Logbuch
MYTHOS.
Das Lexikon kann sich nicht entscheiden. Der Mythos sei einerseits eine ganz grundlegende Wahrheit. Andererseits ein bloßes Lügengebilde. Das muss kein Widerspruch sein. Ausgeführt am Beispiel des Bergmanns.
Ein Knappe ist der Paria des Proletariats, ein armer Hund, der sich untertage schinden muss. Es geht auf Gold, Erz, Edelstein, Silber oder Kohle, für ein Dubbel, kalten Kaffee und Schnaps. Er macht den Bergherrn und die Kohlebarone reich und geht selbst, bitter um Atem kämpfend, zugrunde. Mein Vater hat alles darangesetzt, nicht wie sein Vater jeden Tag ins Loch zu müssen. Übertage, das war schon ein Etappensieg.
So, und jetzt Novalis zum gleichen Thema:
„Der ist der Herr der Erde,
Wer ihre Tiefen mißt
Und jeglicher Beschwerde
In ihrem Schoß vergißt;
Wer ihrer Felsenglieder
Geheimen Bau versteht
Und unverdrossen nieder
Zu ihrer Werkstatt geht.
Er ist mit ihr verbündet
Und inniglich vertraut
Und wird von ihr entzündet,
Als wär sie seine Braut.
Er sieht ihr alle Tage
Mit neuer Liebe zu
Und scheut nicht Fleiß und Plage;
Sie läßt ihm keine Ruh.
Die mächtigen Geschichten
Der längst verfloßnen Zeit
Ist sie ihm zu berichten
Mit Freundlichkeit bereit.
Der Vorwelt heilge Lüfte
Umwehn sein Angesicht,
Und in die Nacht der Klüft
Strahlt ihm ein ewges Licht.
Er trifft auf allen Wegen
Ein wohlbekanntes Land,
Und gern kommt sie entgegen
Den Werken seiner Hand.
Ihm folgen die Gewässer
Hülfreich den Berg hinauf
Und alle Felsenschlösser
Tun ihre Schätz ihm auf.
Er führt des Goldes Ströme
In seines Königs Haus
Und schmückt die Diademe
Mit edlen Steinen aus.
Zwar reicht er treu dem König
Den glückbegabten Arm,
Doch fragt er nach ihm wenig
Und bleibt mit Freuden arm.
Sie mögen sich erwürgen
Am Fuß um Gut und Geld,
Er bleibt auf den Gebürgen
Der frohe Herr der Welt.“
Was stimmt? Beides.
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UNPOLITISCHES.
Obwohl der Umgang mit Propaganda zu meinem Beruf gehört, habe ich, wie soll ich sagen, einen empfindlichen Magen. Ich sehe die Bilder vom Parteitag der Trump-Partei (früher: Republikaner) in Milwaukee und könnte kotzen. Minderjährige Enkelinnen des Kandidaten werden zu öffentlichen Leumundsbezeugungen verleitet und von ihrem eigenen Vater als „sexy“ bezeichnet. Der Kandidat küsst den aufgebahrten Helm des Feuerwehrmanns, der statt seiner erschossen wurde. Einen Salut hätte ich noch verstanden als Ehrenbezeugung, aber ein Kuss? Gott, sagt er, sei mit ihm, habe neben ihm gestanden; darum habe er überlebt.
Gott mit uns, also. Es schlägt mir auf den Magen; was aber Unprofessionalität zu nennen ist. Es gilt in der politischen PR der Satz des großen Barnum („The greatest Show on Earth“): „Noch nie ist ein Zirkus Pleite gegangen, weil er das Niveau des Publikums unterschätzt hätte.“ Man kann aber wohl doch sagen, dass dem amerikanischen Kandidaten durchaus ein stattliches Maß an Mut zur Banalität gegeben ist. In der Neuen Rechten gilt das als Erweis von Volkstümlichkeit.
Szenenwechsel. Der englische König verliest gekrönt die Regierungserklärung seiner Minister und zupft schlechtgelaunt am mächtigen Hermelinmantel, den livrierte Knaben nicht zu seiner Bequemlichkeit zurechtgelegt hatten. Von der Güte seiner Mutter hat er nicht viel mitbekommen, ist zu vermuten. Aber was ist das für ein royales Hochamt in diesen Zeiten? Weniger banal als die Krönung in Milwaukee, ja, aber frei von Peinlichkeit? Ich bin nicht sicher. Aber meine Teenerven melden sich noch nicht. Man ist da korrumpierbarer, weil das Common Wealth nachwirkt. Stichwort Bostoner Tea Party.
Olaf ist da frugaler. Olaf der Dröge. Jetzt muss ich mal meinen Kanzler loben. Was immer er macht, wo immer er zögert, wie auch immer er druckst: Ich behalte mein Frühstück bei mir. Bei dem Herrn Bundespräsidenten komme ich da gelegentlich an meine Grenzen. Und beim großserbischen Herrn des Lithiums ist alles verloren. Sanity bag please.
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TIERPLAGE.
An Berlin ist vieles piefig, nicht aber der Große Tiergarten, der seit Mitte des 18. Jahrhunderts einen englischen Landschaftsgarten nachahmt. In diesem Bestreben ragt das Proletenkonglomerat an London heran, dessen Gärten ich bewundere. Ich hätte zu KEW GARDENS noch Anmerkungen bezüglich des kolonialen Erbes zu machen; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Reden wir also von Freiherr Wenzeslaus von Knobelsdorff, dem preußischen Freimaurer, dem wir die Umwandlung eines fürstlichen Jagdreviers in einen Volkspark verdanken. Dazu wurden die Zäune entfernt, die das Areal sorgsam von Palast und Stadt und Äckern trennten. Heute freut das Obdachlose, die hier die Nacht verbringen, und grillende Getto-Kids mit Spraydosen. Aber das verdirbt an hellen Morgen nicht das Vergnügen der Spaziergänger und Radfahrer. Man ist in dieser verwahrlosten Stadt Schlimmeres gewöhnt.
Der Tiergarten hat Momente. Ich empfehle die Bank gegenüber Baum 44. Ja, die Bäume haben Nummern; wir sind in Preußen. Selbst die Straßenbäume in den Kiezen wissen sich auszuweisen. Der Schlendrian in dieser Stadt beginnt erst im Praktischen; im Prinzipiellen ist allet jut. Wobei sich ans Prinzipielle nur Piefkes gebunden fühlen. Berlin ist die multikulturelle Metropole ohne Manieren, ein Moloch.
Die Gestaltung eines Landschaftsgartens nach englischem Vorbild ist darauf angelegt, dem Flanierer „views“ zu eröffnen, zur geneigten Betrachtung. Es werden unterschiedliche Idyllen inszeniert. Deshalb plötzlich eine Brücke oder der Blick über‘n Teich auf die Ruine oder vier dichtgedrängte Bäume auf weitem Rasen. Es herrscht der Mut zu großspurigem Kitsch.
Mittendrin Skulpturen mit Jagdszenen. Sie erinnern an die ursprüngliche Verwendung des Geländes. Bevor sich hier die englisch inspirierten Freimaurer Parks schufen, ging ihre Majestät mit Hofstaat auf die Jagd. Das war der Sinn der Einzäunung. Man setzte andernorts gefangenes Wild hier aus und ließ es hinter der Einzäunung gedeihen, um dann hier auf die Jagd gehen zu können.
Treibjagd im Zoo? Wie pervers ist das denn? Ja, jetzt sehe ich auch den Tierpark im Tiergarten, der hier ZOOLOGISCH heißt, mit anderen Augen. Nun gut, es wird nur begafft, nicht mehr beschossen, aber irgendwie scheint mir das ganze Vorhaben aus der Zeit gefallen. Ich soll die Enten nicht füttern, mahnt ein Schild, und das Tor zum Ruhebereich schließen, wegen der „Kaninchenplage“. Der was bitte?
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Gabriel kann Kanzler
Hat Mutti fertig? Die Verwirrung ist perfekt. Auf allen Kanälen agiert Sigmar Gabriel. Er gibt der deutschen Politik ein Gesicht. Er nennt die Themen, dieangeblich angesagt sind. Das Mantra lautet: Mindestlohn, Doppelpass. Man bemerkt bei dem gelernten Rüpel neben dem Willen zur Macht jetzt auch die nötige Würde, neben Engagement jetzt auch Ernst, neben Herzblut jetzt auch Hirn.Und er kämpft mit seinen querulantischenGenossen um Staatsräson. Das haben alle Führer der Sozialdemokratie gemusst, man erinnere sich an Willy Brandt und Tony Blair. Diese moralinsaure Partei ist kein Kanzlerwahlverein.
Die Nation reibt sich die Augen. Warum überlassen all die anderen Akteure des Wahlkampfs dem Harzer Roller das Feld?Nur gelegentlich ein Ton von Angela Merkel, und dann ein sozialdemokratischer. Und Horst Seehofer, daheim immerhin mit absoluter Mehrheit ausgestattet, grinst auf Bundesebene aus der zweiten Reihe dümmlich, während seine Schergen mit einer Strafsteuer für durchreisende Ausländer am rechten Rand fischen. Jürgen Trittin, dereinst fast Finanzminister, ist im Sabbatical; er macht bei Kathrin Göring-Eckart zuhause die Wäsche.
Verkehrte Welt. Die Union grollt: Gabriel sei der Parteivorsitzende der Verlierer. Die FDP von Fipsi, dem Frösche-Erhitzer, hat es erwartungsgemäß ganz und gar zerlegt, aber die SPD ist schon unter Schröder von der Volkspartei zu Nischenfraktion verkommen und dort erneut stecken geblieben. Wenn jemand im Wahlkampf abgeschmiert ist, so die von PeerSteinbrück zwangsbeglückte SPD. Aus der Traum für Rot-Grün. Die Ökos lecken Wunden, nicht so die Sozis. Statt Sack und Asche nehmen wir bei Gabriel die Auspizien der Macht wahr.
Ja, der Ärger der Schwarzen ist verständlich, der Schwanz wackelt mit dem Hund. Ob Mindestlohn und Doppelpass die Schicksalsfragen der Nation sind, darüber darf man grübeln, aber Gabriel setzt sie. Alle spüren: DieserMann kann Kanzler. Während sich die Union weiterhin in Muttis Ungefährem verliert, kommen hier klare Ansagen. Mit welchem Recht? Hatte nicht die Union einen grandiosen Wahlsieg eingefahren? Warum fiebert nun alles um die Hoheit über die Themen der SPD? Merkels Wohl oder Wehe liegt bei den Ortsvereinen der SPD. Das muss man erst mal hinkriegen. Warum diese Selbstverleugnung der Konservativen?
Nun, Mutti hat sich zu Tode gesiegt. An der Spitze der Union steht eine Dame ohne Unterleib. Sie durfte gewinnen, vielleicht hat sie sogar verdient gewonnen, aber ihrer Partei gefällt das nicht, nicht so: Es war dann doch zu wenig zum Leben und zu viel, um zu sterben. Historische Ironie. Man erinnere sich an den Abgang von Rot-Grün unter Schröder und die TV-Runde,in der er ausfällig wurde. Der damalige Spott des schlicht angetrunkenen Altkanzlerswird so nach Jahren wahr: Merkel gewinnt, aber eben nicht genug. Sie hängt am Tropf der Sozis. Wie paradox ist das denn? Die Regierungsfähigkeit der Unionhängt an einem Mitgliedervotum der SPD.Und die notorische Opportunistin der Macht macht sich gegenüber den rotenPetiten geschmeidig. Sie versucht deren Basis zu gewinnen und wird ihre eigene verlieren. Das ist Politik, so geht Dialektik.
Die Themenhoheit ist an die SPD abgetreten. Der Merkelsche Opportunismus wird eine Große Koalition hinkriegen, aber diese Kanzlerin hat dabei ihre Partei verloren, schon heute. Und ob die Agenda der Sozis die wirklichen Probleme des Landes anfasst, daran darf man füglich zweifeln. Denn was hier Thema wird, ist Wunscherfüllung an die Visionen der Genossen, die eine Tradition darin haben, ihre Träume mehr zu lieben als die Realität. Diese Partei verzichtet auf die Macht, wenn es ihr dann moralisch wohler ist. Sie hat diesen Geburtsfehler bis heute nicht überwinden können.
Da haben die grollenden Schwarzen doch Recht. Es ist ein Stück aus dem Tollhaus:Siggi führt die Union am Nasenring ins Regierungsamt. Dafür wird sie sich an Angie rächen. Die Große Koalition wird keine volle Legislaturperiode halten. Spätestens zur Mitte werden die Schwarzen ihren Muttermord begehen. Merkel geht dann mit Schäuble verdient in den Ruhestand. Und eine rot-rot-grüne Koalition unter Kanzler Gabriel macht weiter. Oder es gibt Neuwahlen. Dann macht eine rot-rot-grüne Koalition unter Kanzler Gabriel weiter.
Ob man das als Fiasko wahrnimmt oderHosianna singt, das ist egal. So wird es kommen. Ich nehme Wetten an; muss aber sagen, dass es unfair wäre: Mir war schon immer klar, dass die Dinge so kommen. Gabriel kann Kanzler. Mutti hat fertig.
Quelle: starke-meinungen.de