Logbuch

BITCOINS, DER ZIRKUS PONZI UND ICH.

Es gibt nicht viele Dinge in des Herrgotts buntem Zoo, von denen ich sagen müsste, dass ich sie schlicht gar nicht verstehe. Vielleicht ist das die ureigenste Arroganz meiner Klasse, dass man über alles zu schwätzen weiß. Aber von BITCOINS, da verstehe ich rein gar nichts. Was mich skeptisch macht. Ich vermute nämlich, dass dieser Umstand der Sache selbst geschuldet ist. Es gibt Dinge, die so irre sind, dass man darüber eigentlich den Verstand verlieren müsste. Reden wir also über Kryptowährungen.

In meiner Jugend galt man in ökonomischen Dingen als gebildet, wenn man das KAPITAL von Karl Marx in allen drei Bänden gelesen hatte; jedenfalls im linken Milieu. Bei Rotary waren andere Welten angesagt; in meinem Bochumer Club hatten bürgerliche Größen wie ein Ordinarius für Betriebswirtschaft oder ein erfolgreicher Bauunternehmer das Sagen. Privat stellte sich das Problem für mich gar nicht; ich wohnte zur Miete und hatte Renten mit Staatsgarantie, die „Bundesschätzchen“ hießen. Wie nett.

Als Philosoph hielt man es mit Kant: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Nun, der Astronomie folgte man nicht und in ethischen Fragen war man selbstgewiss. Dass ein SPD-Vorsitzender mal stolz sein würde, in den Aufsichtsrat eines Rüstungskonzerns zu dürfen, das hätte man damals nicht für möglich gehalten. Sigmar, Sigmar.

Der Kapitalmarkt wird nun erweitert durch die endgültige Legitimation der Kryptowährung BITCOIN. Der künftige amerikanische Präsident ernennt einen Anhänger dessen zum Chef der Börsenaufsicht. Das ist ein Signal. Der Staat bittet den Markt ins Zentrum seiner Macht, wohl wissend, dass er dort nicht mehr durch seine Regulation erreichbar ist. Der Leviathan gibt sich selbst auf. Eigenkastration des Staates. Das ist der Kern, glauben Sie mir. Ich habe darüber ausführlich mit Satoshi Nakamoto gesprochen, der den ganzen Zirkus erfunden hat. Wir waren beim Chinesen auf der Immermannstraße in Düsseldorf essen.

Ohnehin beruht alles jenseits von Golddukaten auf den Hypothesen uneingeschränkten gegenseitigen Vertrauens und/oder der Gewissheit unbegrenzten Wachstums; beides kontrafaktische Annahmen. Und selbst der Goldtaler taugt am Ende nur zum Einschmelzen für einen Nasenring, an dem man im Zirkus Ponzi durch die Manege der Spekulanten geführt wird. Das findet auch Herr Nakamoto, mit dem ich Reis essen war. Ich mache ein freundliches Gesicht und übe mit Stäbchen, weil ich sicher bin, dass sie uns früher oder später Messer und Gabel nehmen werden.

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WALLE WALLE.

In einem dieser neumodischen Hotels, die das Wohnen billig gemacht haben, treffe ich in der Lobby auf zwei Herrschaften mit Zopf und Ohrring, die darüber sinnieren, ob eines nicht allzu fernen Tages die gewaltigen Rechner nicht sich selbst verwalten. Und dann uns. Eine meiner größten Schwächen ist der Zwang zuzuhören, wenn wirklich dummes Zeug erzählt wird, was sich klug gibt. Hier geht es um ARTIFICIAL GENERAL INTELLIGENCE, von den Nerds kurz AGI genannt (Englisch auszusprechen).

Das ist, wenn die Computer eigenen Verstand entwickeln und hinter unserem Rücken beginnen, die Welt zu beherrschen. Nun, es braucht dazu Initiative und Strom. Zumindest das Zweite könnte man ihnen abdrehen. Freiwillig oder, das ist wahrscheinlicher, unfreiwillig. Ich zitiere etwas und die Teck-Genies gucken verstört: „Walle, walle!“ Der Zauberspruch aus der alten Sage, in der man nicht mehr Herr der eigenen Einbildungs- und Erfindungskraft wird. Und die Maschinen die Weltherrschaft übernehmen. Das darf ich erklären. Ich hole aus.

Fließend Wasser war dereinst nicht selbstverständlich. Man muss im kollektiven Gedächtnis kramen, dass es mal eine leidige Pflicht war, mit Krügen den örtlichen Brunnen aufzusuchen, um zuhause ein Bad zu nehmen. Angesichts dieser täglichen Mühe versteht man den Wunsch, dass dies automatisch gehe, etwa indem sich der Stubenbesen zu einem dienstbaren Geist verzaubern lässt. Wozu man das Zauberwort braucht. Für unsere Vorfahren, nehmen wir die Schreiberlinge Goethe & Schiller, war das nur als eine Hexerei denkbar.

Woher meine beiden Kollegen im 18. Jahrhundert ihre Ideen hatten? Das lässt sich sagen. Es wurde munter geklaut, etwa bei den Bloggern der Antike, namentlich den alten Griechen. Schon hier findet sich die Idee der Automatisierung. Womit der kalifornische Oligarch und Tesla-Eigner Musk heute seine Batterieautos verkaufen will, das autonome Fahren, das ist als Idee nicht ganz so frisch wie der Pfälzer Banause glaubt oder glauben machen will, der gerade Amerika wieder groß macht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Der Blogger Goethe jedenfalls war skeptisch, was die Zauberei der Digitalen Revolution anging. In seiner Ballade vom ZAUBERLEHRLING geht die Sache gründlich schief: „Die ich rief, die Geister / Werd’ ich nun nicht los“; so klagt der zaubernde Dilettant, wird aber am Ende doch aus der Überflutung des ganzen Hauses befreit. Ob es den geben wird, den MEISTER, der trotz aller Eigenmächtigkeiten zunächst der Lehrlinge, dann der Dinge, wieder das Sagen hat, das ist die Frage bei der Furcht vor der AGI. Jedenfalls sind die Jungs in der Lobby froh, dass sie mit Walle Walle jetzt das Zauberwort kennen. Sie diktieren es ihrem iPhone, womit die Rechner es jetzt auch kennen.  

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WIENER KEIN WÜRSTCHEN.

Man wähle Geschenke mit Bedacht. Weihnachtsgeschenke können das Leben des Beschenkten ändern. Es lastet also in diesen Tagen ein gewisse Verantwortung auf uns, die wir für Kinder oder Enkel das Christkind zu spielen haben.

Ich hatte nicht das, was man eine schwere Jugend nennt, im Gegenteil; aber in der gerade aufgeworfenen Frage doch gemischte Erfahrungen. Meine Eltern legten einen STABIL-BAUKASTEN unter den Baum, mit dem ich rein gar nichts anzufangen wusste. Das waren Metallplättchen, die man zu großartigen Gefährten zusammenschrauben sollte. Der Hersteller namens Walther aus Neukölln drohte damit, dass man so zum Ingenieur werde. Ich brachte es mit dem Zeug zu meinem ersten großen Versagen und meinen bildungsbeflissenen Eltern Kummer.

Das wurde anders mit dem Geschenk eines Folgejahres. Von der Firma Kosmos stand der RADIOMANN unter‘m Baum. Motto: „Vom Gebirg zum Ozean, alles hört der Radiomann.“ Ich baute mir ein Detektorradio und lernte, was ein Halbleiter ist. Das half im Studium bei der Rezeption von Kybernetik; das wiederum legte mir die Systemtheorie vor die Füße und lässt mich heute wissen, wovon die IT-Idioten faseln. Wer eine Diode versteht und den Transistor, den beeindruckt keine KI. So einfach ist das.

Übrigens gab es in der DDR eine intensivere Rezeption der amerikanischen Kybernetik als im Westen; und die Bücher waren billiger, ich tauschte sie gegen Kaffee und Nougat. So bin ich dann auch an meine Blauen Bände gekommen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Für uns, die Kybernetiker, war Wiener jedenfalls kein Würstchen. Was lernt uns das? Man wähle Kindergeschenke mit Bedacht.

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All-in-one! So geht heute Volkspartei!

Was der FC Bayern im Fußball, das ist die CSU in der Politik: schlicht und einfach unschlagbar. Wir haben im Westen nicht mehr viele Volksparteien, schon gar keine modernen. Die CSU hat sich darin aber wiedergefunden. Ein New Deal der Ideologiefreiheit, Politik als Wunschkonzert. Nicht der amerikanische Mythos JFK beschreibt, was künftig in der Politik hält, sondern der bayrische Mythos FJS. Synthetische Identität: Mir san mir. Das ist bitter für alle Preußen, die den Schweinsnacken und seine Amigos gehasst haben, wahr ist es doch.

Der CSU-Parteitag hat jetzt neben einem FJS-Adepten, dem Seehofer Horst (95,3 Prozent), als Vizeparteichef jemanden gewählt, der weder zum Programm noch zur Bundespolitik, vielleicht nicht mal zur Verfassung passt, den Gauweiler Peter (79,1 Prozent). Rechtsanwalt Gauweiler MdB bekämpft die Europapolitik der Bundesregierung nicht nur als Abgeordneter im Parlament, sondern auch bei allen erreichbaren Gerichten. Gauweiler wird, so das Kalkül, bei der Europawahl die Anhänger der AfD zur CSU zurückholen.

Noch im Sommer sah ich ihn, als er vor seiner Kanzlei in München seinen Wagen bestieg. Auf der anderen Straßenseite ist das wirklich empfehlenswerte Tobacco, das eine schmale Reihe an Tischen und Stühlen auf den Gehsteig stellt. Cocktailgestützt grüße ich den alten Bekannten und auf vortreffliche Weise windigen Anwalt, der mit dem Wunsch antwortet, wir mögen doch einen für ihn mittrinken, er habe leider zu tun. Solchem Begehren kann man sich ja nicht widersetzen. Der Manhattan ist dort vorzüglich.

Gauweiler kann das große Spiel in den höchsten Gerichten, und er spielt den Volkstribun so überzeugend, mit soviel Lust, dass es eine Freude ist. Letzteres sagt man auch der Aigner Ilse nach, die Berlin in Richtung München verlassen hat, um für den Horst die Dirndln, den weiblichen Teil der dortigen Wählerschaft, zu bewerben. Seehofer hat der Bayerin das Wirtschaftsressort angedreht, damit  sich die Autodidaktin in Sacharbeit vergraben muss, während er den Franken Söder als Schießhund von der Kette lässt. So gibt man als Landesvater jedem Tierchen sein Pläsierchen, Katzen und Hunden Futter.

Da braucht es dann nur noch einen fremdenfeindlichen Ton, etwa den der Strafzölle für Ausländer, die es wagen, mit ihren Dreckskarren unsere Autobahnen zu verstellen. Peter Ramsauer wurde dieserhalben ebenfalls als Parteivize erkoren (86,4 Prozent). Das Konzept der postpolitischen Volkspartei heißt: all-in-one. Warum in die Ferne schweifen, das Glück ist doch so nah. Oder in den Worten des Märklin-Freundes Seehofer, Besitzer einer stolzen absoluten Mehrheit: Die Opposition, das bin jetzt halt auch ich.

Darin stimmt Merkels Nachfolgerin Julia Klöckner ein. Sie glaubt, dass das Mitgliedervotum Gabriel erledigen wird. Wörtlich im Interview mit der fabelhaften Ulrike Ruppel: „Beim Mitgliederentscheid geht es eigentlich um eine andere Frage (als den Vertrag für die Große Koalition): Soll die Parteiführung bleiben oder nicht? Denn wenn der Vertrag abgelehnt wird, wird sich die SPD-Führung kaum im Amt halten lassen.“ (BZ, 24.11.13, S. 7) Das ist für jemanden, der sich als „kommende Frau in der CDU“ und künftige Kanzlerin feiern lässt, kühn. Und grundfalsch.

Gabriel kann scheitern, weil er nicht kann, was Seehofer kann. Ja. Aber die SPD ist nicht die CSU. Gabriel hat es als Parteivorsitzender geschafft, das elende Mittelmanagement  seiner Partei, diese denkfaulen und fußlahmen Truppen der beamteten Funktionäre, in der Partei auszuschalten und mit einem Brandtschen Anspruch von innerparteilicher Demokratie an die eigene Mitgliedschaft zu gehen. Das mag machttaktisch für diese Koalition schiefgehen, aber als Parteivorsitzender gehört er heute schon an die Spitze einer langen Reihe hervorragender Persönlichkeiten einer 150jährigen Geschichte. Die Sozis lernen gerade, ihn zu lieben.

Was ist daran aus Bürgersicht falsch, dass wir, die Bürger, gefragt werden? Wie kann man Volksbegehren befürworten, aber gegen Mitgliederbefragungen sein? Sie sind die Chance, dass wieder zu Politik wird, was die Leute wirklich denken. Sie sind die Chance, dass das, was Seehofer synthetisch versucht, faktisch wird: Meinungsvielfalt ohne die Filter der Funktionäre. Die Grünen waren eine solche Partei und verspielen dies gerade; nach der Koalition in Hessen sind sie endgültig reif zur Spaltung. Die SPD könnte zur inneren Demokratie zurückkommen. Ob dann die CDU-Chefin Klöckner mit dem wiedererstarkten FDP-Chef Lindner eine schwarz-gelbe Mehrheit hat, das werden wir ja sehen. Wie war das noch mit dem Ananaszüchten in der Antarktis?

Quelle: starke-meinungen.de