Logbuch
EINFACHE SPRACHE.
Der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk, sprich die durch Zwangsabgabe finanzierten Staatssender, ernten viel Kritik, weil sie sich zu einer Art Volkspädagogik ermächtigt fühlen, die das Volk stets belehren und gelegentlich unterhalten darf. Obwohl nur lose beaufsichtigt, sind die Anstalten doch IDEOLOGISCHE STAATSAPPARATE. So wie Kindergärten und Schulen und auch Universitäten, wenn auch mit wachsenden Freiheitsgraden.
Der Schulzwang mag seine guten Gründe haben, jedenfalls endet er bei Erwachsenen; nicht so im ÖRR, der mich in der Mischung von Machtanspruch und kärglichem Versagen oft an andere Behörden erinnert, etwa die Deutsche Bahn, die zwar mein Geld kostet, quasi staatlich daherkommt, aber eigentlich rundum versagt. Ein privates Unternehmen in einem intakten Wettbewerb könnte sich das nicht erlauben. Zum Glück gibt es im Medialen ja Konkurrenz.
Der neueste Spott über die Haltungsagitatoren löst das Unterfangen aus, eine Nachrichtensendung in EINFACHER SPRACHE anzubieten. Das ist er in Reinform, der Volkspädagoge. Aber halt! Der Spott ist hier fehl am Platze. Darf ich meine absolute Lieblingssendung anführen? Ich rede von der SENDUNG MIT DER MAUS. Einhellige Freude, großes Kino. Drei Generationen sitzen vergnügt und zugleich wohlerzogen vor der Kiste. Bravo! Bitte auch über die großen Themen viel mehr von der Maus!
„Das ist Olaf. Olaf grinst nicht nur dumm, er ist es auch. Olaf spricht einfache Sprache. Annalena übt noch. Da kommt auch noch Robert. Er liest gleich was vor. Aus einem Buch, das er selbst geschrieben hat…“
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EDELFEDERN.
In der Nacht von Montag auf Dienstag fand in Berlin eine Preisverleihung statt, die in dreizehn Kategorien die vorzüglichsten Journalisten ausgezeichnet hat. Ich sehe mittags im Borchardt die letzten Reste davon an Nachbartischen. So den hochwohlgelobten Verlagsleiter eines Hamburger Wochenblattes, das man mit einigem Recht als das Zentrum der klebrigen Doppelmoral bezeichnen kann.
Moment mal! Es ist Differenzierung angebracht. Differenzierungen. Erstens ist ein Verlagsmops kein Journalist. Er ist ein Vertriebsonkel, der Leserreisen und Kaffeemaschinen für Abos vertickt. Journalisten hassen ihre Verlage („Stalin kann kein ganz schlechter Mensch gewesen sein; er hat in seiner Jugend einen Verleger ermordet.“)
Zweitens zeichnen die Journalisten sich bei diesen Preisverleihungen selbst aus. Das Ganze hat eine Selbstbezüglichkeit, die eigentlich gegen das professionelle Onanieverbot verstößt. Drittens gehören die Branchenblätter, die die Selbstbeweihräucherungen vornehmen, inzwischen zum aller größten Teil einem PR-Verleger. Public Relations Manager sind aber die sozialen Gegenspieler der Journalisten. Es loben also die Gegenspieler ihre Gegner. Wie eitel kann man sein?
Viertens ist das Ganze pure Nostalgie. Es gibt die hier gefeierten Zeiten nicht mehr (wenn es sie je gab). Die moderierende Winzertochter ist eine Pensionistin in den Gnaden eines österreichischen PR-Verlegers, aber keine Heroine freier Presse. Ach, Annette. Fünftens ist die gefeierte Profession im überwiegenden Teil der Medien kein Beruf mehr, sondern ein exzessives Laienhobby. Die Türhüter („gatekeeper“) von gestern sind längst das Tor los; jeder Pubertant hat heute ein Blog. Oder eben jeder zweite Rentner. De te fabula narratur.
Sechstens sind Verleger keine Bonvivants und Pfeffersäcke mehr, die ihren Geschäften, Geliebten und Gesinnungen nachgehen („Ich bin meinem Geld nicht böse“, sagte man bei der WAZ), sondern smarte Knechte der Börse, die danach streben, endlich KI schreiben zu lassen. Siebtens war auch der noch immer amtierende Chefredakteur der SZ da.
Zur Süddeutschen Zeitung wüsste ich einiges zu sagen, zu früheren Führungen und der Rund-um-Dilletanz der aktiven. Fortgesetzte Verletzung der Fürsorgepflicht. Nein, das Problem ist nicht der Plagiatsjäger, über dessen Motivation er selbst ja keinen Zweifel lässt, sondern die Führungskultur. Aber das betrifft mich nicht als Informanten, mehr bin ich dort nicht. Ich sage es aus alter Empathie.
Jetzt, achtens, zu den professionellen Raritäten. Es gibt sie noch, die großen Edelfedern. Oder TV-Heldinnen. Nicht mehr viele, aber einige wenige. Und darunter auch solche, die von ihren eigenen Häusern geächtet wurden. Der NDR ist ein solcher Sauladen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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BIERERNST.
Nichts ist schlechter zu ertragen als ernster Ernst. Der Engländer nennt es abwertend PATHOS: „Don‘t be pathetic!“ Dem Deutschen wird diese Ironiefreiheit als Nationalcharakter nachgesagt und mit der urdeutschen Droge verknüpft, dem Bier. Der angetrunkene Spießer sucht Streit und ist zum Zorn begabt. Wie unangenehm.
Ich lese, dass der Wahlerfolg der AfD auch auf einen erfolgreichen Wahlkampf auf TikTok zurückzuführen sei. Ich kannte das bis vor kurzem gar nicht. Jetzt habe ich mich mal in dieses Universum der Albernheit begeben. Nun, ein gewisser Zwang zum Witzereißen ist unverkennbar, die Manie zur Pointe. Es hat ein wenig etwas von einem auf Dauer gestellten Karneval. Banales. Zumindest nicht bierernst.
Alle großen Menschen, die ich habe kennenlernen dürfen, hatten HUMOR. Sie konnten beherzt und unverstellt lachen. Ein Gottesgeschenk, die fette Lache. Böse Menschen, sagt das Dichterwort, haben keine Lieder. Vor allem aber sind sie frei von IRONIE. Dem Zyniker ist sie nur gegeben, wenn er lästert; der frohe Mensch hat sie auch, wenn es ihn selbst betrifft. Man nimmt sich nicht allzu ernst.
Nun mag der Zeitgenosse der allfälligen Anekdote anstrengend sein, aber nicht so unangenehm bedrängend wie der Uneigentliche. Die Authentischen sind unerträglich. Deshalb mit allem Nachdruck: Lieber einen guten Freund verloren, als ein Wortspiel ausgelassen.
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Legale Kinderpornos? Ekelhaft
FKK-Fotos von Kindern, und zwar harmloser Natur, jedenfalls legaler, stehen im Hintergrund der jüngsten Staatskrise. Ein Bundestagsabgeordneter räumt ein, sich Aktbilder von Knaben im Internet besorgt zu haben, über einen Zeitraum von fünf Jahren in erheblichem Umfang. Mit dem Bekanntwerden dieser Tatsache war er politisch erledigt. Und er hat rechtzeitig (vielleicht zu rechtzeitig) die entsprechenden Konsequenzen gezogen. So weit, so gut; oder so schlecht.
Wer eine Vorliebe für Kinderpornos öffentlich einräumt, kann auf Nachsicht der Medien und des Mobs nicht hoffen. Kinderschänder, tatsächliche oder vermeintliche, sehen sich meist einer Lynchstimmung gegenüber, die ein Unrecht unter allen Umständen zu sühnen sucht und dabei zur Not ein weiteres begeht. Ich habe, bevor das alles bekannt wurde, Sebastian Edathy als anständigen Menschen kennengelernt und wusste nichts von den Schattenseiten seiner Seele, die nun unseren Zorn erwecken. Es geht mir aber auch nicht um den Täter, sondern um die Tat.
Vor bald zwanzig Jahre hatte ich die Ehre, einen sehr berühmten britischen Maler kennenzulernen, Lucian Freud, Enkel des Psychoanalytikers Sigmund Freud. Er war einer der begehrtesten Porträtmaler und selbst die Queen hat ihm Modell gesessen. Freud pflegte einen gewaltigen, zum Teil gewalttätigen Realismus und hatte eine Obsession zu nackten Körpern. Ich traf ihn auf einem Empfang von Francis Bacon, seinem Malerkollegen, irgendwo in Chelsea, und die beiden zogen ein Besäufnis ab, das, wie ich von denen hörte, die es länger ausgehalten hatten als ich, gegen Morgen infernalische Züge annahm und nicht frei von derben homosexuellen Übergriffen war. So sind sie, die dionysischen Seelen, dachte ich. Von Stund an gehörte ich zu den Bewunderern des groben Realismus aus der ekstatischen Malerei Freuds.
Ich kann auch noch auf die Stunde genau sagen, wann das endete. In einem Katalog, den ich in einer Mailänder Ausstellung erwarb, sehe ich das wirklich obszöne Aktbild eines jungen Mädchens. Man war bei Lucian Freud an sehr voluminöse ältere Frauen und raue Gesellen gewöhnt, aber eben nicht an Mädchen. Ich erfahre, dass das Modell seine minderjährige Tochter war, die mit der Einlassung zitiert wird, dass sie so wenig von ihrem häufig abwesenden Vater gehabt habe, dass sie das Modellliegen als Zuwendung empfunden habe. Nun liegt sie dort vor den Augen der Welt, ihre Scham nicht verbergend. Rundheraus ekelhaft. Damit war der Fall Freud für mich erledigt. Ich schaue heute weg, wenn ich was von ihm sehe. So ein Arschloch.
Zweiter Fall. Das Museum Folkwang in Essen hat in diesen Tagen eine Ausstellung mit „Bildern des Begehrens“ abgesagt, die sich den Fotoarbeiten des Malers Balthasar Kossowski de Rola, genannt Balthus (1908 bis 2001) widmen sollte. Ein acht Jahre altes Mädchen war von ihm in 2400 Polaroids verewigt worden, teils in Posen, die gespreizte Beine einschlossen. Die Kunstkritik bemerkt in seinem Werk eine unmittelbare Lüsternheit, die auf pädophiler Gier beruhe. Nehmen wir mal an, dass die kunstgeschichtliche Relevanz des Werkes unzweifelhaft ist, rechtfertigt das eine Ausstellung? Oder handelt es sich bei der Absage um einen Akt der Zensur? Man kann nun die Weltliteratur nach den Lolitas durchstreifen oder die Wandervögelalben nach Schnappschüssen von unverdorbenen Pfadfindern beim Baden. Es geht nicht um die Abbildungen, sondern um die Augen des Betrachters.
Unausgesprochen wirkt bei den Betroffenen und ihrer Lobby das Argument, dass die Onaniervorlagen ja ein privates Vergnügen seien und das Privatleben auch von Abgeordneten niemand etwas angehe. Die Triebabfuhr bei legalen Pornos verhindere, so höre ich als weiteres Argument, tatsächlichen Missbrauch. Ich will mich auf diese Debatte nicht einlassen, weil sie am Kern vorbei geht. Wenn alle Tabus dieser Welt fallen mögen, eines stelle ich nicht zur Disposition: Kinder sind unsere Schutzbefohlenen. Sie haben jedes Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit. Balthus und Freud sind für mich verachtenswert. Ob das auch für Edathy gilt, dazu kann er sich nun äußern. Wir werden ihm zuhören. Geben wir ihm eine faire Chance. Wie gesagt, auf mich hat er immer einen guten Eindruck gemacht. Ich will wissen, ob und wo ich mich getäuscht habe.
Quelle: starke-meinungen.de