Logbuch
BARBAREN NAMENS Y ODER Z.
Ich habe nichts dagegen, wenn der Freund Asiens mit Stäbchen isst. Ich akzeptiere, dass Hamburger von den Amis barhändig verzehrt werden. Ich nehme hin, dass der Franzose nach dem Messerbänkchen schaut. Aber Spaghetti, dazu bedarf es einer Gabel und nur einer Gabel.
Einer Empfehlung des Fernsehens folgend besuchen wir ein italienisches Restaurant in Frankfurt-Bockenheim, das die Gebrüder Cimino betreiben. Am Nachbartisch zwei Vertreter der Generation Y oder Z. Schlecht gekleidete Kulturbanausen. Das Exemplar mit der Strickmütze bestellt Spadschetti mit scharfe Sauce. In der Karte ist von „cacio e pepe“ die Rede. Wir wollen sie aber ohne Käse.
Der Herr, die Mütze ist inzwischen ab, eine rasierte Glatze zeigt sich, nimmt, da er vor sich nur Löffel und Gabel vorfindet, von seinem Gegenüber das Messer in die linke Hand und die Gabel in die rechte, mit der er nun die Nudeln anwickelt, um den Wickel alsbald mit dem Messer abzuschneiden und die knappe Portion im doppelten Zugriff beider Instrumente zum Mund zu führen. Man lernt, dass die Herrschaften eine Bank beraten. Dazu trinkt er ein alkoholfreies Weizen.
Wir sind alle verloren.
Logbuch
MURPHY‘S LAW.
Was schief gehen kann, wird schief gehen. So lautet das Gesetz des Herrn Murphy. Fast jedenfalls. Die Tempusfrage ist wichtig. An ihr hängt die ganze Wahrheit. FUTUR. Der Satz meint nämlich: Was schief gehen kann, wird dann irgendwann auch schief gehen. Eine Frage der Zeit.
Vor Helgoland sind zwei Frachter zusammengestoßen, einer ist gesunken und hat Seeleute begraben. Friede ihrer Seele. Sie kamen aus unterschiedlichen Häfen und wollten in verschiedene Länder, aber in dieser Nacht auf dem „big blue“, da hat der Zufall sie kollidieren lassen. Man hört Fachleute von dicht befahrenen Seefahrtstraßen in der Deutschen Bucht faseln; ich glaube eher an einen Unfall mittels GPS, dank zu genauer Navigation.
Bei Flugzeugen gibt es eine eigene Elektronik, die andere Flieger auf Kollisionskurs entdeckt und automatisch den Kurs korrigiert. Da das beide Automaten tun, sollte mit einer Entscheidung eingegriffen werden. Ich erinnere einen Fall der Schweizer Flugaufsicht, wo das dann in die Katastrophe führte. Beide Flieger unterdrückten die Korrektur oder führten sie beide aus, jedenfalls: es knallte.
Das Thema wird auch bei PKWs virulent, die bald fast vollautomatisch fahren; das große Versprechen des vorlauten Elon Musk, auch die Tesla-Lüge genannt. Schon der Begriff des „autonomen Fahrens“ ist eine Unverschämtheit, denn AUTONOM heißt eigengesetzlich, ein Euphemismus für einen überforderten Apparat von beschränkten Assistenzsystemen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Wenn etwas schief gehen kann, wird es irgendwann passieren. Deshalb sind kluge Systeme immer primitiv und „fail-safe“, meint: wenn im Arsch, dann ohne, dass es Kopf und Kragen kostet. Ich warne vor der Komplexitätsfalle. Ein stockbesoffener Capt‘n Blaubär ist sicherer als ein exzellentes GPS, jedenfalls in Feindeshand.
Möge das Schicksal mit den schlichten Gemütern sein, dem einfachen Handwerk und den alten Hausregeln, also dem Guten. Die Bösen haben eh KI und ChatGPT.
Logbuch
LESERIN.
Historische Logbücher künden von Weltreisen. Columbus entdeckt in der Weite des Raums Amerika; so was in der Art. Es rührt aber auch Beiläufiges aus den engen Gassen. So gestern.
Auf dem Weg ins Bürgerbüro der Kommunalverwaltung, mein Reisepass ist abgelaufen, grüßt mich freundlich eine Mitbürgerin, mit der ich früher oft beim gleichen Italiener zu Gast war. Lange nicht gesehen. Sie ruft mir zu, dass sie meine Berichte im Logbuch gerne lese. Ich bin erfreut. Eine Leserin!
Diese Hochwertvokabel beseelt alle armen Poeten. Es ist der Gedanke, dass da draußen in der banalen Welt ein paar edle Seelen hausen, die etwas darauf geben, was man zu Papier bringt. Das ist die Eitelkeit der Aufklärung, von der schon Immanuel Kant erzählt. Er unterscheidet zwischen dem Privaten (meint: Privatwirtschaftlichem), wo jeder seiner Gemeinde und sich selbst dienen möge. Und dem Öffentlichen, wo er sich dem Urteil seiner Leser zu stellen habe, also der Vernunft. Kant kannte also beides, leidige PR und wirkliche Literatur.
Zu der imaginären Verpflichtung gegenüber seiner Leserschaft empfindet der Literat eine tiefe Selbstüberschätzung seiner Wirkung. „Wenn ich zu Tinte und Papier greife“, heißt es bei Lichtenberg, „möge das Leben sich in Acht nehmen.“ Der Schreiberling fühlt sich als Weltenrichter. Er kann zu allem etwas sagen. Immer ein Urteil zur Hand.
Damit ist es so ähnlich wie mit meinem neuen Reisepass. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt einen brauche. Ich könnte damit aber die Welt bereisen. Der Gedanke beseelt, auch wenn man nur auf dem Dorfe hockt oder im Kiez. Weltenbürger zu sein, das ist eine Angelegenheit des Herzens.
Logbuch
Der Mensch ist, was er isst
Die ukrainische Zopftrulla gibt eine Pressekonferenz in der Berliner Charité und kommt auf Krücken wegen ihres unter Haftbedingungen in ukrainischen Kerkern verschlimmerten Bandscheibenvorfalls. Sie trägt dabei hochhackige schwarze Pumps.
Aber vergessen wir mal für einen Moment die große Politik. Reden wir vom Essen. Drei Vorfälle sind zu berichten. Der erste fand letzte Woche statt im Museum Tavern in Bloomsbury, London. Ich lunche mit der Redenschreiberin des Bürgermeisters, einer jungen Konservativen des modernen Schlages, die ihren Chef immer Boris nennt, manchmal auch Boris the Beast. Herr Johnson, so heißt Boris hinten, ist ein Genie der politischen PR und wird als künftiger Premierminister im Vereinigten Königreich gehandelt. Ich will der jungen Dame über die Schulter blicken, denn sie macht einen wirklich guten Job. Was bestellt sich die Mittzwanzigerin? Ein „Fishfinger Sandwich on brown bread“. Dabei handelt es sich um diagonal aufgeschnittenes Butterbrot aus geschrotetem Mehl und als Belag des Butterbrotes in reichlich Remoulade drei panierte Fischstäbchen. Ich werde nicht mehr.
In Heathrow („Thieve Row“) auf meinen Flieger wartend, gehe ich auf facebook und entdecke ein Foto, das jemand von seinem Abendessen gemacht hat. Das ist ein echtes Phänomen. Menschen fotografieren ihr Essen und stellen das dann stolz ins Netz. Es handelt sich um eine klebrige Masse, die aussieht, als habe sie schon mal jemand zu sich genommen. Es sind, so erfahren wir, Spaghetti mit Garnelen und einer Ziegenkäse-Weißweinsauce. Ekelhaft. Nie würde ein Italiener Meeresfrüchte mit Milchprodukten mischen. Man kocht das Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter. Ich entfache eine wilde Diskussion auf facebook, indem ich meine Verachtung formuliere. Dabei fällt auch die Nudelvariante Carbonara, in der man auch nicht Speck und Sahne mischt. Nein, schreibt der inkriminierte Meisterkoch, für Carbonara nehme er Dosenmilch. Ich werde nicht mehr.
Jetzt nach Frankreich. Der chinesische Präsident Xi Jinping war zu Gast beim Premierminister und es gab im Elysée-Palast zu einem elend süßen 97er Chateau d‘Yquem Stopfleber, Huhn mit Kartoffeln und Schoko-Dessert von einer so leidlichen Qualität, dass die Ministerin für Außenhandel hinterher ihrem Ekel („dégueulasse“) Worte verlieh, die eine Kamera aufnahm. Nun, Nicole Bricq, so heißt die Hochgewachsene, wird damit wohl aus dem Kabinett fliegen. Ihr Chef ist zwar Sozi, aber wir sind im Land der Haute Cuisine. Da würden sie für Ziegenkäsesauce an Garnelen oder Fischstäbchen als Brotbelag die Guillotine rausholen. Gut so.
Wenn wir über Europa reden, handeln wir von europäischer Geschichte und Kultur. Die Kulinaristik ist ein wesentlicher Pfeiler dessen. Dazu gehört der mediterrane Kult um Getreide („pasta“), um Wein und Öl und auch die Frage, warum man das Zicklein nicht in der Milch der Mutter kocht. Und dieses Europa reicht, ungeachtet der jeweils herrschenden Regime, bis an den Ural. Da hat der Herr von Siemens einfach Recht; man darf sich diesen Blick nicht durch kurzfristige Turbulenzen verstellen. Primat der Ökonomie. Damit sind wir dann doch wieder auf dem Weg in die große Politik. Das wollten wir für heute eigentlich lassen.
Quelle: starke-meinungen.de