Logbuch

FREUNDLICHKEIT.

Unerwartete Höflichkeit verändert die Menschen. Man unterschätze nicht solche Gesten der Sympathie. Gestern wurde ich Gegenstand dessen. Ein Hiwi hatte für einen Berufsverband um einen Interviewtermin gebeten und mein Büro aus Routine zugesagt.

Doch dann öffnet sich zum Termin das Fenster der Video-Konferenz und ich sehe zu meiner Überraschung: Es ist der Präsident selbst, der mit mir sprechen will. Ich bin überrascht. Es geht um die etwas eitle Frage, ob ich in meinem Beruf wohl eine LEGENDE sei. Das kann man ja eigentlich nur errötend zurückweisen.

Solche Bescheidenheit ist PR-Leuten aber wesensfremd. Rumpelstilzchen-Effekt; gäbe man das zu, würde es einen PR-Typen glatt zerreißen. Das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Ich finde mich „estimiert“ in einem sehr gut vorbereiteten Gespräch, mit Charme und Eleganz geführt, von einer so ungekünstelten Höflichkeit, als sei ich eine LEGENDE. Der Präsident ist akademisch von meinem Fach und professionell auf der Höhe. Das Ganze eine wirkliche Freude.

Wir reden über 20 Jahre als angestellter PR-Chef in der Industrie und 20 Jahre als Inhaber der eigenen Agentur und 25 Jahre mit einer Honorarprofessur für Kommunikationsmanagement: „a street dog of PR“. Ein alter Hund lernt keine neuen Tricks. Obwohl…

Das Interview hinterlässt mich verlegen und mit der bohrenden Frage, ob ich dieser FREUNDLICHKEIT überhaupt gerecht geworden bin. Zudem habe ich seit meinem Studium ein Problem mit dem Wort. Es stand unter einer großen Karte, an der ich regelmäßig vorbeikam. Und ein Witzbold hatte mit Filzstift ein zweites Wort ergänzt. Wer das Kompositum einmal gelesen, konnte die neue Bedeutung niemals mehr vergessen. Da stand: „Legende Hühner.“ Damit ist die LEGENDE kaputt.

Zu korrigieren ist noch die Bezeichnung Hiwi („Hilfswilliger“); man sagt jetzt SHK („studentische Hilfskraft“) oder Assi. Sorry. Nichts für ungut, Herr Kollege! Dank für die Unterstützung. Wenn ich mal was für Sie tun kann… So steckt Höflichkeit an.

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ABER BITTE MIT SAHNE.

Die Hauptstadt hat ein neues Attribut. Christian Lindner, der FDP-Chef, lese ich, sei nicht mehr so CREMIG. Vor Wochen hatte eben dieser eben das Robert Habeck vorgeworfen, einem der Grünen-Anführer, die Ökos seien CREMIG. Was ist das für ein neuer Code? Ich verstehe nicht.

Es ist schon richtig, dass Politikerrollen über solche Attribuierungen bestimmt werden. Das geht im Positiven wie in der Absage an bestimmte Eigenschaften. Manchmal weiß man gar nicht, wie einem geschieht. So gilt neuerdings der untersetzte Lispler Boris Pistorius als „harter Hund“. Gut für einen obersten Inhaber der Befehlsgewalt: „Weitermachen. Keine Meldung!“ Was aber ist CREMIG?

Eine verdünnte Salbe mag das sein („body lotion“), eine aufgeschlagene Soße („sauce blanche“), aber ein Kerl? Das Attribut bescheinigt eine softe Gefälligkeit, wie sie vielleicht in schwulen Milieus gepflegt wird. Es liegt zwischen der Sahnetorte („cream“) und dem Salbungsöl („chrisma“), jedenfalls nicht bei dem krummen Holz, aus dem Charaktere sind. Niemand will doch in der Politik dieser Tage mehr Vaseline.

Der Plan, die Klientelgeschenke der Sozis wie der Ökos frechweg auf Pump zu finanzieren, ist gescheitert. Geklautes Geld, nichts anderes sind umgewidmete Sondervermögen. Wir werden weiter also fossile Brennstoffe brauchen und arbeiten gehen müssen, wenn der Lohn auskömmlich sein soll. Ich bin nicht gegen Sondervermögen. Aber wenn „deficit spending“ angesagt ist, dann wird man damit auch so vor die Wähler treten müssen. Die Wahrheit gibt es nicht mit Vaseline.

Wird es Christian Lindner zum harten Hund schaffen? Und wenn er konsequent bleibt, wird es seine Partei überleben? Ich würde es der Republik gönnen. Besorgt blicke ich auf die 4%-Prognose für die FDP und die 52% für CDU und AfD. Blicken wir auf den heute beginnenden SPD-Parteitag. Noch immer dicke Hose namens ZeitenWende, Herr Bundeskanzler Olaf Scholz?

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LINKED INN.

Jede Plattform hat ihren eigenen Charakter, so wie eine Kneipe. Die Stammgäste der jeweiligen Lokalität machen die Stimmung aus. Und wer da so verkehrt. Was da so los ist.

Ich selbst stamme von FACEBOOK, ein Rentnerball, Party im Altersheim. Im LINKED INN verkehren die noch frischen Geltungssüchtigen; das ist die Bar für jene, die bar jeder Scham sind. Es herrscht der Zwang zum bedingungslosen Eigenlob. Man fotografiert sich selbst („selfie“) und lobt sich selbst („Autoestimation“) und teilt eben das seiner Peer Group („Blase“) mit. Um es überpointiert zu sagen: das Onanierverbot ist hier aufgehoben. Man ist zeigefreudig.

Dass Eigenlob stinkt, diese Weisheit meiner Frau Mutter, die gilt hier nicht. Es loben sogar abhängig Beschäftigte ihre Vorgesetzten. Eine Welt der Speichellecker & Arschkriecher. Es loben sogar PR-Manager ihre journalistischen Ansprechpartner für ein Stück über sie selbst und hängen denen damit einen Nuttenorden um. Nie hätte ich einen Journalisten öffentlich gelobt, nie, aus Respekt vor seiner Integrität.

Jetzt sehe ich eine vermeintliche Geheiminformation aus einen angeblichen Insider-Dienst über eine PR-Chefin, die auf der Abschussliste ihres Ladens stünde. Lokalverbot drohe. Nun, die Dame ist noch vom alten Regime über; da kann es schon mal zu einem Ruf nach Trainerwechsel kommen. Dieses Gerücht geht im LINKED INN um. Und wer teilt es (so heißt dort die aktive Weiterverbreitung)? Na, die Betroffene selbst. Wenn das kein „Fake“ (Falschmeldung) ist, dann staune ich. So weit kann Selbstbezichtigung also gehen.

Es gab schon immer den Spruch der Eitlen, dass man lieber einen guten Freund verliere, als einen Witz auszulassen. LinkedIn ist bar jeder Vernunft; darin ähnlich der Kinder-Disco TIC TOC, aber eben unter Nachpubertären, die nicht erwachsen geworden sind. Eine Dorf-Disko für Städter. Im Himmel ist Kirmes. Peinlich.

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Informanten und bestimmte Tanten

Die Dame neben mir sagt: „Da kreuzt dieser Ficker doch tatsächlich auf und wir haben einen Schnappschuss von ihm!“ Sie hatte ihrer Freundin erzählt, wie sie in Begleitung eines Pressefotografen einen Abend im Vorgarten einer jungen Frau verbracht hatte, die ein Verhältnis mit einem Abgeordneten hatte.

Das war noch bei „News of the World“, einem Blatt des umstrittenen Verlegers Rupert Murdoch. Und sie erzählt noch gleich die andere Geschichte von der verheirateten Frau, die mit dem Fernsehmoderator fickte: „ …that woman shagging a married television celebrity.“ Diese Geschichten habe sie ergattert, weil sie die Telefone der Betroffenen abgehört habe („hacking their mobiles“). Der Wortlaut der Damen ist hier aus dokumentarischen Gründen korrekt wiedergegeben.

Meine Begleitung spricht kein Englisch, ist aber neugierig. Ich darf also alles, was man vom Nachbartisch hört, brav eins zu eins übersetzen. Reizwörter wiederholt sie laut mit unverkennbarem Akzent. „Echt, shagging heißt….“. Ich komme in eine gewisse Verlegenheit, weil ich fürchte, dass so herauskommt, dass wir lauschen und das Abgelauschte dann auch noch ins Deutsche übertragen. Man möchte als „Hunne“ im Land der guten Manieren ja nicht unangenehm auffallen und auch noch auf die Straße gesetzt werden. Man hat mit der Vorgabe „Don’t mention the war!“ ohnehin genug zu tun. Ich meine, nach der Erfahrung des Blitzkrieges verstehe ich, dass uns die Briten abhören. Alles andere wäre an deren Stelle ja geradezu fahrlässig.

Die Ladies tratschen weiter. Sie betreiben einen sehr erfolgreichen Blog. Früher war aber mehr los. In der Redaktion hätten früher Alkoholexzesse zur wiederholten Erfahrung gehört („the old school Fleet Street routine of binge drinking as an extreme sport“). Jetzt stehe aber praktisch jeder auf Kokain, stellt die eine erleichtert fest. Dann falle es auch leichter, bei einem Einbruch, mal was mitgehen zu lassen. Und in die Mailbox-Nachrichten von Promis habe sich ja mittlerweile jeder Volontär einwählen können. Kleinvieh. Susie glaubt, dass sie unter den Reportern sicherlich ein Fuchs war, betont aber mit noch lauterer Stimme, dass das alles nur einem Zweck diente: der Enthüllung der Wahrheit. Man sei eigentlich whistleblower. Ich übersetze mit Flötenbläser.

Wir sitzen auf unfreiwilligem Horchposten in einem sehr gut besuchten Restaurant in der Nähe von Londons Schlachthöfen, dem St John (sprich: „Zinn Dschen“). Die Tische stehen eng beieinander. Man brüllt sich, von den Drinks beseelt und der Lautstärke des Saals getrieben, allenthalben an. Man isst Knochenmark mit langen Löffeln auf Beinknochen. Wir können gar nicht vermeiden, Zeuge des Gesprächs der beiden Damen zu werden, die die Scheidung der einen von einem Herrn namens „Twatface“ feiern. Die englische Boulevardpresse war noch nie zimperlich, und diese beiden Journalistinnen, dem Tonfall nach der mittelenglischen Arbeiterklasse entstammend, sind es am allerwenigsten. Ihre Stimmen, ohnehin immer eine halbe Oktave zu hoch, gehen vom Kreischen ins Grunzen.

Das Abhören der Handys Prominenter („phone hacking scandal“) ist aufgearbeitet, eines der Blätter, das es besonders übel getrieben hat, eingestellt, das Land ringt mit rigideren Pressegesetzen. Meine Begleitung fragt mich, teutonisch wie sie ist, ob etwa die Journalisten vom Guardian auch aus solchem Holz seien. Sie ist besorgt wegen der gewaltigen Datenmengen, die der Verräter Snowden in die Hände der Journaille getrieben hat. Ich korrigiere mit großem Ernst: Ein Whistleblower ist kein Verräter und Journalisten keine Kanaillen. „Klar“, sagt sie und deutet mit dem Kopf auf die Fleet Street Füchse am Nachbartisch.

Wir reden unter uns beiden Deutschländern über Bettina Wulff, die ein Jackie-Kennedy-Syndrom hatte und aus Christian Wulff einen JFK machen wollte. Meine Begleitung äußert sich kritisch über die Aktionen der BILD-Chefredaktion in diesem Zusammenhang. Auch das weise ich zurück. „Wenn ein Blatt vom Staatsoberhaupt am Telefon derart zurecht- gewiesen wird, kann das Blatt sich nur für die Pressefreiheit und gegen den Präsidenten entscheiden.“ In der letzten Woche habe ich den ehemaligen Pressesprecher von Wulff in einem Brauhaus in Hannover gesehen, getarnt durch einen Vollbart, aber doch erkennbar blass um die Nase. Er tuschelte in einer dunklen Ecke mit einem Strafverteidiger, einem der besten der Stadt.

Susie beschwert sich am Nachbartisch, dass es bei der Polizei nicht mehr ein „tenner“ tue (zehn englische Pfund), sondern immer ein Blowjob nötig sei, was nicht nur mühsam sei, sondern auch noch das halbe Make Up ruiniere. Mein Begleitung verlangt nach einer Übersetzung. Jetzt ist ein Zustand der Konversation erreicht, der es für mich angezeigt sein lässt, nach der Rechnung zu verlangen. Durch den Hof hinaus auf die Straße eilend, entzünde ich mir eine Zigarette, atme durch und sinniere, warum mir nicht wohler ist, seit die geheimen Daten nicht mehr bei den Diensten Ihrer Majestät sind, sondern bei den Dienerinnen von Herr Murdoch.

Quelle: starke-meinungen.de