Logbuch

KRUPPSTAHL.

Als sich der englische Schriftsteller George Orwell die Zukunft vorstellen wollte, man schrieb das Jahr 1948, wählte er, um den Stein weit nach vorne zu werfen, das Jahr 1984. So lautete der Titel seiner grimmigen Utopie. Das ist jetzt auch schon gut vierzig Jahre her. Seine Annahme, dass nur herrsche, wer die Semantik beliebig breche, stimmt noch immer. Verstand und Vernunft gelten als feige.

Wir erwarteten früher von der Macht, in höchsten Tönen und auf eine raffinierte Art hinter die Fichte geführt zu werden, auf eine sanfte Art belogen, wie man kleine Kinder dumm hält oder Spießbürger guten Benehmens. Alles sollte politisch rechtens sein. Der Angreifer tarnte sich stets als Verteidiger. Die Schwanengesänge sind aber nicht mehr so raffiniert. Oder gar honigsüß. Das Derbe kommt in Mode. Gossensprache tönt von dem Olymp der Macht.

Man nennt die Behörde der Vaterlandsverteidigung wieder Kriegsministerium. Und spricht statt von flexibler Antwort auf versuchte Verletzungen von maximaler Tötlichkeit („maximum lethality“), die ganz bestimmt nicht politisch korrekt sein werde. Versprochen. Man rühmt sich, auf diplomatische Eiertänze gänzlich verzichten zu wollen. War die Logik mal Verteidigung, so preist die Rhetorik nun Konnotationen der Vernichtung. Und zwar ohne die früher notorischen Euphemismen. Keine Schönfärberei mehr.

Es dereguliert sich auch die einer Gewaltenteilung gehorchenden Teilung zwischen unterschiedlichen Staatsorganen. Weder der Einsatz der Armee im Inneren ist ein Tabu, noch gegen Verbrecher anderer Nationen, mit denen man noch gar nicht im Kriegszustand lebt. Als gegen einen Einsatz von Kriegswaffen gegen venezolanische Drogendealer von den üblichen Liberalen Bedenken aufflammen, schreibt der Vizepräsident: „Don‘t give a shit!“ Kapiert? Klartext, knallhart.

Es gibt ihn nicht mehr, den Beifall aus der falschen Ecke; man spekuliert geradezu auf den Applaus jedweden Pöbels. Solang der viril ist; diese Männlichkeit mag den Macho. Das ist mit Patriachat oder Paternalismus zu kurz benannt, weil Väter ja auch fürsorglich sein können; hier geht es nicht um den „pater familias“. Es ist als Leitmotiv strukturell immer eine Pose des durchgestreckten Mittelfingers. So brutal und so banal.

Neue Zeiten. Man mag alldem folgen, aber es gibt Grenzen. Das sage ich mit der historischen Autorität des Pressesprechers der VAW Aluminium AG zu Berlin und Bonn. Vor Offizieren preist jüngst der amerikanische Inhaber der obersten Befehlsgewalt die Marine wg. Stahl zur See, sprich battleships: „nice six-inch sides, solid steel, not aluminum (…) which melts if it looks at a missile coming at it“. Als „alu guy“ habe ich wenig Vergnügen daran, die Härte von Kruppstahl gepriesen zu wissen. Dem Weisen genügt das.

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DIE ABRISSBIRNE.

Für die Neue Welt empfand die alte lange Verachtung. Das klingt in mir nach, wenn ich in jenen TV-Sender gerate, in dem die Amis zeigen, wie sie Häuser bauen. Hütten. Es handelt sich um zusammen getackerte Sperrholzkisten. Bretterbuden mit Kochinsel. Es gibt Grade der Einfalt, die mich an allem zweifeln lassen. Die waren nicht auf dem Mond, die nicht.

Mir erschien New York immer belanglos. Oft musste ich hier hin, riss meine Termine ab und entfloh. Eigentlich weiß ich also gar nicht, wovon die Wochenzeitschrift THE NEW YORKER seit hundert Jahren schwärmt; aber sie gehört zu den fünf, sechs Blättern, die ich als Pflichtlektüre empfinde. Jetzt entsetzt sich der Aufmacher („The Talk of the Town“) darüber, dass in Washington der Ostflügel des Weißen Hauses einer Abrissbirne zum Opfer fällt, weil sich der amtierende Präsident einen geräumigen Ballsaal bauen will. Miss-Wahlen als Kernkultur. Das liberale Amerika empfindet den Abriss des Ostflügels als Schändung.

Sagt der NEW YORKER: „We are creatures of symbols, and our architecture tells us who we are.“ Wie wahr. Das Weiße Haus war immer zu klein und wohl auch zu piefig für die Weltmacht, der ansonsten keine Großkotzigkeit zu ordinär war. Ich erinnere noch die Ambition von Jackie Kennedy, hier etwas Mondänes einziehen zu lassen; Projekt Camelot. Und immer war klar, dass man hier nur vorübergehend hauste. Das ist der urdemokratische Charme. Gut so.

Wie hat Helmut Kohl, der Barocke, den supersachlichen Kanzlerbungalow in Bonn gehasst. Wie schrecklich hauste seine verlassene Gattin im abgedunkelten Betonklotz in Oggersheim. Ach, und dann der Exzess der Kleinbürgerlichkeit bei Helmut und Loki… Wir haben es in der Moderne verlernt, Paläste zu bauen und Denkmäler zu pflegen. Privat finde ich für mich ohnehin, dass man nicht das Recht zum Abriss hat; man renoviert, mehr nicht. Wir sollten lernen in den Schalen unserer Ahnen zu leben. Jede Scheune hat die Maße einer kleinen Kathedrale.

Aber Humor hat sie, die gelbe Abrissbirne im weißen Ballsaal. Als die Gattin von Amtsvorgänger Bill Clinton sich kritisch zum Abriss äußerte, antwortete er, er werde den neuen Flügel „Monica-Lewinsky-Saal“ nennen. Gegen diesen frechen Witz gewinnt nicht, was mal vornehm tat, aber eben auch nur billig war.

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MEHRZWECKHALLEN.

Wir haben unsere Städte, deren Luft seit dem Mittelalter frei machte, gesäumt durch eine ganze Legion von Industriegeländen aller hässlichster Art, die mit Gewerbepark noch viel zu positiv beschrieben sind, weil alles an ihnen monotoner Wildwuchs und nichts ein Park ist. Ich war gestern in Dieburg bei Darmstadt und werde die Depression darüber, was wir uns da zusammenbauen nicht los. Darmstadt, das war für mich Jugendstil vom Feinsten; die Gewerbestraße in Dieburg ist ein Orkus.

Wie Krebsgeschwüre bilden sich diese Viertel mit Monsterhallen an vorstädtischen Verkehrsadern. Es wird nicht besser dadurch, dass hier auch IKEA und Fressnapf siedeln. Die Architektur wird beherrscht vom Quader; kleine Quader für den Mittelständischen Betrieb, gigantische für Warenlager, in denen selbst ganze Möbelhäuser verschwinden könnten. Ich rätsle, was es kostet, diese Monsterquader zu beheizen; oder sind die nicht mal temperiert, diese Hochlager der Unkultur? Industriearchitektur, das war mal was, als man noch Maschinenhallen wie Kathedralen baute. Die Gründerzeit baute Denkmäler, wo heutzutage die Bielefelder Systemarchitektur der Goldbecks brachialen Stumpfsinn walten lässt.

Fast empfinde ich es als Beleidigung, dass die Straßen hier nach Industriegrößen wie DIESEL benannt sind. Wie sich überhaupt VITRUVIUS im Grabe umdrehen muss. Wer das ist? Nicht verzagen, Cato fragen. Nun, der Römer VITRUV begründete das Bauingenieurwesen als dies noch in seinen glorreichen Anfänger steckte und Baukunst (!) war. Wir nehmen ihn als Urvater der räumlichen Gestaltung und erinnern den „vitruvianischen Menschen“ des Leonardo da Vinci. Das ist der nackte Kerl mit vier Armen und vier Beinen, bei dem der blanke Dödel die Bildmitte bildet. Da Vinci hatte da so seine Vorlieben. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Nie hätte VITRUV ein Flachdach gebaut, nie. Wie überhaupt der Quader verboten gehört. Eine Kathedrale ist keine Mehrzweckhalle; schon das Wort. Schon das Wort.

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Gabriel kann Kanzler

Hat Mutti fertig? Die Verwirrung ist perfekt. Auf allen Kanälen agiert Sigmar Gabriel. Er gibt der deutschen Politik ein Gesicht. Er nennt die Themen, dieangeblich angesagt sind. Das Mantra lautet: Mindestlohn, Doppelpass. Man bemerkt bei dem gelernten Rüpel neben dem Willen zur Macht jetzt auch die nötige Würde, neben Engagement jetzt auch Ernst, neben Herzblut jetzt auch Hirn.Und er kämpft mit seinen querulantischenGenossen um Staatsräson. Das haben alle Führer der Sozialdemokratie gemusst, man erinnere sich an Willy Brandt und Tony Blair. Diese moralinsaure Partei ist kein Kanzlerwahlverein.

Die Nation reibt sich die Augen. Warum überlassen all die anderen Akteure des Wahlkampfs dem Harzer Roller das Feld?Nur gelegentlich ein Ton von Angela Merkel, und dann ein sozialdemokratischer. Und Horst Seehofer, daheim immerhin mit absoluter Mehrheit ausgestattet, grinst auf Bundesebene aus der zweiten Reihe dümmlich, während seine Schergen mit einer Strafsteuer für durchreisende Ausländer am rechten Rand fischen. Jürgen Trittin, dereinst fast Finanzminister, ist im Sabbatical; er macht bei Kathrin Göring-Eckart zuhause die Wäsche.

Verkehrte Welt. Die Union grollt: Gabriel sei der Parteivorsitzende der Verlierer. Die FDP von Fipsi, dem Frösche-Erhitzer, hat es erwartungsgemäß ganz und gar zerlegt, aber die SPD ist schon unter Schröder von der Volkspartei zu Nischenfraktion verkommen und dort erneut stecken geblieben. Wenn jemand im Wahlkampf abgeschmiert ist, so die von PeerSteinbrück zwangsbeglückte SPD. Aus der Traum für Rot-Grün. Die Ökos lecken Wunden, nicht so die Sozis. Statt Sack und Asche nehmen wir bei Gabriel die Auspizien der Macht wahr.

Ja, der Ärger der Schwarzen ist verständlich, der Schwanz wackelt mit dem Hund. Ob Mindestlohn und Doppelpass die Schicksalsfragen der Nation sind, darüber darf man grübeln, aber Gabriel setzt sie. Alle spüren: DieserMann kann Kanzler. Während sich die Union weiterhin in Muttis Ungefährem verliert, kommen hier klare Ansagen. Mit welchem Recht? Hatte nicht die Union einen grandiosen Wahlsieg eingefahren? Warum fiebert nun alles um die Hoheit über die Themen der SPD? Merkels Wohl oder Wehe liegt bei den Ortsvereinen der SPD. Das muss man erst mal hinkriegen. Warum diese Selbstverleugnung der Konservativen?

Nun, Mutti hat sich zu Tode gesiegt. An der Spitze der Union steht eine Dame ohne Unterleib. Sie durfte gewinnen, vielleicht hat sie sogar verdient gewonnen, aber ihrer Partei gefällt das nicht, nicht so: Es war dann doch zu wenig zum Leben und zu viel, um zu sterben. Historische Ironie. Man erinnere sich an den Abgang von Rot-Grün unter Schröder und die TV-Runde,in der er ausfällig wurde. Der damalige Spott des schlicht angetrunkenen Altkanzlerswird so nach Jahren wahr: Merkel gewinnt, aber eben nicht genug. Sie hängt am Tropf der Sozis. Wie paradox ist das denn? Die Regierungsfähigkeit der Unionhängt an einem Mitgliedervotum der SPD.Und die notorische Opportunistin der Macht macht sich gegenüber den rotenPetiten geschmeidig. Sie versucht deren Basis zu gewinnen und wird ihre eigene verlieren. Das ist Politik, so geht Dialektik.

Die Themenhoheit ist an die SPD abgetreten. Der Merkelsche Opportunismus wird eine Große Koalition hinkriegen, aber diese Kanzlerin hat dabei ihre Partei verloren, schon heute. Und ob die Agenda der Sozis die wirklichen Probleme des Landes anfasst, daran darf man füglich zweifeln. Denn was hier Thema wird, ist Wunscherfüllung an die Visionen der Genossen, die eine Tradition darin haben, ihre Träume mehr zu lieben als die Realität. Diese Partei verzichtet auf die Macht, wenn es ihr dann moralisch wohler ist. Sie hat diesen Geburtsfehler bis heute nicht überwinden können.

Da haben die grollenden Schwarzen doch Recht. Es ist ein Stück aus dem Tollhaus:Siggi führt die Union am Nasenring ins Regierungsamt. Dafür wird sie sich an Angie rächen. Die Große Koalition wird keine volle Legislaturperiode halten. Spätestens zur Mitte werden die Schwarzen ihren Muttermord begehen. Merkel geht dann mit Schäuble verdient in den Ruhestand. Und eine rot-rot-grüne Koalition unter Kanzler Gabriel macht weiter. Oder es gibt Neuwahlen. Dann macht eine rot-rot-grüne Koalition unter Kanzler Gabriel weiter.

Ob man das als Fiasko wahrnimmt oderHosianna singt, das ist egal. So wird es kommen. Ich nehme Wetten an; muss aber sagen, dass es unfair wäre: Mir war schon immer klar, dass die Dinge so kommen. Gabriel kann Kanzler. Mutti hat fertig.

Quelle: starke-meinungen.de