Logbuch
REFORM FÜR JEDERMANN.
Ich tue mich schwer mit der Reformation und dem Dr. Martin Luther. Er war ein sehr mittelalterlicher Mensch. Dazu gehört sein Zorn, der bis zum Vernichtungswillen wachsen konnte. Dazu gehört sein Antisemitismus, der eben nicht nur ein Antijudaismus war. Dazu gehört in der Politik sein brutaler Hang zum autoritären Regime.
Andere Sachen gefallen mir. Die Liebschaft des Mönchs Luther zu der Nonne Katharina von Bora. Und sein Sprachwitz begeistert mich; wir verdanken ihm viele kräftige Vokabeln in strammen Deutsch. Auch seine Neigung zur Deftigkeit erfreut mein Herz für gute Propaganda.
Natürlich ist die Übersetzung der Bibel ins Deutsche zu loben. Das ging übrigens relativ flott. Muntere Plagiate. Möglich, weil es schon übersetzte Fragmente gab. Vor allem aber, weil er ein ausgezeichnetes Latein und passables Griechisch sprach. Halt ein guter Philologe. So konnten dann die TESTAMENTE den Popen entrissen werden und als HAUSBIBEL auf jedem Tisch landen.
Damit kam aber die LAIEN-EXEGESE in die Welt. Jeder Dummfick konnte die HAUSBIBEL an irgendeiner Stelle aufschlagen und sich selbst seinen Vers wahllos auf irgendeinen Satz machen, den er dann für GOTTES WORT hielt. Dadurch ist viel Unglück in die Welt gekommen.
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FREISCHWEBEND.
Gestern in München die CSU-Granden aus ihrem Limousinen steigen gesehen. Dann den abgeschmackten Söder in den Nachrichten. ERKENNTNIS-EKEL.
Ich muss kein Fan eines Fußballvereins mehr sein. Obwohl ich einst schwor: „Ob ich verroste, ob ich verkalke, Schalke.“ Und hätte ich einen Gott, bräuchte ich keine Kirche; jedenfalls keinen Papst. Und stände ich politisch wo, so könnt ich das auch ganz gut ohne Tambours-Major. „I would prefer not to. I’d rather walk alone!“
„Der selbstbestimmte Abschied aus einem politischen Amt ist eine hohe Kunst.“ Das hat gerade ein Parlamentarier der FDP über einen Parteivorsitzenden der SPD geschrieben. Kluger Mann, der Liberale, übrigens aus der „Stadt der tausend Feuer“. Oder seine PR-Mitarbeiterin aus Gummersbach war das. Kluge Frau, hat übrigens bei mir Examen gemacht. Ich lebe gut im selbstbestimmten Abschied eines gelernten Genossen von jedweder Partei.
Man kann einer Partei angehören, weil das nützt. Oder man kann einer Partei angehören, obwohl das schadet. Ich habe zeitlebens der zweiten Kategorie angehört. Es hat mich allenfalls in Misskredit gebracht; ich verdanke ihr nichts. Als ich das Gefühl hatte, sie hat mich verlassen, meine Partei, habe ich den Schritt der „ehrlichen Scheidung“ gewählt und sie verlassen. Seitdem bin ich PARTEILOS. Für einen gelernten Sozi ist das was. Bei einer Amputation spricht man vom PHANTOM-SCHMERZ.
Übertritt zu einer anderen Partei? Dazu bin ich zu klug. Und leide unter den schlechten Vorbildern der opportunistischen Wechsler. Nein, die Zeit ist um. Ab jetzt PRIVATGELEHRTER und WECHSELWÄHLER. Das muss reichen.
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FLAT RATE.
Immer mehr Menschen nutzen mehrere Smartphones gleichzeitig und davon einige immer, ständig. Sie hören Stimmen, sind aber nicht irre.
Ich treffe auf Zeitgenossen, die gleichzeitig leise mit sich selbst reden (oder wem auch immer) und laut mit anderen (etwa mit mir). Auch außerhalb der Psychiatrie. Dabei daddeln sie noch mit links und scrollen auf einem anderen Gerät mit rechts. Im Hintergrund läuft via Netflix ein Spielfilm auf dem IPad, halblaut. Unterschiedliche Klingeltöne erklingen in unheimlichen Wechsel. Ich kämpfe um Orientierung.
Zuerst ist es mir bei meiner Änderungsschneiderin in Berlin aufgefallen. Neben dem freundlichen Dialog mit mir, ihrem Kunden, sprach sie leise und auf afghanisch mit jemanden über ihr Smart-Phon. Ich dachte noch: vielleicht Heimweh. Oder eine Sicherheitseinrichtung.
Dann nehme ich das auch in meinem Blumenladen auf der U-Bahnstation wahr. Die immer angeregt plaudernde Verkäuferin hat überhaupt niemanden hinter der Theke zu sitzen, mit dem sie auf vietnamesisch trällert. Sie telefoniert fröhlich mit einer Freundin, während sie einen Strauß bindet, freihändig und immer.
Gestern der stoffelige Taxifahrer von der Schwabinger Bürovorstadt zum Franziskaner; er nuschelte die ganze Fahrt mit einem Kumpel an einem seiner drei IPhones, darauf vertrauend, dass ich seine türkischen Kommentare nicht verstehe. Womit er recht hat, halt nur die deutschen Einsprengsel dazu, wo wohl die Oper ist. Ich sorge mich ein wenig um meine Fahrsicherheit bei einem forschen Fahrstil und vielfältiger Ablenkung des Fahrers.
Ich neige nicht zur Nostalgie. Aber früher telefonierte man mit jemandem, legte auf und sprach dann mit jemandem anderen. Schon der Begriff „den Hörer auflegen“ zeigt, wie alt ich bin. In den Telefonzellen hatte der Betreiber die Mahnung angebracht FASSE DICH KURZ. Ich habe sogar noch aus dem Urlaub in England aus einer roten Telefonzelle mitten im Moor nach Hause telefoniert, ein Stahlmonstrum, in das man unentwegt Münzen einwerfen musste. Sackweise.
Münzen sind runde Metallstücke mit hoheitlicher Prägung, sogenanntes Hartgeld, mit dem man früher kleinere Beträge beglich, in den Zeiten, als Apple noch ein Obst war.
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Legale Kinderpornos? Ekelhaft
FKK-Fotos von Kindern, und zwar harmloser Natur, jedenfalls legaler, stehen im Hintergrund der jüngsten Staatskrise. Ein Bundestagsabgeordneter räumt ein, sich Aktbilder von Knaben im Internet besorgt zu haben, über einen Zeitraum von fünf Jahren in erheblichem Umfang. Mit dem Bekanntwerden dieser Tatsache war er politisch erledigt. Und er hat rechtzeitig (vielleicht zu rechtzeitig) die entsprechenden Konsequenzen gezogen. So weit, so gut; oder so schlecht.
Wer eine Vorliebe für Kinderpornos öffentlich einräumt, kann auf Nachsicht der Medien und des Mobs nicht hoffen. Kinderschänder, tatsächliche oder vermeintliche, sehen sich meist einer Lynchstimmung gegenüber, die ein Unrecht unter allen Umständen zu sühnen sucht und dabei zur Not ein weiteres begeht. Ich habe, bevor das alles bekannt wurde, Sebastian Edathy als anständigen Menschen kennengelernt und wusste nichts von den Schattenseiten seiner Seele, die nun unseren Zorn erwecken. Es geht mir aber auch nicht um den Täter, sondern um die Tat.
Vor bald zwanzig Jahre hatte ich die Ehre, einen sehr berühmten britischen Maler kennenzulernen, Lucian Freud, Enkel des Psychoanalytikers Sigmund Freud. Er war einer der begehrtesten Porträtmaler und selbst die Queen hat ihm Modell gesessen. Freud pflegte einen gewaltigen, zum Teil gewalttätigen Realismus und hatte eine Obsession zu nackten Körpern. Ich traf ihn auf einem Empfang von Francis Bacon, seinem Malerkollegen, irgendwo in Chelsea, und die beiden zogen ein Besäufnis ab, das, wie ich von denen hörte, die es länger ausgehalten hatten als ich, gegen Morgen infernalische Züge annahm und nicht frei von derben homosexuellen Übergriffen war. So sind sie, die dionysischen Seelen, dachte ich. Von Stund an gehörte ich zu den Bewunderern des groben Realismus aus der ekstatischen Malerei Freuds.
Ich kann auch noch auf die Stunde genau sagen, wann das endete. In einem Katalog, den ich in einer Mailänder Ausstellung erwarb, sehe ich das wirklich obszöne Aktbild eines jungen Mädchens. Man war bei Lucian Freud an sehr voluminöse ältere Frauen und raue Gesellen gewöhnt, aber eben nicht an Mädchen. Ich erfahre, dass das Modell seine minderjährige Tochter war, die mit der Einlassung zitiert wird, dass sie so wenig von ihrem häufig abwesenden Vater gehabt habe, dass sie das Modellliegen als Zuwendung empfunden habe. Nun liegt sie dort vor den Augen der Welt, ihre Scham nicht verbergend. Rundheraus ekelhaft. Damit war der Fall Freud für mich erledigt. Ich schaue heute weg, wenn ich was von ihm sehe. So ein Arschloch.
Zweiter Fall. Das Museum Folkwang in Essen hat in diesen Tagen eine Ausstellung mit „Bildern des Begehrens“ abgesagt, die sich den Fotoarbeiten des Malers Balthasar Kossowski de Rola, genannt Balthus (1908 bis 2001) widmen sollte. Ein acht Jahre altes Mädchen war von ihm in 2400 Polaroids verewigt worden, teils in Posen, die gespreizte Beine einschlossen. Die Kunstkritik bemerkt in seinem Werk eine unmittelbare Lüsternheit, die auf pädophiler Gier beruhe. Nehmen wir mal an, dass die kunstgeschichtliche Relevanz des Werkes unzweifelhaft ist, rechtfertigt das eine Ausstellung? Oder handelt es sich bei der Absage um einen Akt der Zensur? Man kann nun die Weltliteratur nach den Lolitas durchstreifen oder die Wandervögelalben nach Schnappschüssen von unverdorbenen Pfadfindern beim Baden. Es geht nicht um die Abbildungen, sondern um die Augen des Betrachters.
Unausgesprochen wirkt bei den Betroffenen und ihrer Lobby das Argument, dass die Onaniervorlagen ja ein privates Vergnügen seien und das Privatleben auch von Abgeordneten niemand etwas angehe. Die Triebabfuhr bei legalen Pornos verhindere, so höre ich als weiteres Argument, tatsächlichen Missbrauch. Ich will mich auf diese Debatte nicht einlassen, weil sie am Kern vorbei geht. Wenn alle Tabus dieser Welt fallen mögen, eines stelle ich nicht zur Disposition: Kinder sind unsere Schutzbefohlenen. Sie haben jedes Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit. Balthus und Freud sind für mich verachtenswert. Ob das auch für Edathy gilt, dazu kann er sich nun äußern. Wir werden ihm zuhören. Geben wir ihm eine faire Chance. Wie gesagt, auf mich hat er immer einen guten Eindruck gemacht. Ich will wissen, ob und wo ich mich getäuscht habe.
Quelle: starke-meinungen.de