Logbuch
HEMISPHÄREN.
Es kann nicht einfach sein, in der internationalen Politik etwas Imposantes zu inszenieren, einen Haupt- und Staatsakt, von dem die Völker aller Länder tief beeindruckt sind. Das jüngste Treffen der Alleinherrscher Russlands und Nordkoreas gehört jedenfalls nicht dazu. Es wirkt wie aus der Zeit gefallen.
Das wirkte nicht nur inszeniert, das sind sie ja alle, diese „events“; es wirkte wie eine historische Provinzposse in Vladivostok, dem Ende der Welt. Und die beiden Hauptdarsteller müssen es doch gemerkt haben. Putin halte ich ohnehin nicht für dumm und Kim war auf einem Schweizer Internat; gebildete Männer. Warum hat sich niemand für die beiden eine wirklich große Geste ausgedacht, die in die Zukunft weist.
Helmut Kohl und Francois Mitterand auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg, händchenhaltend, als Beispiel. Galt vielen aber auch als verunglücktes Symbol. Mir fallen als große Gesten nicht viele Inszenierungen ein. JFK und „Ich bin ein Berliner“ bleibt einzigartig. An Kim fallen mir zudem seine kleinen Hände auf, im Verhältnis zu dem massigen Körper; die politische Regie muss ja immer ausgehen, von dem, was sie an Besetzung der Rollen vorfindet.
Bei Donald Trump gab es auch so einen Spott zu den „tiny hands“; gleichzeitig war er bemüht, die der Fehlernährung mittels Cheeseburger geschuldete Massivität seines Körpers durch einen extralangen Schlips zu kompensieren. Size matters. Die amerikanische Frauenbewegung hielt sexistischen Kommentaren seinerseits einen Song entgegen, dessen Refrain lautete: „We don‘t want your tiny hands / Anywhere near our underpants.“ Dass er dann seine Pfoten in die Kamera hielt und darauf bestand, dass die so „small“ gar nicht seien, war eher unklug. Mythos geht anders.
Ohnehin irritiert uns, dass sich das große Russland der Unterstützung Nordkoreas öffentlich versichern lässt. Mir kommt dabei eine Frage wieder, die ich gestern noch beiseite geschoben hatte. Korea, das geteilte Land an der Sollbruchstelle von Ost und West? Wie ehedem das geteilte Deutschland? Leben wir noch immer in einer Nachkriegszeit? Hemisphären, das ist die Halbierung der Welt. Ich dachte, das sei die Rhetorik des Kalten Kriegs. Ernst Bloch hat von der UNGLEICHZEITIGKEIT der Geschichte gesprochen. Manches ist schon sehr ungleichzeitig.
Logbuch
ZEITENWENDE.
Das Format VICE galt als der Journalismus der Zukunft. Habe ich mir in irgendeinem Loft angesehen. Kiffer mit Kamera, war mein Urteil. Inzwischen Nische mit fragwürdigem Geld.
Auch der spektakulär gescheiterte BILD-Chef Julian Reichelt wirkt heutzutage nur noch auf den Hinterbühnen des Internets; nur wenn ihm ein guter Spruch gelingt, taucht er noch aus dem Dunkel auf. Jetzt hat er Stephan Lamby als „Eisenstein der Ampel“ diffamiert. Das freut den so bezeichneten, da er sonst als Leni Riefenstahl firmiere.
Ich schiebe unwichtige Erinnerungen beiseite. Wie ich bei VICE mit einem gelernten Unterwäsche-Model zu tun hatte. Wie ich mal mit Reichel und Praktikantinnen bei Springer Aufzug fuhr. Oder wie mich der Vater von Lamby in Bonn als Pressechef einstellte. Nitty gritty. Die prägenden Erlebnisse sind die jungfräulichen. Ich erinnere, wie ich zum ersten Mal einen Film von Sergej Eisenstein sah, in einem großen Hörsaal der Ruhr-Uni. Eine ästhetische Sensation.
Es war nicht mal „Panzerkreuzer Potemkin“, sein Meisterwerk, sondern „Iwan der Schreckliche“; was mich umhaute war die rigorose Art, in der der Filmpionier mit dem Medium umging. Da war nichts mehr von abgefilmtem Theater; man sah filmische Montagetechnik pur. Eisenstein montierte mit grobem Strich, vielleicht so, wie Picasso in die Malerei einfiel. Die revolutionäre Thematik tat ihr Übriges. Eisenstein ist von historischem Gewicht.
Wir wissen heute, dass das Genie der sowjetischen Filmkunst der Heimsuchung durch Stalins Gestapo nur zufällig entronn; der Schauprozess war schon vorbereitet. Sein filmisches Werk bleibt als kulturelles Erbe. Mit dem braven Feature, dass der seriöse Lamby gedreht hat (und wohl auch als Buch vorgelegt), hat das eher wenig zu tun. Kann ich aber nicht sicher sagen. Ich bin am Fernseher eingeschlafen.
Was den gefallenen Boulevard-Helden gegen Lamby erbost, ist dass dieser die amtierende Ampel ernstnimmt und sich um Empathie bemüht. Verständnis statt Spott. Wir sollen bei Lamby Ehrfurcht empfinden davor, wie Buchhalterseelen Geschichte gestalten. Darüber wird die Zeit aber hinweggehen. ZEITENWENDE ist eine leere Metapher; auch nach Lamby.
Logbuch
EINE BRAUNE KANZLERIN.
Fast achtzig Jahre nach der Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg und der Befreiung meines Vaterlandes vom Faschismus diskutiert man noch immer darüber, was das war, das die Deutschen ergriffen hatte. Das finde ich sehr gut.
Die AfD bescheinigt der Generation der Väter und Großväter, keine Verbrecher gewesen zu sein. Wir wissen, dass das so nicht stimmt. Sie will die Epoche als Fliegenschiss verharmlost wissen. Wir wissen, dass das tief unangemessen ist. Die Unterscheidung im Militärischen von Siegermächten erster und zweiter Klasse ist das Narratem des Kalten Krieges, der im Übrigen nicht beendet ist. Mal drüber nachgedacht?
Die Provinzposse Aiwanger ist nicht relevant, weil es einen Nazi-Bengel im Alter fast politisch erledigt hätte, sondern weil sie zeigt, wie weit verbreitet der Wunsch nach einer Normalisierung des Faschismus noch immer ist. „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Das sagt Aiwanger. Man kann einer historischen und politischen Bildung nur dankbar sein, die diese Frage offen hält. Ja, die Süddeutsche Zeitung hat sich publizistisch blamiert, aber der Mistgabel-Trumpismus bedarf der Gegenwehr. Wie das Angebot der nicht-queeren Dame in Lesbenehe als Kanzlerin bereit zu stehen.
Historische Verantwortung besteht darin, nicht zu vergessen, was wirklich geschehen ist. Wir reden nicht moralisierend über Schuld; die trifft immer nur den Täter je einzeln. Wir reden nicht über Wahrheit; das ist ohnehin eine politische Kategorie, und zwar die der Sieger. Wir reden über Wirklichkeit. Deshalb kann der Witz über den Kamin von Auschwitz und das Hakenkreuz auf der Toilettentür als Idiotie verziehen werden, aber eben nicht geleugnet.
Der Mistgabel-Trump ernennt sich zum Opfer. Und mit ihm uns alle. Nein danke. Ja, Du sollst Deines Bruders Hüter sein. Oder Deiner Schwester, wenn Frau Weidel Kanzlerin werden will. Ausgeschlossen ist das nicht. Söder nennt das eine bürgerliche Koalition. Mit einer politischen Ehe von Merz & Weidel gingen der Ampel die Lichter aus. Alice im Wunderland.
Logbuch
Wir wollen unseren Kaiser Wilhelm wiederhaben
Oder irgendein anderes wirkliches Staatsoberhaupt. Bevor ins Schloss Bellevue Rostocker Pfarrer mit ihren Begleiterinnen zogen, war das Anwesen vorübergehend Heimstatt eines ambitionierten Paares aus Hannover.
Jener Bundespräsident kam als glamouröser Ministerpräsident ins höchste Amt, als man ihm nachsagte, er könne auch das mächtigste erwerben, also Bundeskanzler werden, also mit höchsten Erwartungen. Was die mediennotorische Bettina Wulff damals für das Berliner Schloss Bellevue mit dem mediennotorischen Christian plante, hat in der Zeitgeschichte einen Namen: Camelot. Das Schlagwort ist im Angloamerikanischen für ein kühnes politisches Projekt durchaus geläufig. Camelot bezeichnet ursprünglich den Hof von König Artus und seiner Tafelrunde, die den Heiligen Gral zu hüten hatte, und kommt in unseren Kontext über Jacqueline Kennedy. Sie hat es als junge Witwe nach JFK`s Ermordung in einem Interview vor fünfzig Jahren dem Journalisten Theodore White ins Stammbuch schreiben wollen, wohl weil sie ahnte, was an zwielichtigen Enthüllungen noch über das politische Erbe ihres Mannes hereinbrechen würde.
Camelot ist ein Paradigma der hochlegitimen Herrschaft, etwas, das im 18. / 19. Jahrhundert mit dem Dichterfürsten umschrieben wurde, die Einheit von Geschmack, Geist und Macht, neuester Mode und hoher Kultur. Der Neuen Zürcher Zeitung entnehme ich folgende Zuordnung von Jackies Anliegen: Sie begann, „einen Mythos in die Welt zu setzen, der im Laufe der Zeit einiges von seinem Glanz verlieren, aber nie vollständig zerstört werden sollte.
Sie schilderte (dem Journalisten) White das Weiße Haus unter John F. Kennedy als ein „amerikanisches Camelot“ – in Anlehnung an den mythischen Hof von König Artus im frühen englischen Mittelalter, der in der Sage als Licht in finsterer Zeit erscheint; dort regierten Geist und Vernunft, gediehen Visionen, die weit über die Enden der Gegenwart hinaus reichten. Auch das Weiße Haus unter ihrem Mann, dies wollte die junge Witwe in den Geschichtsbüchern lesen, sei ein solcher Ort der Besten und Edelsten gewesen.“
Die Nationen bezeichnen heutzutage ihre Zentren der Macht mit unspektakulären Metonymien. Der Westminster Demokratie reicht die Hausnummer in der Downing Street: Number 10. Das Kanzleramt nennt der ortsansässige Berliner in Würdigung der Kohlschen Architektur „Die Waschmaschine“. Da ist Camelot für das Weiße Haus vergleichsweise ambitioniert. Deshalb hat es gehalten; dazu fällt mir ein aktueller Beleg auf. Ich lese in diesen Tagen wieder von Camelot. Das Times Literary Supplement lässt einen Oxford-Professor ein deutsches Buch rezensieren, nämlich den Briefwechsel von Günter Grass und Willy Brandt, der gerade in Göttingen bei Seidel erschienen ist. T. J. Reed beginnt seinen Essay über Geist und Macht mit dem Satz: „It is common enough for writers and artists to gather at the court of power, Kennedy`s Camelot or anybody`s number 10, basking in the complacency of success.“
Nun, aus John F. Kennedy ist ein „Faszinosum“ geworden, er ist es offensichtlich bis heute geblieben, bei Christian Wulffs Bundespräsidentschaft muss der Versuch wohl als gescheitert angesehen werden. Jackie als „Gralshüterin der Camelot-Legende“ scheint einen besseren Job gemacht zu haben als die Hannoveraner PR-Managerin an Wulffs Seite, vorübergehend an seiner Seite, wie wir lernen mussten.
JFK wurde nicht zuletzt dank der Bemühungen seiner Ehefrau eben nicht nur der faktische Führer einer Weltmacht, er war eine Legende im Amt, in Europa möglicherweise sogar noch mehr als in den USA. Seine Bewunderer sahen hinter ihm nicht weniger als das Schöne, Wahre, Gute. Man verzieh ihm leichterdings private Verfehlungen einer Dimension, hinter denen die Ausschweifungen von Christian W. wie Schulbubenstücke wirken. Das Charisma von Camelot erhöhte einen, ich zitiere Zeitgenossen, gottverdammten irischen Katholiken mit Verbindungen zur Mafia und mäßiger politischer Bilanz. New Deal: „Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann. Frage, was Du für Dein Land tun kannst!“ Welch‘ ein Führer… Deutschland verdankt Kennedy viel, jedenfalls findet das der Berliner.
Im kollektiven Bewusstsein von Westberlin gibt es noch das Inseldasein mitten im Kalten Krieg, es gibt noch die Erinnerung an die Rosinenbomber der Luftbrücke gegen die sowjetische Blockade, und es gibt den 26. Juni 1963, als der amerikanische Präsident vom Balkon des Rathauses Schöneberg die eingeschlossene Stadt und das geteilte Land seiner Solidarität und seines Schutzes versichert hat: „Ich bin ein Berliner!“
Man unterschätzt die intellektuelle Klasse der Berater Kennedys, wenn man dies nur für eine hübsche Idee hielt, den Amerikaner einen Satz auf Deutsch sagen zu lassen. Es handelt sich um ein Zitat von imperialer Bedeutung, weil es den Herrschaftsanspruch eines Weltreiches im Namen aller freien Menschen („all free men“) gegen seine Feinde konnotiert. Ich zitiere die entsprechende Passage. „Two thousand years ago the proudest boast was ‚Civis Romanus sum‘. Today, in the world of freedom, the proudest boast is ‚Ich bin ein Berliner‘.“ Oder: „Vor zweitausend Jahren war der stolzeste Satz ‚Ich bin ein Bürger Roms‘. Heute, in der Welt der Freiheit, ist der stolzeste Satz ‚Ich bin ein Berliner‘.“
Warum der Civis Romanus? Mit diesem Satz reklamierte in der Antike ein Bürger Roms weltweit seine Bürgerrechte. Er verstand sich nicht als territorial gebundener Untertan. Seine Staatsbürgerschaft war ein Menschenrecht. Dies ist völkerrechtlich ein sehr modernes Konzept und in der Zeit des Kalten Krieges eine wehrhafte Ansage an die sowjetische Diktatur.
Nun wird man einwenden, dass dies die eher bildungsfernen Berliner vor dem Rathaus Schöneberg gar nicht gewusst und sich halt nur über den lokalpatriotischen Satz Kennedys gefreut haben. Das ist richtig. Wesentlich ist mir aber nicht, was der Civis Romanus den Wessis auf dem Platz sagte, sondern was der Begriff über JFK sagte; warum er so argumentierte. Oder sich einen Stab leistete, der ihm so kluge Manuskripte schrieb; man weiß, dass hier hoch qualifizierte Harvardprofessoren wirkten, Intellektuelle, die wussten, was sie taten.
Das Cicero-Zitat stellte JFK in das Paradigma des humanistisch gebildeten Kopfes nicht nur einer Weltmacht, sondern der gesamten freien Welt, …the world of freedom… of all free men… So verbindet er den imperialen Anspruchs Roms mit der amerikanischen Verfassung… that all men are created equal…Welch‘ ein Führer. Kann man das im Deutschen noch so sagen: Welch‘ ein Führer? Seit sich dieses Land über zwölf Jahre einen Österreicher als deutschen Führer geleistet hat, der „der“ Führer hieß, ist es um das Wort des „duce“ assoziativ nicht so gut bestellt. Deshalb wär es besser, wir hätten wieder einen König oder Kaiser.
Quelle: starke-meinungen.de