Logbuch
CHAOSTAGE.
Von wegen „Oh, Du fröhliche…“ Wie ich diese Zeit zwischen den Jahren hasse. Man komme mir nicht mit Weihnachtsidylle und Böllerglück, es sind verschwendete Tage der Ödnis, bis man endlich wieder arbeiten darf. Das Schicksal weiß um diese Idiotie des Interims und füllt sie mit kleinen Katastrophen und nervigem Chaos.
Gestern hatte ich Schneebruch, meint Baumbruch einer fünf Meter hohen Fichte (Selbstaussäung) quer über die Straße; es weckt mich aus dem Mittagsnickerchen der Streuwagen, der nicht mehr durchkommt. Zu meinem Glück war mein Gärtner zu erreichen und stand nach einer endlosen Stunde mit der Kettensäge vor mir. Das Glück, solche Freunde zu haben.
Zu Heiligabend Wasserrohrbruch in der großen Stadt (während ich schon auf dem Lande bin), wegen Altersschwäche der Etagenheizung (die mit dem Hasen); dem Untermieter läuft das Wasser aus der Decke. Zum Glück ein netter Mann. Altersschwäche, sagt der Monteur, weil schon 15 Jahre drin. Ich maule am Telefon. Darauf er mit der Berliner Frage, was ich glaube, wie lange so eine Scheißwärmepumpe es denn tue. Er baut jetzt neue Gastherme ein. Allet juht, sagt er.
Auto am ersten Weihnachtstag in die Werkstatt. Ausfall „e-call“ (braucht kein Mensch). Zentrale in Ingolstadt sagt: Steuergerät ersetzen. Mein Kundenberater zuckersüß. Morgen fertig oder Leihwagen. Spontan Gewährleistung. Alles klar? Dem Kenner sagt das was. Zu Silvester dann auf dem Land Überfunktion der Fußbodenheizung, Regler hängt. Raumtemperatur in der Scheune knapp unter 30 Grad Celsius. Solang das Öl reicht. Notdienst amüsiert, weil sonst nur Leute anrufen, denen zu kalt. Zu warm, den Fall hatten sie noch nicht. Aber er kommt und will helfen. Vorführpech: als Hilfe vor Ort, Fehler verschwunden. Alta Schwede.
Ich höre das dünne Stimmchen von Ringo Starr (Sergeant Pepper) und dann das voluminöse Organ von Joe Cocker, dem Yorkshireman. Habe ich seit Woodstock im Ohr: „What would you think if I sang out of tune?
Would you stand up and walk out on me?
Lend me your ears and I'll sing you a song
And I'll try not to sing out of key
Oh, I get by with a little help from my friends
Mm, I get high with a little help from my friends
Mm, gonna try with a little help from my friends.“
Mitsingen erlaubt. Wie bei CIAO BELLA CIAO. Oder: „Roter Wedding, grüßt Euch, Genossen“. Eine feste Burg ist unser Gott, eine gute Wehr und Waffen! Liedchen werden große Lieder, wenn sie ein Lebensgefühl formulieren. Hier: Friends & family. Ohne Freunde bist Du aufgeschmissen; jedenfalls ohne Notdienst. Kettensäge ist das mindeste. Das hat der Argentinier Javier Milei einfach recht.
Logbuch
ROBBENKLOPPER.
Mitte des 17. Jahrhundert kam großer Reichtum nach Emden, wenn die Grönlandfahrer glücklich heimkehrten. Gleich mehrere Wale hatten sie gefangen und bald sollte deren Tran die Stubenlampen erleuchten. Der Walfang war, für jene Seeleute, die ihn beherrschten, ein lukratives Geschäft; noch lukrativer für die ihn finanzierenden Kaufleute. Hier erlebte die niedergehende Hanse noch mal eine belebende Konjunktur. Deutsche (Friesen), Dänen (Vikinger) und Engländer (Freibeuter) dezimierten die Walbestände vor Grönland.
Grünland? Irreführender Name, da durchgehend weiß und böskalt. Als die Wale selten wurden, ging man auf Robben. Auch dabei wenig zartbesaitet. Die Herrschaften hießen im Niederdeutschen ROBBENKLOPPER. Fragen? Ich finde wenig Idyllisches zu der dänischen Kolonie hoch im Norden. Teuer kann sie nicht sein, diese unwirtliche Insel. Ihr Wert liegt, wie bei allen Immobilien, in der Lage, hier genauer, der Lage zwischen zwei Imperien. Wenn der Interessent nun andeutet, er könne sie zur Not auch annektieren, darf man das getrost als eine Finesse sehen, um den Preis zu drücken. Ich sehe eine neue Montanregion kommen.
Immobiliengeschäfte also. So wie bei exterritorialen Kanalbauten. Ein lohnendes Studiengebiet der Politischen Ökonomie. Denn darum geht es, um Geld; soweit es um Macht geht, ist es die Macht, Gutes Geld zu verdienen. Robbenkloppen eben. Eigentlich kein Thema, das mit moralischem Ton und Ausflügen ins Völkerrecht hinreichend zu klären wäre. Schließen möchte ich mit einer Episode zur Mentalität der Walfänger. Ich kannte im Norwegischen einen dieser rauen Gesellen, der auf die allseitige Empörung über den Walfang hin nur knurrte: „Intelligent food for intelligent people!“
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ZENSUR PUR.
Wir sehen einen ATZE SCHRÖDER im T-Shirt mit Goldkettchen höchst persönlich in den Sozialen Medien eine weitreichende Entscheidung bekanntgeben. Der von ihm geführte Konzern META wird künftig auf die EIGENZENSUR verzichten. Man schließe sich für FACEBOOK und andere Plattformen der Politik von X an, dem Dienst des Elon Musk. Alles Atze, möchte man sagen.
Zum Verständnis muss man das „positivistische Mysterium“ aufklären, hinter dem sich bisher die ZENSUR ungewünschter Meinungen verbirgt und das THYMOS-TABU. Klingt kompliziert, ist aber nur der uralte Inquisitionshabitus. Es geht um die Überschattung der Wirklichkeitsfrage durch die Wahrheitsfrage, im Jargon der Zensur „Faktencheck“ genannt. Man will „fakenews“ unterbinden. Das kam wahrnehmbar zum Beispiel zum Einsatz als die staatlichen Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung gezielt und verdeckt unterstützt werden sollten.
Das THYMOS-TABU meint darüber hinaus die Unterbindung von öffentlichen Zornesausbrüchen, insbesondere gegenüber Amtsträgern und anderen Autoritären des Staates. Da eine offene Widerrede gegen HASS nur weitere Entgleisungen provozieren könnte, soll Zorn und Verächtlichung gänzlich unterbleiben, jedenfalls gegen den Staat. Historisch ist diese Kombination von Verbot der Irrlehre und verordneter Verstummung der SPANISCHEN INQUISITION zuzuordnen; alles was man dazu bei Monty Python sieht, ist korrekt.
Die neue Deregulierung nennt sich FREE SPEECH und meint eine verlegerische Politik des „Laisser-faire“: „everyone is entitled to his own opinion“ (Maurice Chevalier). So neu ist das nicht. Die Meinungsfreiheit könnte wie die Freiheit des persönlichen Ausdrucks überhaupt der Kern aller Freiheiten sein. Ein Lutherisches Konzept, für das die Päpste aller Zeiten und Glaubensrichtungen nicht zu gewinnen waren.
Eine Glosse, die der Zensor versteht, wird zurecht verboten, sagt Lichtenberg. Ich untersage mir hier akademische Anmerkungen zur Schlichtheit der intellektuellen Horizonte bei den Zensoren, da ich keine Dispute mit David Schraven und seinen Teams selbstlegitimierter Journalisten wünsche. Sapienti sat. Obwohl ich finde, dass der Bottroper Schraven den gleichen Soziolekt wie Atze Schröder spricht; womit unsere Eingangshypothese wankt. Der Minipli-Typ der Metakommunikation kann nicht der wahre Atze gewesen sein. Fakenews. Es war Mark Zuckerberg.
Frage an die Wachen unter uns: Gibt es exemplarische Nachweise der Zensur auf X? Ich meine kein Geschwurbel über den Algorithmus von Leuten, die nicht wissen, was das ist. Ich meine klare Akte der gezielten Selbstzensur wie sie in klassischen Medien und dem Haltungsjournalismus an der Tagesordnung sind. Ich frage für einen Freund.
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Der größte Lump im ganzen Land
Denunzianten sind doppelt ekelhaft, sie üben Verrat und sind feige. Nicht nur, dass sie jemanden anschwärzen wollen, nein, sie wollen dies unerkannt tun, so dass jenem der Schaden bleibt und ihnen keine Verantwortung erwächst. Heckenschützen, die nicht die Courage haben, zu dem zu stehen, was sie meinen, sagen zu müssen. Denunziantentum ist eine soziale Praxis in Diktaturen. Die Nazis haben es gefördert und die Stasi. Und nun auch der ADAC und die Grünen.
Der ADAC will eine demokratische Organisation werden, indem er eine Möglichkeit zur anonymen Denunziation von Fehlverhalten schafft. Das trompetet er voller Stolz in die Welt. Was da als tolle Idee verkauft wird, passt zur restlichen Verlogenheit des Neuanfangs. Das wirkliche Kalkül ist, ich zitiere hier interne Erwägungen der Berater des ADAC, dass man in der Vereinsführung Schweinereien erfährt, bevor sie in der Süddeutschen Zeitung stehen. So gewinnt man Zeit und kann noch klammheimlich etwas machen, das die PR-Leute „clean your act nennen“. Wenn der neue Ethik-Beirat des ADAC diese Praxis deckt, ist er schon heute erledigt.
Zweites Beispiel: In Berlin, Bezirk Pankow, regieren die Grünen und die Alt-Roten und installieren eine staatliche Garantie „gesunder Lebensverhältnisse“ durch die Einrichtung von „Milieuschutzgebieten“ gegen „Überfremdung“. Es wurde ein „Zweckentfremdungsgesetz“ beschlossen, das die Nutzung von Wohnungen der autochthonen Bevölkerung (Prenzelberger) durch Touristen verhindern soll. Die Bevölkerung wird zum Blockwarttum aufgefordert und darf anonyme Hinweise an die Behörden geben, wenn der Milieuschutz verletzt wird.
Als Indizien nennt Jens-Holger Kirchner (Grüne) allen Ernstes: regelmäßiger Wäschewechsel, englische Sprache und Fantasienamen an Klingeln. Fünfhundert anonyme Hinweise von Nachbarschaftsinformanten liegen schon vor. Die Behörden können gar nicht so schnell abarbeiten, wie denunziert wird. Die besten Chancen hatman vermutlich, wenn man die ortübliche „gesunde Lebensart“ hat undSchackelin Kwiatkowksi heißt, die Bettwäsche nicht wechselt und auch Hochdeutsch eine Fremdsprache ist. Schwäbisch geht am Prenzelbergnatürlich auch.
Was sich hier zur sozialen Praxis des Denunziantentums auswächst, beginnt natürlich früher. Schon die alberne Unart der Blogosphäre, nur unter Spitznamen seine Meinung sagen zu können oder extensiv zu pöbeln, gehört zum Syndrom. Das Informalitätsgebot der Netzkommunikation ist ohnehin pubertär; dort, wo es dazu dient, die Täter von Rufmord zu tarnen, ist es einfach ekelhaft. Ich unterhalte mich nicht mit erwachsenen Menschen, die sich „horny69“ oder „bigprick“ nennen und im bürgerlichen Beruf auf Sparkassen oder in Finanzämtern den Biedermann geben.
Man kann die Feigheit des Verrates tarnen hinter stolzen Begriffen wie dem des Whistleblowers. Mich beeindruckt das nicht. Faseleien von demokratischer Meinungsbildung sind perfide. Die Feigheit des Heckenschützen widerspricht jeder bürgerlichen Kultur. Sie ist ein Auswuchs von Diktaturen und sie schafft Diktaturen.
Gestern abend bin ich schwankenden Schrittes aus Harry’s Bar gekommen und habe mit meinem Freund Davide Desanzuane noch eine geraucht. Wir stehen auf dem Weg zu seinem Büro am San Marco vor einer Bronzetafel, die einen Löwenkopf zeigt, dessen Maul offen steht. Übermütig will ich die Öffnung als Aschenbecher missbrauchen, als ermir in den Arm fällt.
Die „Bocca di Leone“ war in finsteren Zeiten eine feste Einrichtung der venezianischen Stadtoberen, die zur Denunziation aufforderte. Hier konnte man gefahrlos Freund wie Feind verraten. Es schüttelt uns. Und so zitiert mein italienischer Freund mit liebenswertem Akzent einen deutschen Dichter, den deutschesten aller deutschen Dichter, Hoffmann von Fallersleben: „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“
Quelle: starke-meinungen.de