Logbuch
DER BÜRGER.
Heute feiert Otto Schily seinen 90. Geburtstag. Und beglückt die Öffentlichkeit mit der Feststellung, dass ihn der BELLIZISMUS bei den GRÜNEN nachdenklich stimme. Eine gewisse kriegsgeile Ambition ist ja bei jenen eingekehrt, die früher FRIEDEN SCHAFFEN OHNE WAFFEN predigten.
Schily war Gründungsmitglied der GRÜNEN und ist erst später zur SPD gewechselt, deren Innenminister er dann wurde. Bekannt ist er meiner Generation durch sein mutiges Auftreten in der Strafverteidigung von Terroristen, die der 68er Studentenrebellion entstammten. Ich kenne den Mann nicht sehr gut; und wenn, würde ich nicht drüber sprechen. Über Mandate nicht und niemals zu reden, das Versprechen hat er mir mal ausdrücklich abgenommen. Aber er ist mir ein sehr seltenes Exemplar der Gattung Politiker.
Ich kann es in einem Satz sagen: Schily ist eine PERSÖNLICHKEIT jenseits der Rollen, die er spielt. Als Strafverteidiger ist das schon eine professionelle Tugend; man ist Organ der Rechtspflege und steht doch auch einem Schuldigzusprechenden bei. Er hat anthroposophische Wurzeln, war aber politischer Kopf der Grünen wie der Sozialdemokraten. Er hat sich, soweit ich das beurteilen konnte, zwar auf Dinge eingelassen, aber niemals vereinnahmen lassen. Schily ist bürgerlich im Sinne des Citoyens, ein emanzipierter Bürger.
Jetzt lasse doch noch eine Katze aus dem Sack. Er ist ein Bochumer Junge. Vater hat den Bochumer Verein geleitet, Abitur am Engelbert, ein Kind des Reviers. Ich höre das am Ton. Den treffen nicht viele.
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DIE ORDNUNG DER DINGE.
Der grüne Zeitgeist ist ein metropoles Sehnen nach einer niedlichen Natur, die der Landbevölkerung fremd ist. Es entstammt Schrebergärten, wo der Spießer verzückt Erdbeeren pflückt. Der Datschenmief der Laubenpieper. Eine kleinbürgerliche Ambition.
Ich schaue meinem tüchtigen Gärtner beim Schneiden der Hecke zu. Ohne seine scharfe Schere, in Wahrheit ein schwedisches Monster mit Akku-Antrieb, hätten wir ein Gestrüpp, das irgendwann den Weg gefressen hat. Ich sehe, wie er mit der Kettensäge in Baumkronen steigt. Gut so. Er gestaltet aus Natur Kunstwerke der Architektur. Das ist ein Garten: Exempel des Gestaltungswillens.
Der Ziergarten ist, sagen wir es klar, schlicht Kunst, wenn er denn gelingt. In ständigen Kampf gegen die Willkür der Schöpfung. Der Gärtner korrigiert Gott. Der Nutzgarten ist eine vordergründige Peinlichkeit, die auf Nahrung schielt, den Kohlkopf oder die Beere; nichts von Rang. Damit sei nicht der Landwirt getadelt, der der elenden Natur eine Kulturlandschaft abringt; schon gar nicht der Förster, der dem dumpfen Wald ein Minimum an Disziplin beibringt. Wer aber die Blumenwiese nicht regelmäßig mäht, wird das wuchernde Gras erhalten, aber nicht die Blume.
Ich erinnere meinen Besuch in den Kew Gardens Londons und meine Erkenntnis, dass der englische Landschaftsgarten ein Ausdruck von Kolonialismus war. Man sammelte die spektakulärsten Pflanzen der Welt, um seinen Reichtum zu zeigen, seine imperiale Ambition. Es war die Demonstration einer Herrschaft über die Welt. Wohlgeordnete Denkmäler des Gentlemans, der die Wellen der Weltmeere beherrschte. So kam der Birnbaum zu uns. Davon zeugt der Ginkgo in meinem Garten.
Ich finde nirgends Idylle. Und werde heute ausführlich wässern müssen, weil selbst das die elende Natur nicht mehr selbst hinkriegt.
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MENSCHENWÜRDE.
Unser oberstes Gesetz, die Verfassung, das GRUNDGESETZ, beruht auf einer Annahme, die aus der Luft gegriffen ist. Auf einer unbestimmten IDEE. Ja, geht denn das? Mit beiden Beinen in den Wolken? Es muss gehen.
Die Grenzen einer IDEE erkennt man oft erst, wenn sie gründlich übertrieben wird. So geht es mir mit dem neuen NATURRECHT des grünen Zeitgeistes. Dabei wird die Natur als harmonische Idylle vermenschlicht und ihr analog zu uns Menschen regelrechte MENSCHENRECHTE zu gesprochen. So sollen der Regenwurm und die Butterblume auch ein Klagerecht haben. Sagen mir erwachsene Menschen. Absurd. Der Naturzustand ist zudem keine Idylle, sondern die reine Barbarei.
Der Reihe nach. Die Verfassung hat kein Reglungsrecht zwischen Menschen. Das Grundgesetz beschränkt die Rechte des Staates gegen Menschen. Wem ruft es zu, dass die Würde des Menschen unantastbar sei? Dem Staat. Pfoten weg! Das ist die Kernlogik: Was immer Du Staat willst, hier endet Dein Recht. Die Würde ist ein Wert, den die Menschen sich selbst zubilligen. In der kontrafaktischen Annahme der Selbstbestimmung.
Darum schließen sie zum Beispiel Kannibalismus aus und gewähren auch ehemaligen Menschen Respekt (Totenruhe). Diese Kernkategorie der DIGNITAS ist aber nicht mal ein „unbestimmter Rechtsbegriff“; sie ist eine bloße IDEE. Bemühungen, sie plausibel aus dem Christentum herzuleiten, scheitern. Denn auch die Vorstellung der „Gottesähnlichkeit“ enden im Wolkenkuckucksheim. Man könnte dann ohnehin nur den Gott des Neuen Testaments meinen; im Alten Testament geht es eher ruppig zu. Und der Schamane hat einen anderen Gott als der Calvinist.
Die Würde des Menschen ist eine Einladung zum Diskurs, nicht mehr. Wir sollen uns darauf verständigen, was uns selbst gut genug ist. Weil wir glauben, dass wir können, wenn wir wollen. Ein kontrafaktischer Diskurs. Daran nehmen alle Menschen teil, also auch der Andersgläubige oder der Nichtgläubige. Aber nicht der Regenwurm und die Butterblume. Nein, das tut mir jetzt leid, aber auch nicht der Regenwald oder der Walfisch.
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Warum ich nicht glaube, was ich lese
Journalismus ist angeblich eine Haltung. So sagen die Blasierten. Mag sein, aber mit notorischen Haltungsschäden. Eine professionelle Deformation nennen die Franzosen die Spuren, die ein Beruf in der Seele des Berufstätigen hinterlässt. Ich mache jetzt seit gut dreißig Jahren PR und habe tagaus, tagein mit Journalisten zu tun und schaue genau so lange jeden Morgen in die Zeitungen, heutzutage halbstündig ins Internet. Einer meiner angelegentlichen Weggefährten ist gerade 80 geworden, der großartige Felix Schmidt, einst Leiter eines öffentlich rechtlichen Senders, Kulturchef des Spiegel, dann Stern-Chefredakteur und schließlich unabhängiger TV-Produzent („Talk im Turm“).
Die FAZ hat einen lieblos heruntergeschmierten Einspalter zu seiner Ehrung gebracht; deshalb lege ich hier nach. Dieser neurasthenische Publizist ist immer in seinem notorischen Ekel vor seiner eigenen Branche größer gewesen als andere in ihrer blasierten Begeisterung. Mit Felix Schmidt und Peter Sloterdijk habe ich das „Philosophische Quartett“ ersonnen, eine der besten ZDF-Serien; natürlich mittlerweile eingestellt. Herr Schmidt war übrigens beim Stern, als die die lausig gefälschten Hitler-Tagebücher gekauft und publiziert haben. Was habe ich von diesem wunderbaren Mann gelernt? Skeptizismus. Ich glaube nicht, was ich lese, insbesondere wenn die Story zu gut ist.
Was ist eine zu gute Story? Nehmen wir ein Beispiel: Der Alte hat eine Geliebte, eine junge Chinesin, die in gebrochenem Englisch Tagebuch schreibt. Stellen Sie sich vor, Sie sind die Ehefrau oder die Tochter eines früheren Staatschefs und lesen das folgende über Ihren Gatten respektive Vater: „Oh shit, oh shit… whatever why, I‘m so, so missing Tony. Because he is so, so charming and his clothes are so good. He has such good body and he has really, really good legs, butt…And he is slim tall and good skin…blue eyes, which I love, love his eyes…“ Butt heißt übrigens Hintern. Die Rede ist von Tony Blair, dem ehemaligen Premierminister des Vereinigten Königreichs.
Der Tagebuchauszug soll von Wendi Deng stammen, der ehemaligen Ehefrau von Rupert Murdoch, einem der mächtigsten und sicher reichsten Verleger Amerikas, einem Weltenlenker. Der Altersunterschied zwischen den beiden nunmehr Geschiedenen liegt bei 38 Jahren; Rupi hat sie gefreit, als er 68 und Wendi 30 war. Dem Ungestüm ihrer Jugend sollen in der 14jährigen Ehe auch Affären mit dem englischen Regierungschef und einem Vorstand der Internetkrake Google zu verdanken sein. Blair habe sich heimlich auf der heimischen Farm eingefunden, als Rupi außer Haus war. Als Rupi dann die Gerüchte hörte, hat er das Personal befragt. Shit happens.
Gemein daran war, dass Blair seinen Wahlsieg in England, der ihn ins Amt gebracht hatte, angeblich dem Boulevardblatt The Sun verdankte, das Murdoch gehört. Ich erinnere mich noch an die Seite Eins nach dem Wahlsonntag. Es stand dort in typisch britischem Understatement: „The Sun won it!“ Nicht der Souverän, das Wahlvolk, hatte die Unterhauswahlen gewonnen, sondern, so die Schlagzeile, das Massenblatt. Demokratische Ordnungspolitik ist nicht die eigentliche Tugend der „tabloids“ in UK. Zudem war Tony Blair der Pate (englisch: „godfather“) eines der gemeinsamen Kinder von Rupi und Wendi. Da schlägt man doch nicht heimlich auf, um einen bei Mutti zu verstecken; ich bitte Sie.
Die Story stand in „Vanity Fair“ und wird nun von der „Welt am Sonntag“ fortgeschrieben. Ich glaube sie nicht. Die Story ist zu gut. Ich will nicht beckmessern, wie man das macht, mit einem Heer von Secret Service- Agenten im Schlepptau irgendwo einen heimlichen „One-Night-Stand“ abzuliefern. Ich will Ihr Auge nur auf ein Detail lenken. Die Multimillionärsgattin Wendi Deng soll, wie oben zu lesen, in Pidgin English angeblich in ihr Tagebuch gekritzelt haben, dass ihre erotische Präferenz unter anderen damit zusammenhänge, dass Sir Tony gute Kleidung trage.
Was immer die „desperate housewives“ dieser Gehaltsklasse in Silicon Valley antreibt, es ist nicht der Anzug des Auszuziehenden. Der Text hat eine implizite soziale Perspektive und stammt von einem Redaktionsproleten in der Fleet Street, ich wette. Hier schreibt Andy Cap aus Wolverhampton, der im Anorak zur Arbeit kommt, für die Essex-Girls, die sein Blatt kaufen. Wendi Deng war klüger als Bettina Wulff und hat das weder kommentiert noch sonst irgendwelche Fragen beantwortet. Fleet Street Smear, nennt man das in meinem Club.
Nun sitzt die englische Presse längst nicht mehr in der Fleet Street, sondern in den Docklands die Themse runter. Und man nennt das dichtende Prekariat in den Redaktionsstuben nicht ungestraft proletarisch. Aber, das war mein Punkt, ich glaube diese Geschichte nicht. Sie ist zu gut für das, was der Boulevard „gut“ nennt, weil wir, die Leser, das gut finden. Es ist unser schlechter Geschmack, der hier bedient wird. Wie bei Wulff. Kehren wir also vor der eigenen Tür. Das sei also zur Ehre des 80. Geburtstags von Felix Schmidt heute gesagt. Skepsis haben wir von ihm gelernt. Und die Achtung vor einem Beruf, der so oft deroutiert.
Quelle: starke-meinungen.de