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INFANTEN.

Es kann nicht ganz leicht sein, einen Mythos für Zuckerbonbons zu schaffen, wenn sich ein Harald Riegels aus Bonn als HARIBO verewigen will. Sirup plus Schweinegelatine, was fett macht, bedarf der Erhöhung dazu, dass es froh mache. Allerdings sind die aktuellen Werbespots mit Erwachsenen im Kleinkindsprech nur sehr schwer zu ertragen.

Die Verkindlichung Erwachsener hat etwas Albernes, aber eben auch eine eigenartige Attraktivität. Opas reden mit Enkeln wie mit Debilen, weil die alten Säcke das putzig finden; den Kids ist das eher peinlich. Nach seinem Verhältnis zu FDP-Chef Lindner befragt, antwortet der Grüne Bundeswirtschaftsminister Habeck, es sei persönlich „supi“, aber in der Sache „kacki“. Das ist zur Hälfte aus dem hysterischen Jargon klimakterischer Tanten, zur andere die Kindersprache windelwechselnder Gouvernanten. Peinlich.

Die konservative Kulturkritik spricht von einer Dekadenz der INFANTILISIERUNG. Mag sein; aber warum? Solche Soziolekte sollen komisch sein. Hhhhm. Im Rheinland höre ich die Abschiedsformel „Tschö“, was dem Französischen „Adieu“ entstammt, einer Gottesnennung; was aber heißt bitte „Tschö mit Ö“? In Wien höre ich statt des „Küss die Hand, Gnä’ Frau“ jetzt ein „Küss die Händ“ als neuen Plural. Alle drei? Und zum Abschied ein „Baba“. Baba? Dem Türken ist das der Vater; der Engländer meint „god be with you“, wenn er „bye bye“ wünscht. Tschüss auch, bis die Tage.

Das Suffix -i, noch mehr das schweizerische -li, sind Verkleinerungen, die Nähe ausdrücken sollen. So wird aus dem Haferschleim das Müsli. Supi, danach machen wir Kacki. Und gegen Abend Vögli, wenn mögli.

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LOVE PARADE.

Gestern war in Berlin Party. Die Polizei bat die Teilnehmer:innen, bekleidet zu bleiben. Es war sommerlich heiß. Unter dem Motto „Rave the planet“ wurde tanzend umgezogen, also erst um-, dann aus- schließlich umher. Vierzigjährige Muttis, die wie Teenies taten.

Ich stehe zufällig an der Strecke und stoße auf meinen Dealer. „Was geht, Alta?“, frage ich szenetypisch. Er antwortet: „Captas.“ Ich bin perplex. Das Medikament Captagon war vor vierzig Jahren der letzte Schrei. An der Bochumer Ruhr-Uni wurde es unter den schlaflosen Juristen vertickt und im Düsseldorfer „creamcheese“ für Dauertänzer bereitgehalten. Ein Amphetamin. „Das gibt es noch immer?“, frage ich meinen Dealer. „Es kommt aus Syrien in Putzeimern“, klagt er. Und „Christel Mett“ (Söder).

Herkunftsregionen der Captas sind die Krisengebiete des Nahen Ostens, wo es den Terrorismus befeuert. Die Familie Assads soll daran verdienen. Krieg und Drogen. Ich besinne mich, was mein Herr Vater zu Panzerschokolade zu erzählen wusste, die es bei Fliegern in reinerer Form gegeben habe: Fliegermarzipan. Wäre nicht eine Sozialgeschichte der Kriege zu schreiben anhand der dabei verwendeten Drogen? Die Nimmermüden waren ja zugleich die so verlässlich Entmenschlichten. Ein ernstes Thema.

Mein Dealer raunt mir zu, dass der neue heiße Scheiss Tillidin sei, das Schmerzfreiheit garantiere und als halal gelte. Aber das interessiere mich als Alman ja nicht. Ich verabschiede mich hastig, da ich schon mehr weiß, als wissen wollte. Eine Gruppe polnischer Hausfrauen, gekleidet wie ihre Töchter, umringt mich und bietet mir fröhlich kreischend einen Vodka aus einem Plastik-Pinnchen an. Na gut, einen, den nehme ich.

Disclaimer: Mein Dealer ist im wirklichen Leben ein befreundeter Sozialarbeiter aus der Drogenberatung. Und es ist bei zwei, drei Vodka geblieben. Ich schwör.

 

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VERTRIEB.

Journalisten werden an ihrer Konversationsrate gemessen, das meint die Zahl an Abos, die ihr jeweiliger Artikel reinholt. Es bildet sich eine DRÜCKER-MENTALITÄT aus. Das ist im Vertrieb die unterste Schublade. Moralisch eine Handbreit über Straßenraub, aber nicht zwei.

Im schmutzigen Teil der Versicherungswirtschaft, dem DRÜCKEN, auch „Strukturvertrieb“ genannt, gibt es dazu einen Dreisatz: „Anhauen, umhauen, abhauen!“ Man sucht Aufmerksamkeit zu erregen, nötigt zur Unterschrift und macht sich dann schnell aus dem Staub. Das gab es an der Wohnungstür (Hausieren) und gibt es im Netz; dort noch raffiniert-naiver: man erteilt als Kunde Generalvollmacht und Kontozugang und erhält dafür eine günstige Hundehaftpflicht für Fehldeckungen.

Ich empfinde die verlegerischen Schlichen, um mich in ein Abo zu locken, durchgängig als Beleidigung meiner Intelligenz. Man kann künftige Kunden für doof halten, aber man sollte es sie nicht spüren lassen. Die „cliffhanger“-Artikelchen tun aber genau das. Und das hat Tradition. Leserreisen. Kaffeemaschinen. Buchreihen. Geschenkeshop. Alles Karotten, die Eseln hingehalten werden. Eseln.

Was noch zu klären ist: eine Fehldeckung ist kein Versicherungschinesisch (im Sinne der Unterdeckung), sondern Biologie. Wenn es bei einer Hündin durch meinen Hasso zu ungewolltem Nachwuchs kommt, dann darf deren Herrchen mich in Regress nehmen; dieser nunmehr versicherte Fall nennt sich Fehldeckung.

Alles weitere hinter der Abo-Schranke.

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Schon Eure Zahl ist Frevel!

Massen machen mir angst. Die zivilisatorischen Vorgaben für Menschen heben sich in größeren Ansammlungen eben derselben recht schnell auf. Das begründet mein Misstrauen gegen Volksabstimmungen. Gestern ging ich an der Berliner Gedächtniskirche durch einige Hundert Fussballfans, die sich in der Verringerung der zivilisatorischen Decke mittels Dosenbier übten.

Als geborener Knappe aus dem Pott sind mir diese Horden aus Lüdenscheid Nord nicht fremd, aber ich habe ein deutsches Hirn. Wenn ich Sport höre, höre ich immer auch Sportpalast. Man kann in diesem Land, das ist die deutsche Krankheit, Herrn Goebbels und seine Siege im Sportpalast nicht wirklich vergessen.
Die Skepsis richtet sich weniger gegen die beseelten Horden als gegen ihre Anführer. Meine Verachtung gilt den Profiteuren des Programms von Brot und Spielen. Und die sachlich völlig unangemessene Konnotation zum Pogrom will nicht aus dem Kopf. Ich sehe bei den Anführern diesen neuen Typ des kahlrasierten alerten Jünglings, der Boss-Anzüge trägt, weil er das Label dieser Marke für sich selbst als Anspruch annimmt. Die Herren haben so ostentativ Idealfiguren, dass man die Absicht bemerken muss, also entweder eine Essstörung oder eine homoerotische Neigung angenommen werden muss.
Und dann ereilt das deutsche Hirn die österreichische Assoziation; ich erinnere die Körpersprache eines Jörg Haider und finde sie bei Geert Wilders wieder. Man soll nicht Birnen mit Äpfeln vergleichen und es geht nicht um eine politische Bewertung der Persönlichkeiten. Wir reden über Inszenierungscodes,  öffentliche Ästhetik. Das Glatte eines Beckenbauer oder eines Löw, Herren, die sie Kaiser oder Jogi nennen, ist mir unheimlich; und ich gestehe, das Wurstige an dem Metzgerbub Hoeneß fand ich so schlecht nicht.
Von der Gedächtniskirche zur Frauenkirche in Dresden. Gleich gegenüber dem wiedererrichteten Dom sitze ich in einem kanadischen Steakhaus mit Namen Ontario und trinke kanadischen Riesling zu einem Bisonsteak. Der Osten ist echt bunt und ohne Scheu vor jenem Teil der Welt, der ihm so lange versperrt war. Am Nachbartisch, direkt in der Blickrichtung zur Frauenkirche, eine Gruppe von Alerten, die sich laut über den Rasenballsport in Leipzig austauscht. Mit großem Geld will man einen Retortenverein in die erste Bundesliga schieben. Man kann das, weil man es im Eishockey und dem Motorsport konnte und die Geldquelle sprudelt.
Im Dresdner Kanada spricht die Kellnerin sächsisch und die Gäste an dem lauten Tisch das Deutsch der Alpenrepublik.
Unwillkürlich erscheint die Schlüsselszene aus Baby Schimmerlos vor dem inneren Auge. Der steinreiche Fabrikant, von Mario Adorf brillant gegeben, droht dem Journalisten mit seiner Freigebigkeit. Corporate Social Responsibility heißt das heute, wenn die dicken Brieftaschen drohen: „Ich scheiß Dich zu mit meinem Geld…“ Adorf bringt den Satz in bayrischem Ton; in Leipzig will man ihn auch schon in österreichischem gehört haben. Das hat dann selbst die Deutsche Fussball Liga beeindruckt. Sie hält nun RB Leipzig für einen Verein des Breitensports, der dem Freizeitvergnügen und der Körperertüchtigung dient. Die Leipziger freuen sich, dass sie endlich wieder was gelten in der Welt.
Während man wieder Opfer seiner Assoziationen zu werden droht, zerreisst ein Witz der Herrenrunde am Nachbartisch die Kontemplation. Die Madeln seien in Leipzig recht hübsch, sagt der eine. Und gar nicht mal teuer, fügt der andere hinzu. Schallendes Gelächter. Offensichtlich fürchtet man sich nicht vor den Eingeborenen. Ein Hauch von Kolonialismus weht durch den Bratenduft. Der Riesling ist unangenehm süß, das Bison zäh und der Nachtisch hat eine Hippe als Ahornblatt. Mir wird übel.
Der Massensport hat nicht nur viel Geld verdient, wo er sich zum Profi-tum aufschwingt, er zieht nun auch viel Geld an, großes Geld. Retorten werden möglich, um die Massen zu bewegen. Große Brieftasche kriegen das Sagen. Man erinnert sich daran, wenn man den kleinwüchsigen englischen Herrn aus dem Motorrennsport vor einem deutschen Gericht sieht. Er wurde in England nach dem Größenunterschied zu seiner hochgewachsenen damaligen Ehefrau befragt. Ob er sich da nicht klein vorkäme. „Not when I’m standing on my wallet.“ So ist das wohl.

Quelle: starke-meinungen.de