Logbuch
BLAU ALSO.
Bildungserlebnis. Gestern fuhr ich mal wieder durch Thüringen, auf meinem notorischen Weg vom Westerwald nach Berlin, und höre am Bratwurstgrill bei den DREI GLEICHEN, dass das Land zwischen Hessen und Sachsen gerade wählt. Hier steht zur Wurst an, was man früher Subproletariat genannt hätte, bärtige Männer, die an der Freien Tanke ihre Motorräder betankt haben und nun noch für 3 Euro 50 eine Thüringer schnappen. Beim Bewehren des schlappen Brätgedärms mit dem ärgerlichen dünnen Sempf (sic) kommt man ins Gespräch. Man durchschaut mich: Anzug plus WOB-Kennzeichen, und Du bist als „Piss-Wessi“ enttarnt.
Ich lerne, dass die Braunen am Ort die Blauen heißen. Nicht dass die Jackenjungs zimperlich wären, aber das war ihnen dann doch wichtig, dass ich die Blauen nicht braun nenne. An der Fahrerseite eines Begleitfahrzeuges, sprich eines Pkws mit Bierkästen, lese ich an dem Fenster, an dem die Polizei üblicherweise die Papiere kontrolliert, im Schrifttyp Fraktur einen selbstgefertigten Spruch. Er lautet: „Der Fahrzeugführer spricht Deutsch.“ Das stand da. Allerdings ohne Fahrzeug. In Fraktur. Alles klar? Alter Schwede.
Blau also. Deutschland im 75. Jahr des Grundgesetzes. Im Netz die stolz selbstgeposteten Partygesänge aus der Pony Bar auf Sylt, einer der Teilnehmer mit durchgestrecktem Arm. Wenn die Jackenjungs Subproletarier sind, dann ist das hier die Bourgeoise, genauer das Kleinbürgertum. Blau an der Tanke, blau in der Pony Bar. Als Soziologe schreckt mich das. Genau diese Kombination von Petite Bourgeoisie und Plebs hat den Ösi aus Braunau an die Macht gebracht. Oder heißt das jetzt auch (pun intended) Blauau?
Eigentlich kein Thema für Wortwitze. Die blauen Braunen, die stolz sind, in Fraktur Deutsch zu sprechen, sagen mir, dem Wessi-Schnösel, bei gemeinsamer Wurst, was ihnen so Spaß macht, dass die Grünen und die Roten so über sie so entsetzt sind. Darüber kann man reden, weil eine Provokation vielleicht das Genie der Geistlosen ist. Aber das greift zu kurz. Gleichzeitig der blaue Peter auf Sylt und das blaue Bio-Deutschtum auf den biergetränkten Schützenfesten?
Man gerät an einen Verdacht: Die Blauen sind schlicht Braune.
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ABLEDERN.
Ich trage keine Sandalen mit Strümpfen, auch nicht, wenn die selbstgestrickt wären. Oder weiße Sneaker. Das Hemd stecke ich in die Hose und meine Räder, obwohl von Riese&Müller, sind für Lasten gänzlich ungeeignet. Ich habe gelernt, dass ich dieserhalben ein „Boomer“ bin.
Auf dem Land fahre ich einen wirklichen Pick-up, keines der albernen Ami-Ungetüme, die so unpraktisch wie gigantoman sind, sondern die Ur-Idee eines Nutzfahrzeuges, einen Transporter. Historisch übrigens von einem holländischen VW-Inporteur auf Käferbasis entwickelt.
Für die Fachleute unter uns, ich spreche von einem T6 Doka Pritsche Plane. Großer Diesel, Allrad, Automatik, Klima. Bauen sie heute nicht mehr, deshalb werde ich ihn nicht abgeben. Auf die Anhängerkupplung habe ich einen Fahrradträger für zwei Bikes montiert, damit war endgültig klar: Mit dem Ding komme ich in keine Waschstraße.
Das Gefährt war aber aus gärtnerischem Gebrauch so lehmverschmiert, dass es mich dann doch an einen dieser Waschplätze mit Hochdruckreiniger getrieben hat. Da waschen eigentlich nur Spinner. Erkenntnis: Du kriegst die Karre damit nicht wirklich sauber. Der edle Lack bleibt stumpf, die Scheiben mit Insekten gespickt und überall trotzen Baumharzspuren den kärchernden Bemühungen.
Wie oft erinnere ich mich in misslichen Lagen an meinen Herrn Vater und wie ich als kleiner Junge die Dinge registriert habe, die ihm wichtig waren. Samstags wurde der Käfer mittels Schwamm und weißschäumenden Waschzusatz gewaschen (zwei Eimer warmes Wasser aus Mutters Waschküche) und dann mit drei Eimern kaltem Wassers übergossen. Genau fünf Eimer Wasser. Schließlich, jetzt kommt es, wurde mit einem dünnen Kalbsleder getrocknet, abledern genannt. Das Leder selbst war sein ganzer Stolz; er hatte es sich eigens auf dem Essener Großschlachthof besorgt.
Ich mach es kurz. Nach einer Exkursion in vier Läden aller einschlägigen Drogerieketten kann ich berichten: es gibt keine Schwämme mehr. Und schon gar nicht Tierhäute. Du fragst nach Leder zum Abledern und löst Unverständnis aus. Die Verkäuferinnen starren dich an, als sei ihnen der Leibhaftige erschienen.
Sie schreiben heute auch nicht mehr auf den rahmengenähten Schuh, woraus er besteht, nämlich Pferdeleder. Das assoziiert „fury in the slaughterhouse“, das will niemand mehr. An die Füße gehört Plastik aus Asien. Irre. Ich habe mir übrigens Gummistiefel bestellt aus Naturkautschuk mit textilem Schaft. Man kann ja die Uhr danach stellen, wann die Generation Birkenstock auch die diskriminiert. Man sollte sich bevorraten. Mein Gott, ich rede schon wie ein Prepper.
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KOMMANDO.
Die Personenschützer, die das Bundeskriminalamt der Bundesregierung stellt, nennen sich im Berliner Jargon, Kommando. Wichtige Beamte, die einen gefährlichen Job zu machen haben. Die Jungs und Mädchen haben meinen Respekt. Man grüßt sich verstohlen mit verdeckter Geste.
Wenn Du eine Weile dabei bist, erkennst Du die Spitzenpolitiker am Kommando. Ich sehe einen der Personenschützer von Gerd Schröder und die neue Schützerin von Angela Merkel. „Och“, denke ich, „da hat das Bundespräsidialamt was gekonnt.“ Zwei Altkanzler zur Feier des Grundgesetzes. Doch das Staunen sollte sich steigern. Da war auch der von Robert Habeck. Merkel kommt mit Habeck. Zufall?
Alte Hunde lernen keine neuen Tricks; das gilt auch für Hündinnen. Merkel hatte neulich einen Auftritt bei der Abschiedsfeier von Jürgen Trittin, früher Kommunistischer Bund Westdeutschland (KBW) in Göttingen, dann Partei Die Grünen. Jetzt also mit Habeck, früher Kinderbuchautor, jetzt Vizekanzler, auch Partei Die Grünen. Das geheime Kommando lautet offensichtlich SCHWARZ-GRÜN.
Man muss die Kommandos hinter den Kommandos lesen können. Merkels Confidentin in Brüssel zeigt sich mit der Mussolini-Erbin Meloni, beide im rosa Blazer, als Look-a-likes. Madame Le Pen gehört noch dazu. Da ist das Kommando zur Zeit also SCHWARZ-BRAUN. So baut sich die Neue Rechte.
Farbenlehre, nicht Goethe, sondern aus dem Malkasten der großen Politik. Die Partei UNION, auch Europäische Volkspartei, bildet einen neuen Block aus einer Palette der grünen, schwarzen und braunen Töne. Hegemonie wie noch nie. Wer ist raus? Die Roten und die Gelben, sprich das Sozialliberale. Das ist das wirkliche Kommando.
Damit ist die Ampel (rot-gelb-grün) nicht mehr alternativlos. Man kann sie ausschalten, die Ampel. Eine neue Verkehrsregelung zeichnet sich ab. „Dazu werden die Grünen sich nie hergeben“, sagt mein Freund Karl-Heinz, den ich beim Bäcker in der Schlange treffe. Welch ein Irrtum. Ich zitiere ein Gedicht von Ernst Jandl:
„manche meinen /
lechts und rinks /
kann man nicht velwechsern /
werch ein llltum“.
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Verunstaltung als Körperkunst
Matrosen, Knackis und Nutten, die waren früher tätowiert. Sorry, das war eine milieutypische Ausdrucksweise. Klaustrophile Peergroups nutzten früher die überbordende Tätigkeitslosigkeit ihres Daseins zur gegenseitigen Unterhautkörperbemalung. Bis heute sorgen Knasttattoos für viel Freude bei Kriminalern, die die Knastträne am Auge oder die drei Punkte an der Daumenwurzel zu würdigen wissen; Vorstrafen auch dann bekannt, wenn der Computer versagt. Oder bildungsbeflissene Freier, die sich beim bezahlten Verkehr Bilder ansehen möchten, erfreut diese oder jene orthografische Entgleisung: „Laff me Du!“ steht zu Professor Unrats Vergnügen auf Lolitas Arschgeweih.
Das sind urkomische, aber wohl unhistorische Apercus. Die Kunst der Entstellung ist eine Fertigkeit der Wilden, um mögliche Feinde in Schrecken zu versetzen. So kam es im Urwald zu großen Ohren, riesigen Lippen oder blutroten Körpern, die die Aborigines nutzten, um Kängurus und Schakale zu erschrecken. Dabei wurde das eigene Entsetzen über die Verunstaltung, die man sich selbst zugefügt hatte, projiziert auf die Feindesseele, der man diesen Furcht und Schrecken a forteriori gönnte. Man entstellte sich, um zu überleben.
Nun kennen wir von den Anthropologen auch jene Stämme, die sich gewaltige Holzhülsen über das eher zarte Glied stülpen. Wir ahnen, warum das Regiment der Königin riesige Bärenfellmützen trägt. Oder wir wissen, warum der Singvogel singt und der Pfau ein Rad schlägt. Man buhlt um Weibchen. Hier mag eher die Motivlage des Sparkassenangestellten liegen, der nicht den Knecht der Volksbank schrecken will, sondern sich im Zustand der Volltrunkenheit ein Emblem in die bleiche Haut stanzen lässt, um ein cooler Typ zu sein. Er will es in der Disco unter einem knappen T-Shirt zeigen und sich so den anwesenden Kassiererinnen als begattungsfähig anbieten.
Was also hat die ehemalige First Lady Bettina W. bewogen, sich ein Ornament auf den Oberarm zaubern zu lassen? Sie wollte nicht Konkurrentinnen schrecken, nehmen wir mal an, sondern vielleicht Begattungsbereitschaft signalisieren. Ob ihren unteren Rücken auch ein Arschgeweih ziert, wissen wir noch nicht, aber die Massenlektüre des Wulff-Buches, einer Autobiografie, steht ja unmittelbar bevor. Ich sage nach den Auslassungen von Christian Wulff auf seiner Buchvorstellung eine Orgie, einen Exzess an Belanglosigkeit voraus. Krischan hatte nix macht und die BILD war echt böse für ihn. Wer hätte das gedacht?
Man sieht die Tätowierungen, die einst nur ein Viertel der Männer und ein Siebtel der Frauen verunstalteten, heute immer mehr. Man wagt sich kaum noch in die Sauna; manche leihen sich Henna-Aufkleber von den Kids, um wenigstens für einen Abend cool zu sein. Dabei wird inzwischen auch die sogenannte T-Shirt-Grenze überschritten. Man entstellt sich im Gesicht, auf den Händen. Aber die tintenfarbenen kleinen Embleme, die Bildchen und die Sprüchlein, sie alle sind nicht das wirkliche Problem. Ich werde gezwungen, sogenannte Piercings zu sehen, die mein Entsetzen und meinen Ekel, dann mein Mitleid erregen.
Ach, Kinder, der Körper ist der Tempel der Seele. Der Herr hat Euch nach seinem Bilde geschaffen. Euer Gesicht ist ein Antlitz, in das keine Nägel oder Schlüsselringe gehören. Man muss hoffen, dass Eure Seelen heiler sind als eure Fressen. Sagt hier ein Spießer, der natürlich auch sein Geheimnis hat. Ich trage sogenannte „Pütt-Tattoos“, das sind für Bergleute typische Kohlenstoffeinschlüsse am Knie, die sich auch die zugezogen haben, die auf Schlackeplätzen Fußball spielen mussten, in früher Jugend. Wer so gezeichnet ist, hat für den Hoeneß-Klub nur Verachtung. Schalke-Fans eben. Knappen. Glückauf.
Quelle: starke-meinungen.de