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ALSO WAS?

Ein eifriger Fremdenführer zerrt mich mit einer Gruppe bildungsbeflissener Professoren der efeubewachsenen Universitäten Nordamerikas, lauter kleine Gumbrechts, durch Prag; auch zum alten jüdischen Friedhof. Danach suche ich dem Geschwätz zu entrinnen und bleibe in einer Buchhandlung bewusst zurück. Aus Verlegenheit erwerbe ich eine etwas abgegriffene Ausgabe des Eco-Romans zum Geist des Ortes. Blätternd erinnere ich mich: Ein schrecklich gescheitertes Werk.

Alles begann vor 120 Jahren, als im Russischen ein Oeuvre lanciert wurde, dass eine „jüdisch-freimaurerische Verschwörung“ aus Kreisen französischer „Initiierter“ aufzudecken vorgab, ein antisemitisches Pamphlet, das als die „Protokolle der Weisen von Zion“ in die Weltgeschichte der Judenverfolgung einging. Die englische Times wies schon vor hundert Jahren nach, dass es sich um eine zweifelhafte Kompilation handelt, ein Zusammenschmieren anderer Quellen, zum Teil unklarer Herkunft, aber immer mit klarer Absicht. Übles Machwerk.

Nächtens treffen sich danach die Repräsentanten der zwölf Stämme Israels auf dem Prager Friedhof, um sich über den Stand ihrer Weltverschwörung auszutauschen; das wird belauscht und berichtet. Darin verarbeitet vermeintliche Gespräche von Montesquieu mit Machiavelli. Alta! Womit der gebildete Unsinn so Blüten treibt. Ecos Roman ist nun ein fiktionales Exerzitium über fünfhundert Seiten, das seine Leser gegen solchen Unsinn immunisieren soll. Dabei ist er sich seines literarischen Scheiterns bewusst und wird im Nachwort auch noch frech. Er gibt dort Nachhilfe, und zwar dem Leser mit „nicht fulminanter Auffassungsgabe“.

Lehrreich finde ich die zeitgenössische Reaktion Hitlers in „Mein Kampf“; er berichtet von stöhnenden Artikeln der „Frankfurter Zeitung“, wonach die „Protokolle“ nicht echt seien und schlussfolgert: „der beste Beweis dafür, dass sie echt sind…“ So ist das mit der Propaganda, sie gewinnt ihr authentisches Moment durch den Kampf gegen sie. Der Gegenaufklärung ist mit Logik nicht beizukommen.

Mittlerweile sind die Gumbrechts beim Bier; ich geselle mich wieder dazu. Fragt mich mein netter Nachbar, auf den Eco-Band weisend, ob ich ein Exemplar der echten Protokolle hätte. „Eco qua?“

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BLITZSIEG.

Militärstrategen sind blitzgescheit, aber selten siegreich; zumeist erklären sie, auf Massengräbern stehend, warum trotz all ihrer Raffinesse alles in Schutt und Asche liegt. Oder das Elend kein Ende nimmt.

Das deutsche Wort vom Blitzkrieg, gemeint ist ein genialer Ruck-Zuck-Sieg, gibt es so im Italienischen, Englischen und Französischen, und zwar mindestens seit 70/71, als wir den Franzmann schlugen. Weitere Ad-hoc-Siege folgten: 14/18 und schließlich 39/45… na ja.

Der Blitz ist eine Erfindung der Propaganda, die die Kriegswilligkeit antreiben will, wenn die Söhne des Landes fürchten, mal wieder im endlosen Stellungskrieg in den Schützengräben zu verrecken. Potzblitz! Es mag ja sein, dass eine Wunderwaffenwehrmacht halb Europa mühelos überrollte, was sich dann aus Sibirien nach Hause schleppte, das sah anders aus. Oder Vietnam mit eingekniffenem Schwanz verließ.

Wir führen zur Zeit Blitzkriege im Ukrainischen, im Iran und mit seinen Vasallen sowie im Nahen Osten in der Gegend, die die Römische Besatzung Palästina genannt hat. Und wie immer eilen die Blitzer, genial von Raketen, Panzern und Luftwaffe gestützt, von Blitzsieg zu Blitzsieg.

Wenigstens der Papst hat zu Ostern dazu was gesagt. Früher hat sein Laden Kreuzzüge veranstaltet, auch so blitzgescheit, wie das, was wir gerade von den Großmächten erleben, allen drei.

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NO FREE LUNCHES.

Eigentlich bin ich nicht der Typ für Sonderangebote aus Zeitungen, jetzt geben wir einer ungewöhnlichen Anzeige aber doch nach. Die NY BOOK REVIEW verspricht dem Gast, der mit ihr bewehrt in der Lafayette nördlich der Houston aufschlägt einen Teller Spaghetti Pomodoro für umsonst. Die Blonde will es ausprobieren. Der Laden heißt Jean‘s.

Mit Idioten-Apostroph. Also nicht wie die blaue Buxe. Der Reihe nach. Es ist bestenfalls eine Viertelportion. Es sind vielleicht Linguini, aber sicher keine Spaghetti. Sie sind nicht „al dente“, sondern pappweich wie Babynahrung. Eine kärgliche Menge Tomatensauce mit Basilikumresten umgibt sie. Nudelpampe Sugo. Sieht aus wie Pasta in Ketchup.

Die Anzeige im NYB hatte aufgefordert, man möge so anständig sein, Trinkgeld zu geben, womit am Ort 25% erwartet werden. Der reguläre Preis des Tellerchens laut Speisekarte beträgt 34 Dollar; wir wären also für die Blonde und mich bei einem Hunni; ist aber für Noppes, die Nudel, gezahlt haben wir wg. Hunger und Durst 250 USD. So geht Inflation.

Aus der analogen Miracoli-Packung zaubere ich eine anständige Portion für unter 2$. Mit frischen Tomaten, Knoblauch und Kräutern werden es vielleicht vier. Die Inflation bringt es also auf den Faktor zehn. Diesen Faktor hatten wir daheim neulich schon beim Sprit. Die Menschen werden am Ende wissen, wer die Irrsinnspolitik der willkürlichen Zölle bezahlt hat.

Es gibt sie noch die transatlantischen Wertegemeinschaft. Als Manchester-Kapitalismus. Marx hatte diesbezüglich in allem Recht.

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Verunstaltung als Körperkunst

Matrosen, Knackis und Nutten, die waren früher tätowiert. Sorry, das war eine milieutypische Ausdrucksweise. Klaustrophile Peergroups nutzten früher die überbordende Tätigkeitslosigkeit ihres Daseins zur gegenseitigen Unterhautkörperbemalung. Bis heute sorgen Knasttattoos für viel Freude  bei Kriminalern, die die Knastträne am Auge oder die drei Punkte an der Daumenwurzel zu würdigen wissen; Vorstrafen auch dann bekannt, wenn der Computer versagt. Oder bildungsbeflissene Freier, die sich beim bezahlten Verkehr Bilder ansehen möchten, erfreut diese oder jene orthografische Entgleisung: „Laff me Du!“ steht zu Professor Unrats Vergnügen auf Lolitas Arschgeweih.

Das sind urkomische, aber wohl unhistorische Apercus. Die Kunst der Entstellung ist eine Fertigkeit der Wilden, um mögliche Feinde in Schrecken zu versetzen. So kam es im Urwald zu großen Ohren, riesigen Lippen oder blutroten Körpern, die die Aborigines nutzten, um Kängurus und Schakale zu erschrecken. Dabei wurde das eigene Entsetzen über die Verunstaltung, die man sich selbst zugefügt hatte, projiziert auf die Feindesseele, der man diesen Furcht und Schrecken    a forteriori gönnte. Man entstellte sich, um zu überleben.

Nun kennen wir von den Anthropologen auch jene Stämme, die sich gewaltige Holzhülsen über das eher zarte Glied stülpen. Wir ahnen, warum das Regiment der Königin riesige Bärenfellmützen trägt. Oder wir wissen, warum der Singvogel singt und der Pfau ein Rad schlägt. Man buhlt um Weibchen. Hier mag eher die Motivlage des Sparkassenangestellten liegen, der nicht den Knecht der Volksbank schrecken will, sondern sich im Zustand der Volltrunkenheit ein Emblem in die bleiche Haut stanzen lässt, um ein cooler Typ zu sein. Er will es in der Disco unter einem knappen T-Shirt zeigen und sich so den anwesenden Kassiererinnen als begattungsfähig anbieten.

Was also hat die ehemalige First Lady Bettina W. bewogen, sich ein Ornament auf den Oberarm zaubern zu lassen? Sie wollte nicht Konkurrentinnen schrecken, nehmen wir mal an, sondern vielleicht Begattungsbereitschaft signalisieren. Ob ihren unteren Rücken auch ein Arschgeweih ziert, wissen wir noch nicht, aber die Massenlektüre des Wulff-Buches, einer Autobiografie, steht ja unmittelbar bevor. Ich sage nach den Auslassungen von Christian Wulff auf seiner Buchvorstellung  eine Orgie, einen Exzess an Belanglosigkeit voraus. Krischan hatte nix macht und die BILD war echt böse für ihn. Wer hätte das gedacht?

Man sieht die Tätowierungen, die einst nur ein Viertel der Männer und ein Siebtel der Frauen verunstalteten, heute immer mehr. Man wagt sich kaum noch in die Sauna; manche leihen sich Henna-Aufkleber von den Kids, um wenigstens für einen Abend cool zu sein. Dabei wird inzwischen auch die sogenannte T-Shirt-Grenze überschritten. Man entstellt sich im Gesicht, auf den Händen. Aber die tintenfarbenen kleinen Embleme, die Bildchen und die Sprüchlein, sie alle sind nicht das wirkliche Problem. Ich werde gezwungen, sogenannte Piercings zu sehen, die mein Entsetzen und meinen Ekel, dann mein Mitleid erregen.

Ach, Kinder, der Körper ist der Tempel der Seele. Der Herr hat Euch nach seinem Bilde geschaffen. Euer Gesicht ist ein Antlitz, in das keine Nägel oder Schlüsselringe gehören. Man muss hoffen, dass Eure Seelen heiler sind als eure Fressen. Sagt hier ein Spießer, der natürlich auch sein Geheimnis hat. Ich trage sogenannte „Pütt-Tattoos“, das sind für Bergleute typische Kohlenstoffeinschlüsse am Knie, die sich auch die zugezogen haben, die auf Schlackeplätzen Fußball spielen mussten, in früher Jugend. Wer so gezeichnet ist, hat für den Hoeneß-Klub nur Verachtung. Schalke-Fans eben. Knappen. Glückauf.

Quelle: starke-meinungen.de