Logbuch

DENK MAL.

Schon eine knappe Woche nach seinem Tod war der deutschstämmige Komponist GEORG FRIEDRICH HANDEL (geborener Händel) für das stattliche Begräbnis in der WESTMINSTER ABBEY hinreichend vorbereitet. Ich zahle 27 Pfund Sterling Eintritt, um das Denkmal zu sehen, das sein Grab ziert.

Der Nachruhm des Thüringischen Genies in London ist kein Zufall. Händel hat in seinem Testament allein für das Grab 600 Pfund Sterling vorgesehen; für Mitte des 18. Jahrhunderts eine Irrsinnssumme. Vieles, was wir über sein Leben und Wirken zu wissen meinen, wird einer englischen Biografie zugeschrieben, die aber seiner eigenen Feder entstammt, resp. seinem Diktat.

Der erblindende Händel hat sie seinem Hausdiener Haymarket in endlosen Nächten diktiert, der sie unter dem Pseudonym Mainwaring erscheinen ließ. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Mich plagt der Gedanke, was er dem Bildhauer wohl als „Briefing“ in seinem Testament mitgegeben hat. Wie sagt man so was?

Hätte ich, was mir fern liegt, einen solchen Bedarf nach Nachruhm aus Stein, was würde ich mir vom Bildhauer als Pose wünschen? Sportlicheres als zu Lebzeiten. Und sonst? Die eine Hand auf einem dicken Buch (MEW 23), in der anderen ein Weinglas (Clos St. Hune). Das wär doch was. Heitere Gelassenheit.

Logbuch

PANDEMIE.

Eine Spazierfahrt im Hobbyauto durch die Dörfer am ruhigen Sonntagmorgen und ich bin alarmiert. Schlangen vor Bäckereien, in jedem Örtchen eine; Bilder, die ich nur aus der DDR kenne. Was hamstern die Menschen, noch bevor die Kirchenglocken nerven? Eine neue Pandemie.

Wir sind Zeugen eines ernsthaften Strukturwandels. Die simple Bäckerei ist mittlerweile ein komplexes Kombi-Angebot von Einzelhandel, Kaffeehaus, Fastfood-Laden, Bistro, you name it, geworden. Öffnungszeiten: immer. Drei Toiletten. Und eine überwältigende Produktvielfalt; ich komme nur noch zurecht, indem ich wie ein Sonderschüler mit dem Finger auf eines der hundert Produkte deute und einen abgedrehten Namen genannt bekomme. „Ach, das Röggelchen? Oder den Schusterjungen?“

Das Kleinstbrot mit fingerdicker Fleischwurst heißt „Handwerkerbrötchen“. Es herrscht Remouladenzwang („Remmu-Lazze“) und Salatblattpflicht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Jetzt geht es mir um das Investment. Die neuen „Back-Shops“ (Wortungeheuer) brauchen zusätzlich zu Restauration und Retail noch einen Parkplatz von erheblicher Größe. Das deutsche Bäckerhandwerk kopiert das McDonalds-Prinzip.

Das ist eigentlich ein Immobilienentwickler, der an Tankstellen und Bettenhäuser Parkplätze mit Verkaufshallen verpachtet und nebenbei auch noch in seinem eigenen Bumms diese Hackfleischbrötchen anbietet. Ich meide die Dinger, seit ich mit einer Leuchttafel über meine Bestellung reden soll.

Kapitalbedarf für so ein Outlet? Gut zwanzig Millionen €. Ich beschwere mich nicht, dass ein Handwerkerbrötchen 8.70€ kostet, sechzehn Markt nach altem Geld. Das kann nicht billiger sein. Wie holst Du 20 Mille mit Brot wieder rein?

Ich war bei ARAL als die Convenience-Stores in die Tankstelle kamen. Jetzt verkauft eine französische Kette die Benzolpaläste an einen Kanadier, der Kraftstoffe vollständig auslistet und nur noch Snacks macht. Gleichzeitig an deutschen Autobahnen ein einziges Elend, außer für Wildpinkler. Schluss jetzt. Sonntagsstimmung bitte. Das Fleischwurstmonster schmeckt gar nicht so schlecht.

Logbuch

BLUTENTE.

Eine Frage zu viel. Nach opulentem Essen frage ich den Kellner, was das silberne Gerät sei, das einen leeren Tisch in dem schwachbesuchten Lokal höherer Geltung ziert. Das damit ausgelöste Gespräch zeigt, dass unser Zeitgeist vegane Züge angenommen hat. Wir haben nicht mehr die Nerven für die Große Küche.

Es handelt sich um eine Spindelpresse zierlicher Art, aber jener brutalen Logik, wie man sie von Winzern kennt oder den Gutenbergischen Druckern. Unter dem Drehgewinde ein Hohlraum, in den ein Kohlkopf passen könnte, aber die Karkasse (frz. für Gerippe) landet vom canard. Es werden alle Reste des ausgeweideten Tiers in die Presse gegeben und wie Orangen gepresst, deutliches Krachen der Knochen. Tröpfeln in die Silberschale.

Wenn ein Hummer gepresst werde, höre ich, kracht es lauter; aber man will ja beim Lobster an den blauen Saft seines Hirns kommen, der mit Sahne aufzuschlagen ist. Aber Krustentiere sind eine andere Sache, sagt der famose Herr Figlmoser, bleiben wir bei der BLUTENTE.

Sie wird, um die Säfte zu schonen, nicht banal geschlachtet, so dass sie ausbluten könnte, sondern erstickt. Es sei wichtig, das unbeschädigte Herz und die ganze Leber zur Karkasse geben zu können. Die Aufbereitung des „jus“ fände dann am Tisch, also vor Gast, statt. Rotwein käme zum Entenblut, na gut.

Heute Abend, sagt der famose Herr Figlmoser, Stopfleber. Jetzt sind die Gänse dran. Irgendwie ist mir nach Möhren. Oder Obst. Himmel un Äd ohne Flönz. Wir haben die Kraft verloren, stolz anzusehen, was wir tun.

Logbuch

Der PR-Papst, eine echte Marke

Darf man den Stellvertreter Christi mit einem Konsumgut vergleichen, einer banalen Marke? Kann es das geben, Public Relations (PR) im Vatikan? Darf man den Unfehlbaren mit einem Pop-Sänger wie Bob Dylan in einen Topf werfen, indem man ihm dessen Lied von den Zeiten, die sich ändern, als Motto zuschreibt?

Ein Schwefelgeruch umweht diese Fragen. Sie riechen nach Blasphemie. Nun, andere Religionen mögen Bild- und Denkverbote durchsetzen wollen, dieser Papst wirkt so ganz anders als ein engstirniger Inquisitor, der Ungläubige auf’s Schafott schleppen will. Vielleicht wirkt er nicht mal katholisch, jedenfalls nicht so, wie es der einstige Vorsitzende der Glaubenskongregation, genannt Bücherratz, in den roten Schuhen darstellte. Martin Luther hätte ihn gemocht, diesen populistischen Italiener aus Südamerika, der da in Rom wieder Füße wäscht. Er schaut dem Volk auf’s Maul.

Wer Franziskus aber für einen Opportunisten hält, der unterschätzt ihn. Das gewinnende väterliche Lächeln, die schwarzen orthopädischen Schuhe, die ganz vorsätzliche Bescheidenheit, die er fast aufdringlich vermittelt, dürfen nicht dazu verleiten, die Erscheinung dieses Papstes als Ausdruck seiner Herkunft aus einfachen Verhältnissen zu missdeuten. Hinter dem bürgerlichen Namen dieses Jorge Mario Bergoglio steht ein SJ. Er ist der erste Jesuit auf dem Heiligen Stuhl. Man darf bei Jesuiten alles annehmen, aber nicht Naivität im Sinne eines Minderbemittelten. Der Schwarzbeschuhte ist raffinierter als der Rotbeschuhte. Der Beweis für diese Charakterisierung ist erbracht: Nicht nur die Katholiken, die ganze Welt hält Franziskus für authentisch.

Bei Gläubigen vom Kaliber eines Norbert Blüm erlebt man regelrechte Zustände der Euphorie, jener Freude, die die Frohe Botschaft des Evangeliums auslösen soll. Blüm ist jener Politikertyp, der der Gewerkschaftsbewegung entstammt und die katholische Soziallehre bis an den Rand des Sozialismus trieb. Wer will, dass solche Menschen fremdeln, der muss ihnen Stücke vorführen, wie sie bis vor kurzem in Limburg aufgeführt wurden. Der Limburger Bischof Tebartz van Elst war diesen Menschen nicht authentisch. Er verkörperte nicht jene Marke, denen sie Vertrauen entgegenbringen konnten. Man muss nicht homophob sein und nicht Sozialist, um die Limburger Inszenierung von männergesellschaftlichem Luxus  befremdlich zu finden. Inszenierung? Ist auch Franziskus eine inszenierte Marke? Man kann das denken, ohne es herabsetzend zu meinen.

Worin liegt die Wirkkraft großer Marken? Was zeichnet in der Welt der Konsumgüter solche Produkte wie Nivea, Aral oder Apple aus? Sie sind Komposita, bestehen aus einem instrumentellen Teil, dem eigentlichen Gegenstand, und einem symbolischen. Der symbolische Markencharakter weist über das eigentliche Produkt hinaus und verbindet unser Empfinden mit einer assoziativen Welt, die wir für wünschenswert halten. Diese Welt wünschenswerter Geschichten, die wir im Hinterkopf oder im Bauch mit einer Marke verbinden, ist das Grundregister unserer Kultur. Für die Christenheit gilt, dass ein ganz wesentlicher Teil aus dem Evangelium stammt. Jesus ist uns auch in ganz profanen Zusammenhängen der Messias. Aber die Mythen der Marken sind älter als das Neue Testament. Wenn wir bei Apple einen angebissenen Apfel sehen, so weiß unsere Seele, dass wir über Genesis reden, den Sündenfall, das Verhängnis, weil wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Marken sind auch heute noch symbolische Derivate unserer Kultur und unserer Religion. Die Wurzel gehen bis zu Moses und zu Homer.

Wesentlich für Markenkraft ist aber nicht nur der Wiedererkennenswert und die Tiefgründigkeit der Wurzeln, sondern ihr paradoxer Charakter. Marken sind spontan authentisch, zugleich aber umweht sie etwas Geheimnisvolles. Große Marken haben etwas Mysterisches; wir fühlen uns angezogen, durchschauen sie aber nicht wirklich. Es bleibt etwas Dunkles. Ihre Symbolkraft ist enigmatisch, sie gibt immer auch Rätsel auf.  Der Popstar Bob Dylan hat diese Markenstrategie bis zur Perfektion über ein ganzes Lebenswerk ausgedehnt. Man kann ihn nicht ausinterpretieren. Theologisch: Verkündigung, die sich der Exegese verweigert; Protestanten hassen das, Katholiken lieben es. Deshalb hat die Zeitschrift Rolling Stone mehr als Recht, wenn sie Franziskus unter das Motto des Dylan-Songs „The times, they are a‘ changin“ stellt. Dylan war der säkulare Messias der Generation Joschka Fischer. Franzismus ist die Marke Menschenfischer, die die Apostel in ihren Bezeugungen über das Leben des Jesus aus Nazareth entwickelt haben. Die Demut Jesu kommt aber nicht in roten Schuhen daher. Sie fliegt nicht First.

Wer Franziskus mit kalten Augen betrachtet, wird die Allgegenwart des Paradoxen nicht verkennen können. Zu allen weltlichen Kardinalfragen hat der Unfehlbare eine Meinung, die in einem vagen „Einerseits-Andererseits“ endet. Man soll Homosexuelle nicht diskriminieren. Aber auch nicht heiraten oder adoptieren lassen. Wir sind alle Kinder Gottes, aber die Weiber gehören nicht unter die Sakramentsverleihung. Wir kommen wie der Heilige Franziskus von Assisi aus gutem Haus, wissen uns also auch mit Diktaturen zu arrangieren, aber wenden unseren Blick in die Slums. Wir reformieren die Vatikanbank, um sie der Kritik an Geldwäsche zu entziehen, aber wollen eine Kirche der Armen. Franziskus zeigte, so hört man, Nähe zur revolutionären Befreiungstheologie, gehört ihr aber nicht an. Er kritisiert den Raubtierkapitalismus und will Mildtätigkeit. Dass Suppenküchen die Armut stabilisieren und nicht politisch beenden, ein solcher Gedanke ficht ihn nicht an. Der Mythos des Menschenfischers, den dieser Papst reaktiviert, soll am Ende zugleich ein Mysterium sein. Franziskus ist Jesuit.

Das Authentische einer Marke ist immer eine Inszenierung. Sie ist besonders gelungen, wenn wir ihr glauben wollen, aber sie nicht ergründen wollen, weil wir sie als vorsätzliches Enigma auch gar nicht ergründen können. Mit den Augen eines Protestanten betrachtet, ist dieser Papst ein Genie der PR. Sein Konzept ist biblischen Ursprungs. Er ist der füßewaschende Menschenfischer. Und in der Kirche hat diese Politik einen Markennamen: „servus servorum Dei“. Franziskus gibt mit jesuitischer Raffinesse den „Diener der Diener des Herrn“, ohne dass das demokratische Züge hätte und er Gleicher unter Gleichen wäre („primus inter pares“). Franziskus ist als Marke eine großartige Paradoxie.

Quelle: starke-meinungen.de