Logbuch
GESCHWÄTZIGKEIT.
Wenn Bücher diktiert sind, statt geschrieben, so verleidet das vieles. Sie plappern. Ein gutes Buch kommt schwerfällig daher. Wie ein Bergsteiger kurz vor dem Gipfel, sich abkämpfend. Es tänzelt nicht.
Ich hadre mit dem Buch, das ich gerade lese. Es ist geschwätzig. Verliert sich in Details. Beim Lesen bemerke ich den Übergang von einem Zettel des Autoren auf den nächsten. Wie bei UMBERTO ECO, dessen Karteikarten man noch in der Verfilmung der Kolportagen bemerkte. In ein Diktiergerät gelesene Karteikarten, stupide abgetippt, die der Lektor dann einfach durchwirkt. Eitle Geschwätzigkeit.
Über den berühmten Dichter CHARLES DICKENS, dem wir „Oliver Twist or The Parish Boyˋs Progress“ (1837 - 1839) oder Herrn Ebenezer Scrooge, den Geizigen, verdanken, hat GEORGE ORWELL („Farm der Tiere“) einmal gesagt, dass er ein Genie der Nebensächlichkeiten sei. Das hängt mit einem Erzählstil zusammen, der sich nicht auf den Fortgang der Handlung konzentrieren kann. Bei jeder unpassenden Gelegenheit erlaubt sich der Erzähler die Schilderung von Umständen, die nicht nur nebensächlich sind, sondern einfach gar nichts mit dem zutun haben, woran die Spannung hängt. Ausflüchte und Ausflüge in dieses und jenes; ja, nicht uninteressant, aber eben auch nicht wirklich wichtig.
So ein Mensch saß gestern Abend am Nachbartisch des Kursaals, in dem ich speiste. Es gab Lachstartar, halben Hummer, Weinbergschnecken und pochiertes Ei zu Riesling. Ausgezeichnet. Und ich konzentrierte mich auf mein Essen. Aber, dem Himmel sei es geklagt, der Kerl sprach laut zu seiner Frau, sehr laut, und er brachte nichts zu Ende. Wie ich Geschwätzigkeit hasse. Ich hätte statt des pochierten Eis lieber das Ochsenbäckchen nehmen sollen. Aber so viel Appetit hatte ich dann auch wieder nicht. Kein Dessert, aber eine kleine Creme Brûlée zum Espresso, sehr nett.
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DER JENS.
Der NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg ist Norweger. Ich kenne ihn noch als Wirtschafts- und Energieminister des skandinavischen Landes. Norwegen ist weltweit der drittgrößte Gasexporteur. Es liefert ein Drittel unseres Erdgases. Mittels Direktleitung.
Ich mag den Typ und ich mag das Land. Es ist schon etwas Besonderes. Aber der Reihe nach. Norwegen ist eines der wohlhabendsten Länder der Welt; die Öl- und Gasvorräte wurden mit Bedacht versilbert und zwar vornehmlich zugunsten der Staatskasse. Inzwischen kommt auch dort das unvermeidliche Getue mit der NACHHALTIG hinzu; geschenkt. Eigentlich ist es ein europäischer OPEC-Staat mit einer angenehmen, calvinistisch-liberalen Kultur.
Norwegen ist Russlandanrainer. Beide Staaten teilen sich die gigantischen Energievorräte im hohen Norden, der Barentssee. Die beiden haben da eine Grenze friedlich untereinander ausgehandelt. Und Norwegen gehörte schon 1949 zu den Gründern der NATO. Für Stoltenberg war es allerdings nicht an der Wiege gesungen, dass er mal dem nordatlantischen Militärbündnis vorstehen sollte. Der Mann ist geborener Sozialdemokrat und hat seine Laufbahn als Journalist begonnen.
Ich erinnere mich noch an meine Zeit in der Gaswirtschaft und seine als Ministerpräsident; insbesondere an seine Pressesprecherin Anne, eine blitzgescheite und sehr nette Journalistin. Überhaupt ist Oslo eine wunderbare Staat. Man sollte allerdings die VIKINGER-Tradition des Landes mit Bedacht sehen. Ich kannte damals einen nordnorwegischen Kollegen von Anne, der ein T-Shirt trug, auf dem vorne stand „We kill wales for fun“ und hinten „Intelligent food for intelligent people“; tjo.
Also, der Jens und die Seinen zeigen, dass man auch friedfertig Erdgas exportieren kann. Und ich habe der Deutsch-Norwegischen Gesellschaft zu Oslo lange angehört. Wunderbare Weihnachtsessen. Aber, das sollte man nicht vergessen, es sind Vikinger. Die haben der Hanse echt zu schaffen gemacht.
Logbuch
WIR SCHAFFEN DAS. DIE ZWEITE.
Die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine seien willkommen. Bei uns in Deutschland, auch in Polen, überhaupt in Europa. Diese Einladung der Politik wird man in Erinnerung behalten müssen, wenn wieder Frieden herrscht.
Pathos misstraue ich, aus schlechter Erfahrung. Einen tiefen Einblick in die Abgründe der freien Welt bot gerade die englische Regierung. Wenn es darum geht, den hehren Worten Taten folgen zu lassen, zeigt sich oft, wie kurz das Hemd ist. Darum ist im Englischen das Wort „pathetic“ auch von ganz anderer Bedeutung.
So hieß es jetzt in LITTLE BRITAIN zum Thema Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine: Saisonarbeiter erwünscht, wenn sie bei der Ernte helfen können. FRUIT PICKING. Also Erdbeeren einsammeln oder Äpfelchen. Wichtig: Und dann im Herbst bitte wieder verschwinden. So ist nämlich das Konzept der Saisonarbeit.
Der Vorschlag stammt von einem englischen Regierungsmitglied. Kevin Foster, zuständig für Immigration, rief das in Richtung ukrainischer Kriegsflüchtlinge. Zynischer geht es nicht. Der BREXIT hatte die vornehmlich osteuropäischen Erntehelfer von der Insel gefegt; das war politisch gewollt, wenn auch nicht wirtschaftlich zu Ende gedacht. Man sah dann Schilder auf Erdbeerfeldern mit dem Angebot PICK YOUR OWN. Dieses „Pflück Dir was eigenes“ ist vielleicht ein Wochenendspaß für Großstädter, aber natürlich kein tragfähiges Konzept für die Landwirtschaft wie das Land. Der BREXIT soll übrigens mit verdeckter Unterstützung russischer Geheimdienste herbeigeführt worden sein. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Wenn wir also in großem Maßstab werden Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine aufnehmen müssen und aufnehmen wollen, so gibt es aus den Fehlern nach 2015 einiges zu lernen. Damals wurde aus der Merkelschen Ansage „Wir schaffen das“ eine Verweisung aus dem Bund in die Länder und vom den Ländern in die Kommunen und die Sozialverbände, die dann zusehen konnten. Es war aus dem Kanzleramt ein schnödes IHR SCHAFFT DAS. Bitte nicht noch mal.
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Der größte Lump im ganzen Land
Denunzianten sind doppelt ekelhaft, sie üben Verrat und sind feige. Nicht nur, dass sie jemanden anschwärzen wollen, nein, sie wollen dies unerkannt tun, so dass jenem der Schaden bleibt und ihnen keine Verantwortung erwächst. Heckenschützen, die nicht die Courage haben, zu dem zu stehen, was sie meinen, sagen zu müssen. Denunziantentum ist eine soziale Praxis in Diktaturen. Die Nazis haben es gefördert und die Stasi. Und nun auch der ADAC und die Grünen.
Der ADAC will eine demokratische Organisation werden, indem er eine Möglichkeit zur anonymen Denunziation von Fehlverhalten schafft. Das trompetet er voller Stolz in die Welt. Was da als tolle Idee verkauft wird, passt zur restlichen Verlogenheit des Neuanfangs. Das wirkliche Kalkül ist, ich zitiere hier interne Erwägungen der Berater des ADAC, dass man in der Vereinsführung Schweinereien erfährt, bevor sie in der Süddeutschen Zeitung stehen. So gewinnt man Zeit und kann noch klammheimlich etwas machen, das die PR-Leute „clean your act nennen“. Wenn der neue Ethik-Beirat des ADAC diese Praxis deckt, ist er schon heute erledigt.
Zweites Beispiel: In Berlin, Bezirk Pankow, regieren die Grünen und die Alt-Roten und installieren eine staatliche Garantie „gesunder Lebensverhältnisse“ durch die Einrichtung von „Milieuschutzgebieten“ gegen „Überfremdung“. Es wurde ein „Zweckentfremdungsgesetz“ beschlossen, das die Nutzung von Wohnungen der autochthonen Bevölkerung (Prenzelberger) durch Touristen verhindern soll. Die Bevölkerung wird zum Blockwarttum aufgefordert und darf anonyme Hinweise an die Behörden geben, wenn der Milieuschutz verletzt wird.
Als Indizien nennt Jens-Holger Kirchner (Grüne) allen Ernstes: regelmäßiger Wäschewechsel, englische Sprache und Fantasienamen an Klingeln. Fünfhundert anonyme Hinweise von Nachbarschaftsinformanten liegen schon vor. Die Behörden können gar nicht so schnell abarbeiten, wie denunziert wird. Die besten Chancen hatman vermutlich, wenn man die ortübliche „gesunde Lebensart“ hat undSchackelin Kwiatkowksi heißt, die Bettwäsche nicht wechselt und auch Hochdeutsch eine Fremdsprache ist. Schwäbisch geht am Prenzelbergnatürlich auch.
Was sich hier zur sozialen Praxis des Denunziantentums auswächst, beginnt natürlich früher. Schon die alberne Unart der Blogosphäre, nur unter Spitznamen seine Meinung sagen zu können oder extensiv zu pöbeln, gehört zum Syndrom. Das Informalitätsgebot der Netzkommunikation ist ohnehin pubertär; dort, wo es dazu dient, die Täter von Rufmord zu tarnen, ist es einfach ekelhaft. Ich unterhalte mich nicht mit erwachsenen Menschen, die sich „horny69“ oder „bigprick“ nennen und im bürgerlichen Beruf auf Sparkassen oder in Finanzämtern den Biedermann geben.
Man kann die Feigheit des Verrates tarnen hinter stolzen Begriffen wie dem des Whistleblowers. Mich beeindruckt das nicht. Faseleien von demokratischer Meinungsbildung sind perfide. Die Feigheit des Heckenschützen widerspricht jeder bürgerlichen Kultur. Sie ist ein Auswuchs von Diktaturen und sie schafft Diktaturen.
Gestern abend bin ich schwankenden Schrittes aus Harry’s Bar gekommen und habe mit meinem Freund Davide Desanzuane noch eine geraucht. Wir stehen auf dem Weg zu seinem Büro am San Marco vor einer Bronzetafel, die einen Löwenkopf zeigt, dessen Maul offen steht. Übermütig will ich die Öffnung als Aschenbecher missbrauchen, als ermir in den Arm fällt.
Die „Bocca di Leone“ war in finsteren Zeiten eine feste Einrichtung der venezianischen Stadtoberen, die zur Denunziation aufforderte. Hier konnte man gefahrlos Freund wie Feind verraten. Es schüttelt uns. Und so zitiert mein italienischer Freund mit liebenswertem Akzent einen deutschen Dichter, den deutschesten aller deutschen Dichter, Hoffmann von Fallersleben: „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“
Quelle: starke-meinungen.de