Logbuch
STILLE MITTAGSPAUSE BEI BRÜLLHITZE.
Wenn ich meine Ruhe haben will im stets lauten Berlin, dann gehe ich auf den Dorotheenstädtischen Friedhof. Hier liegt, so bilde ich mir dann ein, meinesgleichen.
Unpassend finde ich, dass Brecht dicht an der Mauer liegt und die Weigel vor ihm, sodass, wenn er nächtens mal flanieren will, immer über sie rübersteigen muss. Dass sie der großen Aufpasserin dieses Privileg auf ewig gegeben haben, finde ich falsch.
Als ich neulich einer türkischen Kollegin erklärte, wie Brecht es in Buckow so mit seinen Geliebten, den ehemaligen wie künftigen, gehalten hat, erklärte sie mir, dass das ein geheimes Kalkül der osmanischen Hausherrin gewesen sei, dem alten Gockel junge Hühner zuzuführen und so die Glucke zu bleiben.
Anmerkungen habe ich zum Grabstein des Johannes Rau. Dort steht in einer schlichten Geste der Satz: „Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth“. Das ist von großem Tiefsinn, da es der Geschichte von den Verleugnungen des Petrus entstammt, wie sie Lukas erzählt. Damit sind wir in einer beachtlichen theologischen Tiefe. Die auszuloten, bin ich nicht befugt. Das in einem so einfachen Zitat anzudeuten, ist vom Stil her schon sehr protestantisch.
Aber man hat ein Porträt hinzugefügt, das Gesicht des Politikers, den sie Bruder Johannes nannten. Was hier noch ernste Kunst, sieht man auf anderen Friedhöfen als hundertfachen Kitsch, Fotos der Verstorbenen auf dem Grabstein. Da würde ich mir mehr Ikonoklasmus wünschen, Bildverbote, keinen Selfi-Kitsch. Denn was von uns bleibt, das ist nicht das Ponem.
Lohnendes Denkspiel im angenehmen Schatten des Philosophenfriedhofs: Was soll von mir bleiben? Bevor ich das beantworte, zunächst als zu verwerfende Idee: ein Charakterporträt? Wie das unsägliche Porträt, das die unerträgliche Mutti Merkel gerade von sich hat malen lassen? Nein. Würde mir ein Staatsbegräbnis angetragen, gänzlich ausgeschlossen ist das angesichts meiner Verdienste ja nicht, nähme ich eine in Marmor geschlagen Sonnenuhr, die festhält, dass sie das Licht beherrsche. Und die Nachgelassenen der Schatten. In den Stein zu schlagen ist: SOL ME VOS UMBRA REGIT.
Also, um allen unzureichenden Versuchen des Nachruhms zu entgehen, komme ich in einem Ruhewald unter eine stattliche Eiche, eines sehr fernen Tages, hoffe ich. Rau hat übrigens den Grabspruch seines Vaters; das gefällt mir. Und beim großen BB steht nur der Name. Reicht. Er hat Vorschläge gemacht, wir haben sie angenommen. So sind wir alle geehrt.
Logbuch
FREE WILLY.
Eine besonders anrührende Art der asiatischen Gartenkunst ist die Miniaturisierung alter Bäume in einer winzigen Schale. Auch in der sehr kleinen Pflanze gestaltet sich die Würde und Grazie großer Bäume, winzige mimetische Kunstwerke zur Größe der Natur. Der Bonsai, so sein Name, bedarf besonderer Aufmerksamkeit, einer täglichen Pflege mit einem Hauch Wasser auf den Blättern oder Nadeln und ein paar Tröpfchen in die sprichwörtliche Schale. Man sollte mit ihm in leisem Ton sprechen, rät die Literatur.
Die Kunst des feinen Gewächses in flacher Schale ist das Ergebnis brutaler Gewalt. Es bedarf scharfer Schnitte an Wurzeln wie Trieben und der Gängelung durch dicken Kupferdraht, damit die Wachstumsverzögerung erreicht wird, brutale Eingriffe in den natürlichen Trieb, um sich dann der ausdrucksstarken Miniatur erfreuen zu können. Verkrüppelung. Die unendliche Mühe hat ihren Preis; es werden Honorare aufgerufen, für die es einen Kleinwagen gäbe. Das hindert mich weniger als die Präsenz, die der Bonsai erzwingt. Ein mehrwöchiger Urlaub ist da nicht mehr drin. Es ist wie mit alten Autos und jungen Frau, echt teuer und ständig Theater. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Ich finde in der Gartenabteilung meines Baumarktes, eigentlich eine Resterampe für holländischen Gartenmüll, einen Bonsai von der Stärke eines Männerarms, durch Draht gebogen und wohlbeblättert, allerdings in einer lausigen Plastikschale, für stolze 146€ . Alta Schwede. Davon dürfte ein Zehntel in Asien hängengeblieben sein, für sicher zehn Jahre Pflege, die eigentlich Schindluderei waren. Im Herzen noch immer ein Revoluzzer beschließe ich, ihn zu befreien.
Jetzt steht er im Sonnenlicht meines Gartens in einem recht großen Container, den ich mit einem ganzen Sack Gartenerde gefüllt, unter die ich sechs Schüppen kleine Bruchsteine gemischt habe, beschwert durch drei große Kiesel und mit vier vollen Kannen Wasser durchfeuchtet. Blaukorn drauf. Die Bonsaischere beiseite gelegt, warte ich nun, wie er wächst und gedeiht und dabei völlig aus der Proportion gerät.
Wenn andere Wale retten, um in den grünen Himmel zu kommen, befreie ich künftig Bonsais.
Logbuch
DEN DAUMEN SENKEN.
Gestern eine Mail von einem alten Freund. Es ist ein großes Privileg, mit gebildeten Menschen korrespondieren zu dürfen. Vor Jahren hatte ich mal das Glück, auf einen Anglisten zu stoßen, der seinen Doktor damit gemacht hatte, dass er ein Shakespearedrama übersetzte. Der Laie wundert sich; den Schinken gab es doch schon in Deutsch. Neuerdings wird es ihn sicher auch in sogenannter Einfacher Sprache geben, also völlig verhunzt. Mir war klar, dass Übersetzen immer Übertragen ist und das Kongeniale fordert, was Deppen nicht gegeben.
Dieser Freund nennt mich, wohl mit Bezug auf das Logbuch, Mr. Spectator. Das wäre mit „Zuschauer“ nur nachlässig übersetzt, eigentlich ist es ein „Beobachter“, der als öffentliche Rolle genau 1711 das Licht der Welt entdeckte, und zwar in den „coffeehouses“ des bürgerlichen London. Deren vornehmstes erscheint mir das von Mr. Lloyd, in dem später die berühmteste Tageszeitung, nämlich Lloyd‘s List, erschien. Täglich seit 1738. Zurück: The Spectator. Man mag den Beobachter des gesellschaftlichen Lebens auch „Kritiker“ nennen. Ein Mensch, der regelmäßig zur Feder greift, und mit gleichem Engagement über sein Abendessen urteilt (Briesravioli mit Pfifferlingen und Petersiliensauce in der Traube zu Valendar) wie die Ausdehnung des Römischen Reichs unter Hadrian (Roderick Beaton) oder den Regierenden zu Berlin (Adonis für Arme). Ohne auch nur den Hauch einer staatlichen Legitimation erlaubt er sich Urteile, der Spectator.
Er hebt oder senkt seinen Daumen, obwohl gar nicht Cäsar der Arena, nur Zuschauer. Hier ist einiges zu korrigieren. Die Gladiatoren waren keine Barbaren in der Arena, die von den Barbaren auf den Rängen geopfert wurden; jedenfalls nicht immer. Das mit dem ausgestreckten oder gesenkten Daumen sind Geschichtsklitterungen des 19. Jahrhunderts. Der Gladiator, gleich ob gekaufter Sklave oder Kriegsgefangener, war ein sorgfältig ausgebildeter Schauspieler mit sehr guter medizinischer Versorgung. Wenn sein Kampf mit wilden Tieren oder fremden Gesellen das Publikum begeisterte, schenkten die erhobenen Daumen ihm die Freiheit und Vermögen. Eine Geste, die Heroen schuf.
Übler erging es Feiglingen, die gleichwohl in der politischen Arena Ruhm zu erwerben trachteten. Da senkte sich schon mal der Daumen. Solches höre ich gern von meinem Vers.
Logbuch
Schrift ist Gift
Mein Berufskollege Max Clifford muss möglicherweise wegen sexuellen Missbrauchs in den Knast. Die Delikte sollen in den siebziger Jahren stattgefunden haben und minderjährige Frauen betreffen. Die Ermittlungen wurden erst vor zwei Jahren aufgenommen und die Klagezulassung ist zwei Tage alt. Ich halte das für eine fabrizierte Anklage, aber vor einem englischen Gericht ist man bei Fragen des Sexuallebens nun wirklich in Gottes Hand. Oder der des Teufels. So geht es denen, die immer mit dem Fegefeuer spielen.
Und Max Clifford ist unter den Spin Doktoren eine ganz große Nummer. Ich kenne Max gar nicht aus dem Job, sondern aus dem Polo. Das ist diese grellgrüne Bar im Westbury, gleich bei seinem Büro um die Ecke. Das heißt, sie war grellgrün; inzwischen hat irgendein australischer Hotelmanager die Sitzmöbel blau beziehen lassen. Man kann sich fragen, ob man grellgrün in einem solchen fünfziger Jahre Bau erträgt, aber blau, das geht gar nicht, schon gar nicht, wenn das Ding Polo heißt. Wie man sich bei Vorwürfen dieser Schwere über Polsterfarben unterhalten kann? Im Polo kann man.
Mein Kumpel arbeitet bei einem Versteigerungsladen nebenan und wir trafen uns, wenn ich in der City zu tun hatte, hier zum Lunch. Die Küche ist ganz passabel und die Cocktails großartig. Zwei Tische weiter residierte der legendäre Max Clifford. An seinem Tisch saßen nur Gesichter. Damit meint der Engländer, dass man diese Leute nun wirklich kennen müsste. Ich erinnere mich an David Mellor, den schlecht bezahnten Kulturminister und Chelsea-Fan, und an Joe Cocker, diesen Sänger, der die Motorik von Herbert Grönemeyer erfunden hat.
Clifford gilt als PR-Guru; er habe mehr Stories aus den Medien rausgehalten als reingebracht, sagt man. Er war sicher für dreißig Jahre der mächtigste Strippenzieher im Vereinigten Königreich. Eine seiner Erfindungen ist die „Kiss-and-Tell-Story“, also sexuell animierte Indiskretionen. Er hat Popstars versenkt und ganze Regierungen wanken lassen. Dabei war die Quellenlage, wenn man den Gazetten glauben darf, so diffizil nicht: Vieles soll aus den Kundenkarteien von Londons Edelbordellen stammen. Man erinnert sich noch an die Serie um das Callgirl, das in den Commons, dem örtlichen Bundestag, arbeitete.
Max sagt, das seien alles nur frei erfundene Rachegeschichten von miesen Tabloidreportern, denen er zuvor eine andere Geschichte kaputt geschossen habe. Max hatte zum Beispiel die Geschäftsidee mit den Schwulen in der Politik und im Sport. Da sie, jedenfalls früher, am Ende der Karriere waren, wenn das bekannt wurde, hat Max ihnen gesagt, kommt zu mir und es gibt niemals ein „coming out“. Er behauptet, bis heute habe keiner seiner schwulen Klienten eine Enthüllung in der Presse erfahren, obwohl schon manche Story im Rohr gewesen sei.
Wie aber macht er das? Er weist auf seinen Schlüsselbund auf dem Glastischchen und sagt: „Das sind die Schlüssel, die die Türen zu vielen Geheimnissen aufsperren können. Aber zu noch viel, viel mehr Geschichten für immer schließen.“ Ich bin echt beeindruckt. Und verstört. Der Mann lügt doch. Ein Angeber. Wie soll das gehen, eine Geschichte aus der Presse wieder rauszuholen, also zu verhindern, dass sie erscheint? Dazu müsste er ja Dinge über die Entscheidungsebene in den Verlagen und Redaktionen wissen, die man gar nicht wissen kann.
Aber ich habe ihn eben auch erlebt, wenn das Lunch so langsam über den Nachmittag in den Abend wuchs und draußen die Laternen angingen. Da waren wir alle acht oder zehn Martinis weiter. Und niemand, der diese Menge Gin im Bauch hat, kann sich noch verstellen. Ein netter Kerl, etwas einfach gestrickt vielleicht und in der Eitelkeit der Grauhaarigen, klar, mit allen Wassern gewaschen, aber bodenständig. Ein Angeber, kein Verbrecher, schien mir.
Eskapaden gab es durchaus in seinem Leben. Aber eben nicht solche. Sagt er. Und in der alten Tante FAZ zitiert die London-Korrespondentin Gina Thomas ihn mit dem Bekenntnis, das seien nur „grundsolide Sauereien für Erwachsene, die alt genug waren, um zu wissen, was sie taten.“ Auch das halte ich für Angeberei. Was mich skeptisch macht: Das Belastungsmaterial will die Polizei bei einer Hausdurchsuchung in seiner Wohnung gefunden haben. Bezichtigungsbriefe aus 2011. Niemand von der Profession eines Max Cliffort hat so etwas rumliegen, niemand. Das erste, was man in diesem Job lernt, ist: Schrift ist Gift.
Quelle: starke-meinungen.de