Logbuch

NATIONALHYMNE.

Wenn ein Staat stolz auf sich selbst ist, dann denkt er sich ein stolzes Lied aus, dem er eine hoheitliche Geltung zubilligt. Das ist dann sowas wie die Nationalflagge in Musik. Diesen Gesslerhut gilt es fürderhin zu grüßen.

Wenn die Geschichte eines Landes Anlass zu Selbstzweifel gibt, so bezieht das natürlich auch den Wortlaut der Hymne ein.  Wir Deutsche haben ein schönes Stück aus der Zeit, als es die deutsche Nation nur als Sehnsucht und noch nicht als Wirklichkeit gab. Es stammt von einem Herrn Hoffmann aus Wolfsburg. Guter Mann!

Dessen Widerwillen gegen feudale Kleinstaaterei kann man aber auch faschistisch lesen. Dann wird aus „Deutschland über alles in der Welt“ der Appell zu rassistischer Überlegenheit. So ein anderer Herr, der Wolfsburg gründete, namens Hitler. Furchtbarer Mann. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Ich finde die Verwirrungen zwischen der ersten und der dritten Strophe des DEUTSCHLANDLIEDES eigentlich heilsam. Lass uns die Strophen des Wolfsburger Lieds vergessen und einen neuen Text dichten, der sagt, wer wir sind, was uns ausmacht und wohin wir wollen. Wir als Deutsche! Ja, alle! Nicht nur die alten Kameraden. Ja, auch die Zuwanderer und die randständigen Bauerndeppen im Süden und in Sachsen. Was ist das deutsche Wesen?

Wir könnten es mit einem Gründungsmythos probieren. Dabei sind nur Schufte bescheiden. Ich zitiere die Piratennation, Mutter unserer Demokratie, die Engländer:

„Als Britannien erstmals, auf Geheiß des Himmels,
aus der blauen See entstieg,
war dies die Gründung des Landes,
und Schutzengel sangen diese Melodie:
|:Herrsche, Britannia! Britannia beherrsche die Wellen;
Briten werden niemals Sklaven sein.:I
Die Nationen, die nicht so gesegnet sind wie du,
werden mit der Zeit Tyrannen anheimfallen;
während du blühen sollst groß und frei,
zu ihrer aller Schrecken und Neid.
|:Refrain:|
Noch majestätischer sollst du aufsteigen,
noch schrecklicher durch jeden fremden Schlag;
weil das laute Krachen, das die Himmel zerreißt,
nur dazu führt, deine eingeborene Eiche zu verwurzeln.
|:Refrain:|
Dich sollen hochmütige Tyrannen niemals zähmen;
alle ihre Versuche dich niederzubeugen,
werden nur deine edelmütige Flamme anfachen,
und nur für deren Leid und deinen Ruhm sorgen.
|:Refrain:|
Dir gehört die Herrschaft über das Land,
Deine Städte sollen im Glanze des Handels strahlen;
Ganz dein soll sein das Meer als Untertan,
und jedes Gestade dein, das es umschließt.
|:Refrain:|
Die Musen, noch mit Freiheit zu finden,
sollen zu deiner glücklichen Küste zurückkehren;
Gesegnetes Eiland! Mit einzigartiger Schönheit gekrönt,
und mit mannhaften Herzen, die Schöne zu schützen.“

Dazu haben wir Deutsche nicht die Kraft, fürchte ich. Wir sind keine kühnen Piraten, sondern einfach nur über die eigenen Füße auf die Fresse gefallen. Wir sind Olaf. Also nehmen wir doch von Drafi Deutscher (sic) lieber „Marmor, Stein und Eisen bricht…“? Da kann ich wenigstens den Text.

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GUTE BUTTER.

Wir erhalten immer mehr LEBENSMITTEL, die den Schein wahren, aber die Substanz mindern. Magerstufen aus Prinzip, JUNK FOOD, das ist, was sie bei den Nahrungskonzernen entwickeln. Ein Betrug ganz eigener Art.

Mein Verdacht entstand, als die Butter verschwand. In den Regalen nur noch ölhaltige Aufstrichware, selbst bei den Iren, die ich nun wirklich für bodenständig gehalten hatte. Aber man hätte schon bei dem Sixpack Guinness aufmerken sollen. Die Halbliterdose enthält bei näherem Hinsehen nur noch 0,44 Liter; stattdessen ein alberner Plastikwirbel in der Büchse. Bei fester Nahrung aus industrieller Fertigung wird nicht nur in der Menge gefummelt, sondern auch in der Qualität; es gilt zunehmend ein Unreinheitsgebot.

Das ist schon immer eine Domäne der Täuschung gewesen, die Vermarktung von billiger Margarine. Sanella klingt wie Sahne, Botteram wie Butterrahm. Rama wie Rahm. Milsani wie Milch und Sahne. Vortäuschung falscher Tatsachen. Der Euphemismus, der das Panschen tarnen soll, lautet „streichzart“. GUTE BUTTER hat man uns genommen. Der Unsinn begann in den USA mit vorgetäuschter Gesundheitsfürsorge.

Die Logik ist klar: das industriell erzeugte Lebensmittel soll zwar noch an die ursprüngliche Speise erinnern, aber aus wesentlich billigerem Material erzeugt und deutlich länger haltbar sein. Wir erhalten vermehrt nur noch Nahrungsersatzstoffe. Der Bio-Trend fügt sich in diese Alchemie der Verbrauchertäuschung wunderbar ein.

Mir fällt auf, dass selbst bei Knäckebrot der Weizen weicht und durch Roggen ersetzt wird. Und das liegt nicht am Krieg in der Ukraine, wetten?

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SCHULERINNERUNG.

Ich hatte das Privileg, ein liberal geführtes Gymnasium zu besuchen, in dem der Geist der „libertas bavariae“ herrschte, unter anderem weil ein allseits geschätzter Pauker von der „Münchner Lach- und Schiessgesellschaft“ kam, dem damals führenden politischen Kabarett. Das andere Bayern. Klar weiß ich seinen Namen noch. Er steht mir vor Augen.

Und es gab in Kollegium den schneidigen alten Kameraden, der seine Wut auf die Linke, namentlich die ApO, in den Unterricht fließen ließ. Seine Klassenarbeiten waren regelmäßig Agitationsstücke. Ich weiß seinen Namen noch und sein Motto: „Tue recht und scheue niemand.“ Dabei die Hacken zusammenschlagend.

Wir wollten den Reaktionär in der Schülerzeitung vorführen; es fehlte mir aber an journalistischem Geschick. Da half mir ein dritter Pauker; das durfte natürlich niemand erfahren. Dessen Namen und alle Umstände erinnere ich sehr gut. Aber ich halte die Klappe. Ein publizistisches Schlitzohr war geboren. Mein erstes investigatives Stück war, obwohl von mir gezeichnet, gar nicht von mir.

Das alles ist mehr als 50 Jahre her. Die aktuellen Erinnerungslücken niederbayrischer brauner Buben beziehen sich auf eine Frist von 36 Jahren. Ich schenke dem keinen Glauben. Und ich weiß, wes Geistes Kind jene sind, die ihre rechtsextreme Agitation mit „Recht tun und niemanden scheuen“ begründen. „Weitermachen, keine Meldung!“

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Die Vierte Gewalt macht vor nichts halt

Das Konzil tagt, der Kongress tanzt. Zur jährlichen Tagung des Journalistenvereinigung namens „Netzwerk Recherche“ reisen die Spitzen der schreibenden Zunft nach Hamburg, wo der NDR auf seinem Kombinatsgelände im  Norden der Stadt den professionellen Disputen der notorischen Aufklärer Raum bietet. Man kann hier sehen, wie der nachkriegsbeseelte Geist der englischen Besatzer von einer deutschen BBC in einem Kombinats-Konstrukt untergebracht ist, das Erich Mielke erdacht zu haben scheint. Der über Gebühren zwangsfinanzierte Gigant ziert sich einmal im Jahr mit den investigativen Exoten, weil sie eben jene Idee vertreten, die er tagtäglich mit Füßen tritt. Ein Weißwäscherkongress. Aber das ist, wie Kipling sagt, ein anderes Thema.

Das Netzwerk selbst versteht sich als Vereinigung des Investigativen unter den Journalisten, also der creme de la creme. Der unverwüstliche Kuno Haberbusch bringt hier 300 Referenten auf die Bühne und junge Journalisten können bestaunen, wie die Idole ihrer jugendlichen Berufswahl in die Jahre gekommen sind. Günter Wallraff, der RTL-erprobte Dieter Bohlen der Camouflage-Reportage, ist da. Aber auch seriöse Rechercheure wie das Paradigma Georg Mascolo oder Altmeister Hans Leyendecker. Sascha Lobo, sagt er mir im Zug nach Hamburg, hat diesmal leider einen anderen Termin.

Ich freue mich auf Steffen Grimberg, den man in der taz so sehr vermisst, und darf Ulrike, die sichtbar abgenommen hat und ganz besonders bezaubernd aussieht, begrüßen. Ein BBC-Kollege verrät im Fußballtrikot referierend von der Bühne geheimdienstliche Tricks. Man hört englische und amerikanische Töne auf dem Pausenhof. Für einen Nachmittags riecht der NDR nicht nach diesem Kleinbürgermief kenntnisfreien Besserwissertums, sondern nach großer Welt. Ich fahr gern hierhin. Es lohnt sich immer, und ich empfinde meine Teilnahme wie eine Art Klassentreffen. Nur einer fehlte, stelle ich nachsinnend fest, John Locke.

Man diskutiert über „aktivistischen Journalismus“. Das ist das Engagement von Journalisten für ein gesellschaftspolitisches Ziel, das sie in ihrer Arbeit unter allen Umständen befördern wollen. Für eine Natur ohne Gene und eine Welt ohne Atome, zum Bespiel. Ich kenne so etwas aus der Innensicht. In Niedersachsen etwa gibt es eine Bürgerinitiative, die sich bei freien Redakteuren des örtlichen NDR per Mail Beiträge mit gezielter Polemik regelrecht bestellt, die dies auch dann liefern, wenn sie anschließend vor Gericht genau dafür eine Klatsche kriegen. Hallo Niedersachsen! Die Redakteure verstehen sich als Aktivisten und haben selbst für erheblichen Dehnungen der Wahrheit keine Scheu, wenn es denn der guten Sache dient.

Der BILD-Kritiker Stefan Niggemeier findet es ganz OK, wenn er versucht in Gesetzgebungsprozesse einzugreifen, weil es ja seiner Gesinnung entspricht. Interessant ist der Wortlaut, in dem die ideologische Fixierung begründet wird: „Ich habe mir das ja vorher recherchiert.“ sagt er. Man kann Recherche grammatisch also reflexiv gebrauchen. Ich recherchiere mir was. Und damit ist legitimiert, dass ich als Journalist Einfluss zu nehmen gedenke auf die Legislative. Seine Unabhängigkeit zeige sich darin, dass er sich nicht von Google habe bezahlen lassen. Das glaube ich. Bestechlichkeit ist hier weder Tugend noch Praxis, jedenfalls Bestechlichkeit durch Geld. Ideologische Korrumpierbarkeit steht auf einem anderen Blatt.

Das Podium wie der Saal sind bedrückt über die Nähe dessen, was sich hier als Journalismus formuliert, zu einer ganz anderen Disziplin, den Public Relations. Und natürlich ist aktivistischer Journalismus für mich nichts anderes als verdecktes PR. Das aber ist den hier Versammelten der Beelzebub. Ein liebenswerter Kolleg aus der Schweiz macht in der Diskussion um den Aktivisten als Journalisten einen begrifflichen Vorschlag. Man solle doch von „anwaltlichem Journalismus“ reden. Damit ist die Büchse der Pandorra auf. Das ist dann für jedermann nichts anderes als die verhassten PR. Der Veranstalter hat aber in seinem Grundgesetz festgehalten: Journalisten machen kein PR. Ups!

Woher kommt die moralische Hybris der Investigativen? Nun, Pressefreiheit ist ein Verfassungsinstitut. Das beziehen die Damen und Herren auf sich selbst als Personen. Die Investigativen halten sich für eine Vierte Gewalt im Staat. Das legitimiert dann auch die Grenzüberschreitungen, die sie in der Recherche zu begehen bereit sind. Die Vierte Gewalt maßt sich völlig selbstverständlich auch Befugnissen der ersten drei Gewalten an. Legal, illegal, scheißegal, jedenfalls wenn es der guten Sache dient, die man sich zurecht recherchiert hat. Und darum sage ich, beim Netzwerk Recherche waren viele kluge Köpfe, aber John Locke fehlte. Reden wir also über die Trennung der Staatsgewalten, geheimhin Gewaltenteilung genannt.

Der aufgeklärte Staat,vulgo Demokratie, trennt die gesetzgebende Gewalt von der rechtsprechenden und beide von der vollziehenden. Legislative, Judikative und Exekutive gehören nicht in eine Hand. Nicht mal in die einer ominösen Vierten Gewalt. Was für die Staatsorgane gilt, muss für selbsternannte Verfassungsinstitute ja wohl zweimal gelten. Presse ist kein sakrosankter vordemokratischer Raum, der irgendwelche Vorrechte genießt. Der Aufklärungsphilosoph Locke, dessen Geist die Amerikanische Verfassung mitgeschrieben hat, redet von zwei weiteren Gewalten, die unser Schulwissen etwas aus den Augen verloren hat, der föderativen und der prärogativen Gewalt.

Das Föderative betrifft die Außenpolitik und damit die Fragen von Krieg und Frieden. Man denke an Tony Blairs Entschluss, die USA bei dem Angriff auf den Irak zu begleiten, in dem nicht vorhandene Massenvernichtungswaffen ausgeschaltet werden sollten. Oder an Putins Entscheidung, mit der widerrechtlichen Annektion der Krim seiner Mittelmeerflotte einen Hafen zu sichern. Aber auch für die Außenpolitik gilt die demokratische Bindung: sie ist eine Staatsmacht „deriving their just powers from the consent of the governed.“ Und wenn die Regierten nicht überzeugt sind, dann ist eben nix mit Krieg. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Wir waren bei den angeblichen Vorrechten der Presse, insbesondere der investigativen. Unter der Prärogativen versteht Locke das Recht des Staates gelegentlich die Ärmel aufzukrempeln und auch ohne legale Verankerung in Notsituationen zu handeln: legal, illegal, scheißegal. Die Älteren unter uns erinnern die deutsche Debatte um die Notstandsgesetze. Ironischerweise ist dieses Konzept der prärogativen Vorrechte genau das, was der investigative Journalismus für sich in Anspruch nimmt. Man hat Vorrechte als Journaille. Der Zweck heiligt die Mittel. Und den Zweck, den kann man sich ja recherchieren. Eine Natur ohne Gene, eine Welt ohne Atome, zum Beispiel.

Quelle: starke-meinungen.de