, indem er sie initiativ auf den Mund küsst. Empörung. Ein Wangenkuss wäre noch gegangen, insbesondere ein nur angedeuteter. In der Bussi-bussi-Kultur macht man das links und rechts; vielleicht sogar noch ein drittes Mal. Bruderküsse. Einigkeit besteht, dass spätestens der Mundkuss, allemal der Zungenkuss Ausdruck von Intimität ist; also sozial exklusiv.

Es geht um den Grad der Annäherung, der möglichst gering auszufallen hat, will man nicht übergriffig werden. Ein österreichischer Handkuss ist eine nur angedeutete Lippen-Berührung der gehaltenen Hand der Gnädigen; man schleckt aber nicht die Pfote mit der Zunge ab. Wie überhaupt der extensive Austausch von Körperflüssigkeiten dem Sexualleben vorbehalten sein sollte, wo der biologische Sinn ja herkommt. Konsens vorausgesetzt.

Wir sind bei den Umarmungen, dem verbrüdernden Körperkontakt, und den Gesten der Ehrerbietung, mit oder ohne Berührungen. Die hochgereckte Arbeiterfaust, wie wir sie noch von Teddy Thälmann gelernt haben, ist neuerdings diskreditiert, weil Trump sie missbraucht. Ach so, Nachricht nach Sachsen: der durchgestreckte Arm geht nicht mehr, laut BRD-Gesetzgebung verboten.

Wer sich nähert, hat vorher zu grüßen. Rituale der Anerkennung, zum Teil der Freundlichkeit oder gar der Freundschaft oder der Intimität. Höflichkeit ist eine Zier, heißt es. Sie entsteht im ausgehenden Mittelalter an Höfen als Kultivierung von Verhalten, das die Grobheiten des Landadels oder gar der Bürger und Bauern meidet. Daraus bildet sich Etikette und Manieren. Letztere sah meine Frau Mutter als Teil ihres Erziehungsauftrages. Etwa, dass der Handschlag zur Begrüßung durch den Knaben mit dem „schönen Händchen“ zu erfolgen habe, schon dem Wortlaut nach albern.

Ich erlebe einen Kurarzt, der bei der Visite statt des Händegebens (Gefahr der Durchseuchung) einen „Diener“ anbietet; er wird nicht viele Patienten finden, die die leichte Verbeugung noch verstehen. Aber er hat natürlich Recht. So wie der operierende Chirurg gut beraten ist, seinem Patienten mit einem festen Händedruck Vertrauen zu schenken. Wertschätzung und Respektsbezeugungen, die Höflichkeit ritualisieren.

Wie mich erzwungene Nähe zunehmend irritiert. Höflichkeit heißt Distanz wahren.

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MEUTEREI.

Wenn sich eine brave Schiffsbesatzung in eine MEUTE verwandelt, also den Aufstand übt gegen die Führung, spricht man seit der legendären Rebellion auf dem Segler Bounty Ihrer Majestät von „mutiny“, der Meuterei. Im Militärischen erwartet man dann, dass die Meuterer am Mast baumeln.

Ich lausche gestern Abend dem BBC-Korrespondent in Moskau bei den Versuchen, zu den Spekulationen um den Flugzeugabsturz des Anführers der WAGNER-Miliz etwas Verlässliches zu sagen, obwohl er vor Ort nicht mehr weiß, als wir an den Fernsehschirmen. Ich kenne Steven Rosenberg noch aus seiner Berliner Zeit und schätze ihn sehr. Er ist klug und kennt das Land, er ist mutig, aber was soll er sagen?

Es bleiben nur Konditionalsätze: Wenn (!) der Marsch auf Moskau eine Meuterei der Legionärstruppe Wagner gegen das reguläre Militär war, gar gegen die Militärische Führung, gar gegen die Politische, dann wird Putin nichts bleiben, als die Meuterer ostentativ aufzuknüpfen. Dann wäre das brennende Wrack des Privatjets eine Botschaft. Und die Zuschauer zufrieden. Das haben wir erwartet, also alles gut.

Die Deutung geschichtlicher Ereignisse hängt davon ab, für welches Narrativ ich mich eingangs entscheide. Geschichte folgt aus Geschichten. Rosenberg erwähnt auch, dass der Wagner-Boss in Leningrad eine Hamburgerbude hatte und als Putins Koch begonnen. Ich war in St. Petersburg mal mit hochrangigen Gas-Managern in einem Luxusrestaurant, das ihm gehörte; ein umgänglicher Kerl, wurde mir dort versichert. Vodkaseeliger Abend; habe vergessen, wer da alles dabei war. Diese Stories führen zu nichts oder in eine andere Richtung. Vor allem: diese Narrationen brächten im Moment keine Erleichterung beim Fernsehzuschauer.

Mir wird wieder klar, dass unsere Genugtuung darüber, die Nachrichten verstanden zu haben, davon abhängt, ob wir Erzählungen finden, die Ereignisse in solche Konditionalsätze packen können. Es geht immer um geliehene Plausibilität.

Und hinter all den geliehenen Plausibilitäten herrscht der Kinderglaube, dass Politik Sinn macht. Da bin ich nicht sicher. Wir könnten es mit einem Irrsinn vielfältigster Art zu tun haben. Ob uns daraus die „werteorientierte Außenpolitik“ der Frau Baerbock befreit, für die „unsere Werte und unsere Interessen zwei Seiten ein und derselben Medaille“ sind, wie die betont Kriegsbereite jüngst erläutert, daran habe ich ganz besonderen Zweifel.

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Was bei uns zählt: jeder einzelne, je einzeln, von Angesicht zu Angesicht

Mich befremden diese grölenden Horden. Ich fürchte sie, wenn sie sich auch noch vermummen. Im Netz werden sie Trolle genannt, die Barbaren mit den anonymisierenden „nick names“. Im wirklichen Leben tarnen sie sich in Uniformen oder mit Gangstertüchern. Im Pogrom hat das Opfer ein Gesicht und die Täter tragen die Kapuzen des Ku-Klux-Klan. Gelegenheit, über den ganzen faulen Zauber zu sagen: nicht in meinem Namen.

Der Grundpfeiler des westlichen Begriffs von Freiheit ist der absolute Wert des Individuums. Er wird erst da relativ, wo die anderen absoluten Werte berührt sind. Das ist mittels Zivilisation erkämpftes Terrain. Den Machtanspruch der Familie und der Sippe galt es zurückzudrängen. Aus Leibeigenen wurden vielleicht keine Herren, aber sie blieben auch keine Sklaven. Und die bedingungslose Beherrschung durch den Staat oder die Religion musste unterbunden werden. Die wesentliche zivilisatorische Leistung der Moderne besteht darin, die Menschenwürde für unveräußerbar zu halten. Mord ist, das war mal anders in Preußens Gloria, keine Heldentat mehr.

Das Verbrechen sucht seitdem das Dunkel. Bei Tageslicht verbirgt es sich durch Uniformen oder mittels Staubtüchern. Ich will aber die Gesichter sehen und die Namen kennen. Das ist westliche Kultur. Damit unvereinbar sind Diktaturen, die Ansprüche vermeintlicher Kollektive über die Selbstverwirklichungsrechte der Individuen stellen. Damit unvereinbar sind Religionen, die Macht ausüben wollen, um das Individuum zugunsten eines Kollektivs zu tilgen. Wir zwingen unsere Frauen und Töchter nicht unter Schleier.

Ein Individuum hat ein Antlitz. Wir bringen nicht, in Abenteuerlust vermummt, Ungläubige um. Wir köpfen keine Journalisten. Und weil dem so ist, haben wir zum Gesicht einen Namen. Der Herr ruft uns bei unserem Namen. Das ist der Herr jener Religionen, die sich um die Zivilisation verdient gemacht haben; das sind nicht alle. Das, was man einen „gerechten Gott“ nennt, das schwelgt nicht unerkannt in Machtmissbrauch und Mord.

Bei den Rittern sprach man vom offenen Visier, das unter dem Helm des Gesicht des Knappen zeigt. So soll es sein. Damit ist es Zeit einzuräumen, dass die Unkultur der anonymen „nick names“ in der Blogosphäre entweder kindisch oder kriminell ist. Wir reden, da wir den Kindergarten verlassen haben, nicht mit mehr Kasperpuppen; warum sollten wir es mit Sockenpuppen tun? Und so befremden mich im Netz die Videoclips von Exekutionen, die vermummte Engländer im Namen des Islam an amerikanischen Journalisten verüben, wie die dazu als „nick names“ schwadronierenden Heckenschützen bösen Willens, die von „shit storm“ zu „shit storm“ eilen und in der ZEIT ein Forum für Antisemitismus erhalten, für das sich die Redaktion nur sehr halbherzig entschuldigt.

Das sei der Preis der Freiheit. Im Netz darf man das. Oh nein, der Troll ist Faschist, so oder so. Da ist die sanftmütige Aufforderung, ihn nicht unnötig zu füttern, den Troll-Fascho, ein skandalöses Appeasement. Kein Raum den Trollen. Kein Raum für Vermummung. So einfach ist das.

Quelle: starke-meinungen.de