Logbuch

KEIN TITAN, NUR EIN TROTTEL.

Im Berliner Vorort Zehlendorf hat ein Terroranschlag den Strom für eine geschlagene Woche abgestellt und es herrscht neben allgemeiner Verzweiflung hier und dort auch bittere Not. Ohne Elektrizität ist die Zivilisation schlicht aufgeschmissen. Das beweist zudem meine alte These, dass der Kern der Stromversorgung nicht die Erzeugung, sondern der Netzbetrieb ist, was keiner der grünen Schlaumeier versteht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Es erlebt in der Krise sein Fiasco der Regierende Bürgermeister Berlins, ohnehin häufiger Schäferstündchen im Amt verdächtigt, weil zu Anfang der Katastrophale nicht sichtbar. Man hört dazu polemische Vergleiche mit anderen Schwänzern; eine Anne Spiegel (Grüne) beim überschwemmten Aartal oder eine Josefine Paul anlässlich Terrors in Solingen. Seit einem Flutauftritt des damaligen Kanzlers Schröder (SPD) auch Gummistiefel-Moment genannt, mit dem er seinen Kontrahenten Stoiber (CSU) seinerzeit symbolisch erledigte.

Wenn Politik symbolisches Handeln zum Gegenstand hat, dann gibt es bei einer solchen Verdichtung des öffentlichen Interesses wg. Katastrophe ein kinetisches Moment, dessen Symbolkraft ganze Karrieren regelrecht beenden kann. Beispiel: Der feixende Armin Laschet (CDU) beim Bundespräsidentenbesuch im Aartal. Was den Katalysator auslöst, der den Abbrand der Reputation so dramatisch beschleunigt, ist nicht der einzelne Fehltritt als solcher. Das kinetische Moment kommt daraus, dass diese Episode als typisch gilt. Nicht eine Ausnahme, die Regel. Kein Titan, immer nur ein Trottel.

Laschet galt seinen innerparteilichen Gegnern schon immer als „Bruder Leichtfuß“. Die grünen Damen Spiegel und Paul werfen intellektuell keinen langen Schatten, wollen sich aber wohl bestallt sehen. Ich formuliere vorsichtig, weil NRW auf Betreiben der Genannten Meldestellen für zwar legale, aber unerwünschte Meinungen betreibt. Da will man ja keine Akte.

Schuld an den sekundären Desastern für Verantwortungsträger sind wir, die Zuschauer. Die in uns schwelende Glut aus Neugier, Wut und Mitleid steigert die Erwartung an die Politiker; wir wollen ausgleichende Gerechtigkeit sehen angesichts des Schicksalsschlages und erkennen doch nur Fehlbare. Und dann und wann einen regelrechten Trottel. So wird aus der Glut ein veritabler Abbrand. Miserables PR als Brandbeschleuniger.

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DASEINSVORSORGE.

Zu den ambivalentesten Dingen, die man in meinem Beruf auszuhalten hat, ohne sich darüber auch nur im Ansatz beschweren zu dürfen, gehört HERSTELLERSTOLZ. Man hat einen lieben Menschen vor sich stehen, der, aller Ehren wert, ein solides Handwerk ausübt und nun, da die Welt ihn zwar braucht, aber noch immer nicht anpreist, berühmt werden will. Früher sagten dann solche HOMO FABER: "Bring mich in die Zeitung! Ich will meinen Namen lesen!" Wir erinnern uns an einem Klebstofffabrikanten im Münchner Schicki-Micki-Milieu, der den Reporter Baby Schimmerlos auf seiner Gehaltsliste sehen wollte.

Das mag ja in der Ordnung der Zünfte und Gilden so in Ordnung sein, dass ein Jedermann nicht ein Nobody sein will, sondern ein Mann von Welt, über sein eigenes kleines Milieu weit und ewig hinausglänzend, und sich so einer MISSION verschreibt, die Ehre und Ruhm verdient. Wenn das Leben so gnadenvoll war und einen Dippel Insch zu höherer Bedeutung befördert hat, so ist er, jetzt komme ich zum Thema, Vorstand eines Stadtwerks. Damit dient er der DASEINSVORSORGE.

Das Wort klingt wie aus dem Katechismus und man muss es nicht mögen. Was machen die schon? Im Volksmund spricht man von der Branche, die sich um "Gas, Wasser, Scheiße" kümmert. So, jetzt ist Schluss mit dem billigen Spott. Man richte seinen Blick auf Zehlendorf, die Kleinstadt in der Mitte der Metropole, in der die Stromversorgung von linksextremen Spinnern weggesprengt worden ist. Es rührt mich erheblich, sehr alte Menschen erschreckt auf Notliegen in Turnhallen zu sehen, und Krankenhäuser am Tropf ihrer Diesel zu wissen, die den Notstrom liefern. Strom ist Leben. Leben braucht Energie.

Ich will dem HERSTELLERSTOLZ der Energiewerker aller Professionen freie Bahn brechen und dem Dienst der DASEINSVORSORGE, an die wir uns offensichtlich allzu sehr gewöhnt haben. Ich schaue mir gerade im Internet Angebote für Notstromaggregate an, während ich im Fernsehen Frau Giffey sehe, die einen ordentlichen Eindruck macht, während der Regierende selbst irgendwo den Toy Boy spielt. Dem Mann fehlt Ernsthaftigkeit; eine kleine Nummer.

 

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DEN DICKEN AM DAMM.

Kleine Kulturgeschichte am Beispiel eines Ausflugslokals. Ich fahre durch das Ruhrtal zwischen Kettwig und Mülheim und entdecke eine Lokalität, die MA DAMM heißt. Wohl gemerkt mit einem Leerzeichen zwischen den beiden Wörtern. Bei Madamme hätte man an einen Rotlichtbetrieb denken mögen; das gab es im katholischen Mintard an der Ruhr aber nie. Das „Damm“ bezieht sich auf die Deiche des Flusses. Ein Wortspiel, sollte verboten werden. Hier habe ich als kleines Kind einen handfesten Krach meiner Eltern erlebt, den ich noch erinnere, obwohl beide schon lange im Himmel. Dazu später.

Das MA DAMM ist jetzt, wie ich lese, eine „Lounge“. Wer das für Englisch hält, war auf der Realschule. Eigentlich Bezeichnung einer Sitzecke wurden irgendwann mal Aufenthaltsräume so benannt, wenn den Gästen ein gewisser Komfort geboten wurde. Fluglinien hatten das für den mittleren Angestellten („Business“) oder gehobenes Publikum („First“), ausgestattet mit gratis Snacks und jenem Teil der weiblichen Belegschaft, den man „Flugomas“ nannte. Ich hatte eine Senatorkarte, kam also rein. Beide Angebote wurden im Laufe der Zeit immer karger. Inzwischen gibt es auch in der First nur noch Nüsschen und statt der koketten Purserin einen Automaten namens KI. Ryan Air everywhere. Ich erinnere mich, dass Bahnhöfe Aufenthaltsräume als öffentliche Wärmehallen hatten, wo man winters mit Bahnsteigkarte reinkam. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Zum wohlbeleibten Wirt am Deich, dem Dicken am Damm, fuhr man Sonntags, um den Nachmittag bei Torte und Kaffee zu verbringen und gesehen zu werden. Wurde es gemütlich, gab es schon mal ein Piccolöchen oder Eierlikör. Mein Vater war ein sparsamer Mann und empfand den Brauch als albern; meine Mutter war anderer Meinung und wollte ausgeführt werden. Irgendwann hatte sie sich durchgesetzt und man fuhr sonntags zum Dicken am Damm in den berühmten Garten. Die Promenadenidylle sollte nicht lange währen.

Denn dann quittiert der Kellner die Bestellung von zwei Tassen Kaffee barsch mit dem Satz „Draußen nur Kännchen!“ Mein Vater erzürnt, steht auf und zwingt die Familie zum Aufbruch. Der Haussegen hing danach lange schief. Jetzt ist der Adipöse hinter‘m Deich also eine Madamm, die launscht. Ich kehre nicht ein.

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Von der Todessehnsucht der Spieler

Von dem spielsüchtigen Ulli H., Wurstfabrikant beim FC Bayern, und anderen Todes-Kranken soll die Rede sein. So sie bei einen Staat im Staat beschäftigt sind, entgehen sie in Deutschland ja der Justiz. Aber nicht dem Urteil der Zeitgenossen. In der Bar des Widder in Zürich treffe ich einen Sebastian, der ein Buch über den unaussprechlichen britischen Investmentbanker Kweku Adoboli geschrieben hat und erzählen will. Dem jungen Mann, er war zur Tatzeit 29 und sein Boss 24 Jahre alt, wurde in England der Prozess gemacht. Wäre er bei Arsenal gewesen, dann vielleicht nicht (die deutsche Krankheit), aber er war nur bei UBS. Der Staatsanwalt bezeichnete ihn als „gambler“, sprich als Zocker oder Spieler. Alle Spieler wollen verlieren, sie sind in Wahrheit von Untergangssehnsucht getrieben.

Die Taten waren zunächst aber eine Ruhmesgeschichte. Der schwarze Brite saß bei der UBS London am „Delta One Desk“ des „Synthetic Equities Trading“. Man will gar nicht so genau wissen, was ein synthetisches Vermögen ist, aber das Handeln damit scheint sich zu lohnen. Im Jahr 2007 erzielte die Aktivität unseres ghanaischen Investmentbankers einen Umsatz von 50 Milliarden US-Dollar, also 50.000 Millionen, dem ein Ergebnis von 65 Millionen Dollar entsprach. Das ist ja mit einer Umsatzrendite von 0,13 Prozent nichts von vorneherein Unvernünftiges in der Welt des Investmentbankings. Nun darf man annehmen, dass davon ein Zehntel als Bonus gezahlt wurde, womit unser junger Mann netto, cash in de Täsch, mit 3 oder 4 Millionen US-Dollar als Weihnachtsgeld seine Eltern in West Yorkshire besuchen konnte. Good Boy!

Als die Märkte solche Geschäfte nicht mehr hergaben, deckte das junge Genie seine Geschäfte mit erfundenen Kunden und Luftgeschäften. Im ersten Quartal 2010 machte er noch einen Profit von 11 Millionen Dollar, hatte dazu aber 16 Millionen Dollar an Luftgeschäften in den Büchern. Er nannte diese Luftgeschäfte übrigens „umbrella“, zu deutsch „Schutzschild“, aber das wollen wir jetzt nicht vertiefen, woher Sie das Wort kennen. Das Ende des Abenteuers bei der UBS in London kennen wir alle; die UBS soll nur eine Handbreit von der Existenzbedrohung entfernt gewesen sein. Aus dem Schlussplädoyer des dann angeklagten Investmentbankers: „I find it paradoxical that a bank is allowed to bring an employee to court who is a product of the way the bank itself behaves. I find it equally paradoxical that such banks continue to exist even though they do our society immense damage.“ Basti kann das auswendig, und wir trinken darauf noch einen Hell Boy.

Worin liegt das wirklich Paradoxe jenes Investmentbankings, das uns als Zockerei oder Casino beschrieben wird? Es geht nicht nur darum, dass überbezahlte junge Leute über die Stränge schlagen. Es geht auch nicht darum, dass hier die ökonomische Struktur einer Wette herrscht. Seit den Skandalen um die Festsetzung des Leitzinswertes Libor in überaus eigenartigen Absprachen wissen wir, dass der Wettkampf nicht fair ist. Lassen Sie mich das am Beispiel einer Sportwette erläutern. Sie können Ihr Sparbuch auf’s Spiel setzen für eine Wette, wie denn Bayer Leverkusen spielen wird. Und Sie können, wenn das Talent reicht, im Profifußball auf den Platz laufen. Problematisch wird es nur, wenn Sie beides tun: wetten und spielen. Denn dann stellt sich die Frage: Wetten Sie so, wie Sie spielen werden, oder spielen Sie so, wie Sie gewettet haben?

Bei den Wetten der internationalen Kapitalmärkte bieten die Spieler selbst, sie sind Spielmacher im bösen Sinn des Wortes. Die Spielmacherei gelingt, wie im Sport, nicht immer, aber wohl eine gewisse Weile. Und was erzeugen die sehr hohen Wettgewinne bei den anderen Herrschaften auf der Tribüne? Skepsis? Einsicht, dass dies ein kurzes Abenteuer sein kann? Nein, es erzeugt bei vielen Gier. Und so steigen andere in ein Wettgeschäft ein, von dem sie wissen könnten, wie es gestrickt ist. Die Logik solcher Spekulationen in den Sphären der synthetischen Derivate besteht in der Zeitachse: Es gibt auf dem Zeitstrahl eine Strecke, auf der man an dem kollektiven Wahnsinn mit sehr guten Renditen, jedenfalls exorbitanten Boni teilnehmen kann, und es gibt ganz sicher ein Ende, an dem das Kartenhaus zusammenfällt. Zum Ausstieg wird aber nicht geläutet. Man frage Bernie Madoff, der davon gelebt hat, die Sackgasse, in die er seine Anleger gelockt hatte, zu verlängern. Es war am Ende eine lange Sackgasse, aber sie hatte ein Ende.

Was ist nun die Spielsucht des Ulmer Metzgerbubs beim FC Bayern? Da ihm die Expertise für’s Toreschießen zukommt und die für Bratwurst, er aber weder Banklehre noch Ökonomiestudium hat, ist das Daddeln eine Sucht ohne Expertise, ein reines Glücksspiel. Wie bei allen Spielern dieser Destination geht es mit dem Gewinnen-wollen so zwanghaft zu, das das Verlieren-müssen zur Gewissheit wird. Das hier notorische Motto „no risk, no fun“ ist eine Maxime der Todessehnsucht. Darüber sollte das Image als Wohltäter, das Ulli H. gepflegt hat, hinwegtäuschen. Aber es nicht „caritas“, die diese Menschen treibt; es ist nicht mal „eros“, sie sind eine Beute des „thanatos“, wie die alten Griechen die Liebe zum Tode nannten. Wenn schon nicht verachtenswert, so sicher tragisch.

Quelle: starke-meinungen.de