Logbuch

MAKE LOVE, NOT WAR.

Wenn man von Frauen spricht, die keiner erwachsenen Sexualität nachgehen, fällt der Begriff der „Jungfrau“, mit dem Religionen viel Schindluder treiben. Gibt es auch Jungmänner? Für das Christentum gibt es einen Widerspruch besonderer Sprengkraft, da die leibliche Mutter des Religionsstifters in den Status der Jungfrau versetzt wird und eine ganz besondere Vaterschaft für den „Gottessohn“ angenommen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Weit profaner geht es mir heute um junge Männer, denen die Mädchen nicht nachlaufen und die eben diese Erfahrung gegen sich selbst richten. Der unglückliche Adonis glaubt nicht hübsch genug zu sein, eine durchgängige Pubertätserfahrung. Die Mädchen entwickeln Anmut und Brüste, die Jungs Pickel und überlange Arme. Die Hände schleifen beim Gehen über den Boden. Eine unausgesprochene Aufmerksamkeit des Jünglings gehört seinem Glied, das jede Form peinlichster Eigenwilligkeit an den Tag legt.

Der Alltagskapitalismus in den USA entwickelt eine regelrechte Theorie des sexuellen Marktwertes, der bei einem Teil junger Männer so niedrig zu sein scheint, dass ein Zwangszölibat angenommen wird. Man leidet, weil die Weiblichkeit sich nicht angezogen fühlt und es mit dem Sex nix wird. Wie heutzutage üblich, rotten sich die so Stigmatisierten im Internet zusammen. Selbstmitleid ist das beherrschende Thema dieser INCEL-Gemeinde.

Das Schlagwort INCEL ist eine Abkürzung für die englischen Begriffe „involuntary“ und „celibate men“. Incel steht für Männer, die „unfreiwillig“ im Zölibat leben, die also keinen erwachsenen Sex haben. Sie organisieren sich in den Sozialen, bestätigen sich gegenseitig ihre Weltsicht in ihren Foren, tauschen Videos und Gewaltfantasien miteinander aus. Dreh und Angelpunkt ist am Ende ihr Hass gegen Frauen. Denn das ist ja klar, dass es beim Selbstmitleid nicht bleibt. Das Stigma schlägt in Hass um, in die Stigmatisierung der Unerreichbaren. Alles Schlampen, außer Mutti.

Von hier aus ist es kleiner Sprung in das politische Milieu der NEUEN RECHTEN, im Reich der MAGA als alternative Rechte bezeichnet. Jetzt ist es nicht mehr weit zu terroristischen Ausfällen. Männlichkeitswahn als Zeitzeichen. Ich denke daran, welch biographisches Glück es war, im Lebensalter solcher Anfechtungen Sigmund Freud gelesen zu haben, Wilhelm Reich und Herbert Marcuse. Und zunehmend in die gestaltenden Hände selbstbewusster Frauen geraten zu sein.

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TINTENKLECKSER.

Der Tintenfisch hat neun oder elf Gehirne, je nachdem, ob es sich um einen Acht- oder Zehnfüssler handelt; jeder seiner Fangarme ein eigenes separates und natürlich das Haupthirn, dem die zentralen Steuerung unterliegt. Er erkennt menschliche Beobachter wieder, nutzt Werkzeug und kann sich komplizierte Problemlösungen über Monate merken. Er ist in einem ganz symbolischen Sinne ein intelligenter Kopffüßer.

Dabei nicht mal ein Wirbeltier, wie etwa der Fisch, an dessen Evolution irgendwann mal der Affe und dann der Mensch steht. Das schmackhafte Weichtier ist deutlich vorher abgebogen und bevölkert nun als weicher Fleischfresser die Weltmeere. Es gilt der Wissenschaft als interessantes Studienobjekt; und macht auch dem Laien Freude. Stichwort „Multitasking“. Wenn ich ebenfalls für jeden meiner Gliedmaßen ein eigenes Gehirn hätte, was könnte ich alles anstellen? Das wären ja vier bis fünf Extremitäten und noch der zentrale Verstand; sechs Gehirne, alter Schwede.

Zudem kann die PR lernen, wie man Angriffe von Journalisten erfolgreich abwehrt, mittels Tinte. Der raffinierte Tintenfisch stößt bei Angriff eine Wolke aus seinem Tintensack aus und erst unmittelbar danach gibt er sich einen gewaltigen Schub, die Wolke dort hinterlassend, wo jetzt der Raubfisch zuschnappt. Damit verwirbelt er die Tinte erst recht und steht so durch eigene Idiotie vollständig eingenebelt, aber mit leerem Maul, während der Kopffüßer ins Freie gleitet. Solches hörte ich gern von meinem Vers.

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AVANTI DILETTANTI.

Obwohl unmusikalisch, genieße ich ein Abonnement der Berliner Philharmoniker; gestern ein großartiger Abend mit und für Daniel Barenboim. Frenetischer Beifall, Bravo-Rufe und tiefes Mitgefühl für den 82jährigen Dirigierten, dessen Gesundheit von einer Parkinsonerkrankung sichtbar angegriffen ist. Es wird Schuberts Unvollendete gegeben und Beethovens Siebte. Es gilt für den Abend und Barenboim, was Schubert über Beethoven sagte: „Wer vermag danach noch etwas zu machen?“ Man kann sich nur verneigen.

Ich bin mit der Kategorie des Genies sparsam; bei einem so fleißigen Menschen wie Barenboim fürchte ich zudem, sie könnte als Abwertung eines Lebenswerkes gelesen werden. Das ist mehr als nur Genie. Der Mann übt seit seiner Kindheit. Das darf man nicht herabsetzen, indem man Fortune bescheinigt. Eine einmalige Begabung und ein ganzes Leben steten Übens. Ein Lebens-Werk. Man kann sich nur verneigen.

Ganz anders das Foyer. Hier wird heute geliebdienert; aber gemach. Ich lobe am Ort schon immer die Schnittchen; dazu zwei, drei Glas Wein über den Abend verteilt. Leider wird diesmal der gewohnte Tisch verweigert; ein geschäftiger Herr hat seinen Mantel über die Tischplatte gelegt und brummt ein „Besetzt!“ bei der Annäherung. Selbst für Berliner Verhältnisse ist das schroff. Dann purzelt von rechts der ehemalige Bahnchef Lutz ins Bild; Rollkragenpullover und Jeans. Alta. Von links der ehemalige Verkehrsminister Wissing, ehemals FDP. Darum brezzelt sich die Entourage. Wo ist Frau Nikutta, die gefallsüchtige Cargo-Chefin der Bahn, fragt mich die Blonde. Man wird auf LinkedIn nachsehen müssen, wollte man es wirklich wissen. Aber eigentlich gibt es keine Chance, nicht zu wissen, wo sie war. Die Berliner Dilettanz hat Karten und zeigt sich.

Darf ich meine Hochachtung vor dem EINEN mit der Verachtung für das ANDERE begründen? Nein, das sind zu unterschiedliche Welten. Denn das nach dem Management der Deutschen Bahn jemand auch nur im Ansatz von Exzellenz zu sprechen wagte, das ist nun wirklich ausgeschlossen. Oder auch nur von Fleiß. Die Dinge stoßen sich hart im Raum.

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Verunstaltung als Körperkunst

Matrosen, Knackis und Nutten, die waren früher tätowiert. Sorry, das war eine milieutypische Ausdrucksweise. Klaustrophile Peergroups nutzten früher die überbordende Tätigkeitslosigkeit ihres Daseins zur gegenseitigen Unterhautkörperbemalung. Bis heute sorgen Knasttattoos für viel Freude  bei Kriminalern, die die Knastträne am Auge oder die drei Punkte an der Daumenwurzel zu würdigen wissen; Vorstrafen auch dann bekannt, wenn der Computer versagt. Oder bildungsbeflissene Freier, die sich beim bezahlten Verkehr Bilder ansehen möchten, erfreut diese oder jene orthografische Entgleisung: „Laff me Du!“ steht zu Professor Unrats Vergnügen auf Lolitas Arschgeweih.

Das sind urkomische, aber wohl unhistorische Apercus. Die Kunst der Entstellung ist eine Fertigkeit der Wilden, um mögliche Feinde in Schrecken zu versetzen. So kam es im Urwald zu großen Ohren, riesigen Lippen oder blutroten Körpern, die die Aborigines nutzten, um Kängurus und Schakale zu erschrecken. Dabei wurde das eigene Entsetzen über die Verunstaltung, die man sich selbst zugefügt hatte, projiziert auf die Feindesseele, der man diesen Furcht und Schrecken    a forteriori gönnte. Man entstellte sich, um zu überleben.

Nun kennen wir von den Anthropologen auch jene Stämme, die sich gewaltige Holzhülsen über das eher zarte Glied stülpen. Wir ahnen, warum das Regiment der Königin riesige Bärenfellmützen trägt. Oder wir wissen, warum der Singvogel singt und der Pfau ein Rad schlägt. Man buhlt um Weibchen. Hier mag eher die Motivlage des Sparkassenangestellten liegen, der nicht den Knecht der Volksbank schrecken will, sondern sich im Zustand der Volltrunkenheit ein Emblem in die bleiche Haut stanzen lässt, um ein cooler Typ zu sein. Er will es in der Disco unter einem knappen T-Shirt zeigen und sich so den anwesenden Kassiererinnen als begattungsfähig anbieten.

Was also hat die ehemalige First Lady Bettina W. bewogen, sich ein Ornament auf den Oberarm zaubern zu lassen? Sie wollte nicht Konkurrentinnen schrecken, nehmen wir mal an, sondern vielleicht Begattungsbereitschaft signalisieren. Ob ihren unteren Rücken auch ein Arschgeweih ziert, wissen wir noch nicht, aber die Massenlektüre des Wulff-Buches, einer Autobiografie, steht ja unmittelbar bevor. Ich sage nach den Auslassungen von Christian Wulff auf seiner Buchvorstellung  eine Orgie, einen Exzess an Belanglosigkeit voraus. Krischan hatte nix macht und die BILD war echt böse für ihn. Wer hätte das gedacht?

Man sieht die Tätowierungen, die einst nur ein Viertel der Männer und ein Siebtel der Frauen verunstalteten, heute immer mehr. Man wagt sich kaum noch in die Sauna; manche leihen sich Henna-Aufkleber von den Kids, um wenigstens für einen Abend cool zu sein. Dabei wird inzwischen auch die sogenannte T-Shirt-Grenze überschritten. Man entstellt sich im Gesicht, auf den Händen. Aber die tintenfarbenen kleinen Embleme, die Bildchen und die Sprüchlein, sie alle sind nicht das wirkliche Problem. Ich werde gezwungen, sogenannte Piercings zu sehen, die mein Entsetzen und meinen Ekel, dann mein Mitleid erregen.

Ach, Kinder, der Körper ist der Tempel der Seele. Der Herr hat Euch nach seinem Bilde geschaffen. Euer Gesicht ist ein Antlitz, in das keine Nägel oder Schlüsselringe gehören. Man muss hoffen, dass Eure Seelen heiler sind als eure Fressen. Sagt hier ein Spießer, der natürlich auch sein Geheimnis hat. Ich trage sogenannte „Pütt-Tattoos“, das sind für Bergleute typische Kohlenstoffeinschlüsse am Knie, die sich auch die zugezogen haben, die auf Schlackeplätzen Fußball spielen mussten, in früher Jugend. Wer so gezeichnet ist, hat für den Hoeneß-Klub nur Verachtung. Schalke-Fans eben. Knappen. Glückauf.

Quelle: starke-meinungen.de