Logbuch

MATRIARCHAT.

Die düstere Stimmung in der Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts nennt man ROMANTIK, obwohl dort wenig Romantisches Thema ist. Etwa in der Geschichte von dem Mann, der bei seinem Schatten gewisse Eigenwilligkeiten bemerkt. Er beginnt immer öfter über seine Schulter zu schauen und beobachtet Züge des Eigenlebens. Nachts gar, wenn er sich die Decke über die Ohren gezogen hatte, ging der Schatten aus und kam erst frühmorgens von einem exzessiven Nachtleben zurück.

Man ahnt schon, wie das endet. Der Schatten übernimmt mehr und mehr das Leben des Mannes und dieser ist am Ende nur noch der Schatten seiner selbst. Mit dieser kleinen Geschichte versucht eine amerikanische Zeitung das Verschwinden des Joe Biden hinter seinem Gegner Donald Trump zu beschreiben; inzwischen eine historische Episode, die durch die Inthronisierung von Kamala Harris endgültig Geschichte ist. Mit ihr setzt sich das Euphorische gegen das Thymotische, sprich feminine Lebensfreude gegen die Gehässigkeit des bösen Manns.

Die Entscheidung, sie nicht frei reden zu lassen, sondern nur als gut gelauntes Kostüm zu zeigen, wird nicht von ungefähr getroffen worden sein. Ob das zum Wahlsieg reichen wird, ist ungewiss. Am Imagewandel der Hillary Clinton zur unbeliebtesten Politikerin hat man gesehen, dass das Geschlecht allein es nicht macht. Damit eine virile Gesellschaft ein Matriarchat akzeptiert, bedarf es mehr als eines Rocks. Womit wir bei unserer pensionierten MUTTI sind, die doch, wenn ich das recht erinnere, mit ihrer Biographie gedroht hat. Diese Lebensbeichte wird niemanden noch interessieren. Sie wirft keinen Schatten mehr, die verkniffene Frau Merkel. Von der Gynäkokratie der ostdeutschen Pfarrerstochter ist nichts geblieben als Frust; in ihrer Heimat mehr als es gut tut.

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DIE MINIBAR.

Zu den ewigen Ärgernissen in Hotelzimmern gehört die sogenannte Minibar. Sie war mal gedacht als nette Geste an den Gast; inzwischen gibt es hundert Versuche der Hotellerie, sich dieser Gastfreundschaft wieder zu entledigen. Jüngst erfahre ich beim Einchecken, dass die Minibar im Zimmerpreis enthalten sei, man deren Befüllung aber selbst vorzunehmen habe, indem man sich aus dem Angebot von Wasser und Limo, Nüsschen und Schokolade etwas vom Hallentresen mit auf‘s Zimmer nähme. Service-Wüste.

Überhaupt gilt der Gast als asoziales Subjekt; man will auch bei Vorkassebuchung einen Abzug seiner Kreditkarte „nur für alle Fälle“, abgebucht werde nichts. Auf Nachfrage wird eingeräumt, dass man eventuelle Vandalismusschäden so decken will. Die unschwer neben Koffer und Aktentasche auf‘s Zimmer bilanzierte warme Wasserflasche trifft dort zwar auf einen angeschlossenen Kühlschrank, dessen Innenleben aber nur als versüfft bezeichnet werden kann. Na ja, sagt die Dame an der Rezeption, da schaue man nicht mehr rein, weil er ja leer sei.

Toilettenartikel gibt es auch nur noch auf Verlangen an der Rezeption. Das einschlägige Papier auf der bewussten Rolle ist graue Recyclingware der rauen Art. Haarwaschmittel bietet ein permanenter Spender in der Dusche. Man fragt sich, ob man sicher sein kann, dass die Bettwäsche gewechselt wurde. Es macht keinen Spaß mehr. Demnächst darf ich das Laken selbst mitbringen. Der Qualitätsunterschied zum Nachtasyl für Obdachlose wird immer geringer.

Meine Neigung, Geschäftstermine so zu legen, dass man noch etwas Touristisches unternimmt, sprich eine Hotelübernachtung dran hängt, geht gegen null. Wenn das so weitergeht, wird das gute alte „stop-over-girl“ wieder aktuell: Bratkartoffelverhältnisse mit Maxibar.

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HALLO SCHATZI.

Mit einem englischen Hotelier sprach ich mal darüber, ob ihn an Wochenenden nicht störe, wenn die Jackenjungens bei ihm im Teegarten einkehrten. Nein, sagte er, er behandle die Rocker wie Gentlemen und die würden das wertschätzen. Wenn die Jackenjungs mal einen derben Scherz etwas zu laut machten, pflegte er nur zu rufen „Gentlemen, language!“ und es war prompt wieder Ruhe.

Wie man in den Wald hineinruft. An diese Regel habe ich oft denken müssen, als ich noch Bahn fuhr und die Kundenkommunikation der BahnbeamtInnen im Netz verfolgte. Man sprach einen Pubertätsjargon und duzte frechweg. Man wollte so der systematischen Leistungsverweigerung eine komische Seite abringen. Es war aber nichts anderes als dreiste Respektlosigkeit. Ich meide die Bahn inzwischen, wo ich kann. Die Bahnhöfe gehören ohnehin schon, lese ich, den Messerstechern.

Mir fällt allerdings auf, dass sich Vorstände der bundeseigenen Bude so verhalten, als hätten sie zu ihren Dienstobliegenheiten auch noch ein allgemeinpolitisches Mandat. Eine einzelne Dame äußert sich in dienstlichem Habitus zu allem und jedem. Wie wäre es, wenn sie die dafür geopferte Zeit mal zur Erledigung ihres Jobs nützte? Das woke Krakelen gehört nämlich auch zu der angesprochenen Respektlosigkeit; man ist in allem übergriffig.

Früher war es im Flieger besser. Man pflegte seitens der Flugomas die Paxe wie Herrschaften zu behandeln. Tomatensaft und Lächeln, das war Routine. Das hat sich endgültig durch den irischen Investmentbanker geändert, der den Billigflieger Ryan Air betreibt. Mache ich auch nicht mehr. Ich fliege Business oder bleibe schlicht zuhause, wenn zu teuer. Kein Viehtrieb mehr. Alles andere mache ich mit dem Selbstzünder (vulgo Diesel).

Ich glaube ja nicht an die Batterie, eh klar. Da wird mir von einer koreanischen Elektro-Schüssel berichtet, die mit dem Fahrer spricht. Sie begrüßt den Fahrer beim Einsteigen mit dem Vornamen. Und drückt ihre Freude über den anstehenden gemeinsamen „Ride“ aus, während sie den Sitz einstellt und das Radio. Fehlt nur noch, dass sie den Berliner Proletenjargon einstudiert: „Weil wir Dich lieben, Alta!“

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Käseblättchen: Vom Dahinsiechen der Presse in die unendlichen Weiten des Banalen

Der Verleger einer Lokalzeitung im Bayerischen berichtet vor den larmoyanten Redakteuren der Käseblätter der Nation aus seiner Familie. Wenn er seinen Kindern pädagogisch wertvolle Vorträge halte, dann würden diese mit gedehnter Stimme fragen: „Papa, wen interessiert das?“

Deshalb hält er Reichweite für das entscheidende Kriterium von Relevanz. Auflage machen. Clicks erzeugen. Das war der lichtvollste Beitrag auf einem gutbesuchten Kongress zum Lokaljournalismus. Auf Wunsch der steuerfinanzierten Bundeszentrale für politische Bildung hatten sich die Köpfe der Provinzpresse in Bayreuth versammelt, um Wunden zu lecken. Das Zeitungssterben ist unten angekommen. Ausgedünnte Redaktionen kämpfen um’s Überleben. Der Politik wäre es aber lieb, wenn die „Partizipation“ vor Ort blühte. Der politischen Klasse bricht ansonsten ein leicht zu führender  Multiplikator weg.

Auffällig ist, dass die klassische Trennung zwischen der Ökonomie einer Zeitung, dem Geldverdienen, und der Redaktion, dem Blatt selbst, aufgehoben ist. Die Chefredakteure haben den betriebswirtschaftlichen Terror der Verleger so weit verinnerlicht, dass auch sie die Zahlen zum alleinigen Maßstab der Qualität machen. Reichweite ist Relevanz. Das geht so weit, dass die Journalisten es für ihr publizistisches Anliegen halten, dass in der Zeitungszustellung der Mindestlohn verhindert wird. Weiterhin sollen nächtens Menschen das bedruckte Papier in die Briefkästen stopfen, die dafür  zwei Euro in der Stunde erhalten.

Wenn Reichweite Relevanz ist, also das Boulevard-Prinzip gilt, so müsste man Kasse machen können mit dem Prinzip des vorauseilenden Gehorsams. Von Wohlfühlzeitungen ist die Rede, die das liefern, was die schweigende, aber wohl noch lesende Mehrheit erwarte. Man hält sich mit der tollen Darstellung einer Umgehungsstraße und Karten über Handysendemasten auf, deren Publikation hoch beliebt war. Die Nachfrage, wozu das politisch geführt habe, bleibt unbeantwortet.

Da die Presse historisch ein Teil der Holz verarbeitenden Industrie war, schrecken sie die neuen Zeiten des Digitalen und Elektronischen. Zugleich weiß sie, dass dieses Medium unter den technischen die Vorherrschaft erringen wird. So wie wir die römische Tonscherbe und den ägyptischen Papyrus verabschiedet haben, werden wir uns vom schlechten Papier des Käseblättchens entwöhnen. Man betört sich mit Modeworten um „online-Journalismus“ und der wechselseitigen Befruchtung von off- und online. Allein die Fähigkeit, ein Schaubild mit google-Inhalten im Internet generieren zu können, riecht schon nach den neuen Zeiten. Hinzu kommt etwas, das man als Leserservice begreift; das sind Tipps im Duktus der Gebrauchsanweisungen für Halbdemente in Altersheimen.

Vor allem aber soll in den Blättern stehen, was die Leute interessiert. Das Allgemeinmenschliche wird wieder entdeckt. Keine Politik, jedenfalls keine Kampagnen, keine Kontroversen, nein, Stimmungsbilder und bunte Seiten im Sinne von Kaleidoskopen. Und wenn doch, dann die Kampagnen und die Kontroversen des gesunden Volksempfindens. Eine Mischung aus Apotheken-Umschau und dem amerikanischen Propagandasender FOX gilt als Vorbild. Als ich einwende, das rieche für mich nach dem Mief der fünfziger Jahre, werde ich beschieden, dass alles einmal wiederkomme. Man will mehr auf die Markt- und Trendforschung hören, weil die ja wisse, was die Menschen wollten.

Ich kenne diesen Weg. So wurde die Frankfurter Rundschau an die Wand gefahren. Irgendwann hatte sie nur noch die Relevanz der Reichweite, bis dann allerdings auch diese ausblieb. Wer was Gescheites lesen wollte, musste zur FAZ, auch wenn das eigentlich nicht seine Couleur war. Das Blatt wurde insolvent und musste von der FAZ gekauft werden. Man hatte das Boulevardprinzip für sich angenommen, ohne Boulevard zu können und ihn auch blutig zu wollen. Den macht im Frankfurter Raum noch immer die BILD. Mit Boulevard gewinnt, wer ihn kann. Auch im Internet.

So werfen die Käseblättchen über Bord, was sie können, und entschließen sich zu Rezepten der allmählichen Adaption von facebook-Allüren und Stimmungsbildern der Heimatfront. Ein Mief der Restauration durchzieht den untergehenden Berufsstand. Er geht einen Weg in die unendlichen Weiten des Banalen.

Quelle: starke-meinungen.de