Logbuch

BEOBACHTUNG ZWEITER ORDNUNG.

Gegenstand der Presse, wenn wir mal alle redaktionellen Medien unter dem alten Begriff zusammenfassen, sollte die Frage danach sein, was andernorts wirklich passiert ist. Das ist die Hoffnung, die man an eine Aussage richtet, die als FAKT gelten will. Eine Tatsachenbehauptung, die dem Mittel des Beweises zugänglich ist.

Der Laie glaubt, das sei kein Problem, no big deal; ich widerspreche, es ist das Ergebnis sehr genauer Beobachtung. Und wer wissen will, was wirklich war, der beobachtet auch die Beobachter. Erst die BEOBACHTUNG ZWEITER ORDNUNG erschließt vieles. Man nennt das Wissenschaft, die Fähigkeit aus der Beobachtung der Beobachter auf die Wirklichkeit schließen zu können.

Das ist ja das Elend der Positivisten, dass sie glotzend glauben ihren Augen trauen zu können. Aber doch wohl nicht im Kino! Die Welt auf der Leinwand, liebe Freunde, ist ein Film. Da hat jemand Regie geführt. Das wirkliche Leben findet sich bestenfalls im Foyer. Meist aber vor dem Theater, während drinnen die Traumfabrik unterhält. Was war wirklich? Wem nützt es? Wer zeigt sich überbegeistert?

Nebenbemerkung: Presse hat keine „Mission Wahrheit“; das ist Weg und Ziel von Propaganda, die Zweifelnden über eine höhere Wahrheit unterrichten zu wollen. Wenn überhaupt religiöser Eifer („Mission“), dann danach, was in Wirklichkeit wirklich geschehen ist. Geläutert durch den bloßen Anschein, die eitle Evidenz, fragt der Zweifler unermüdlich nach Hintergründen; er beobachtet vor allem die Beobachter.

Der Kluge weiß, dass er bei Medien in ein Schaufenster blickt, das vorgibt ein Fenster zu sein. Wir schauen nicht ins Leben auf ein wirkliches Ereignis, wenn wir staunend vor dem Schaufenster stehen. Wir stehen vor einem Laden. Dem Laden von jemanden.  Hier will jemand etwas verkaufen. Klar?

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WELTTHEATER.

Wenn die Welt ein Theater ist, so sitzen wir also im Parkett oder der Loge und dürfen entscheiden, ob uns gefällt, was da auf der Bühne gegeben wird. Applaus ist möglich, aber auch der Buh-Ruf. Mir ist nach letzterem. Mir ist nicht wohl in meiner Loge.

Es wird wieder, schinderassa bumm, das alte Militärstück gespielt, das eine AUFRÜSTUNG als Notwehr inszeniert. Man gibt diesem Säbelrasseln den Titel NACHRÜSTUNG, weil ihr defensiver Charakter deutlich werden soll. Vielleicht ist das ja so, dass die neuen Raketen meiner Verteidigung dienen. Mich wundert aber das Halleluja der Grünen; aber es zeigt wohl nur, dass sie nicht mehr der Linken zuzurechnen sind. Aus der Kulisse werden Raketen auf die Bühne geschoben. Der Vorhang zu und wir sehen betroffen: alle Fragen offen.

Das zu der Frage: „Was wird hier eigentlich gespielt?“ Keine ganz unwesentliche, im Welttheater. Dann gibt es das Senioritätsproblem. Weise Greise. Wir sehen sehr bekannte Staatsschauspieler, die bei aller Würde im Habitus leider nicht mehr ganz textfest sind. Vom Bühnenrand hilft aus ihrem verborgenen Kasten die Souffleuse, wenn selbst das Ablesen des Textes vom Teleprompter nicht mehr klappt. Wir im Parkett wissen nicht, ob wir dem greisen Mimen gegenüber höflich zu sein haben oder zu erkennen geben sollen, dass er sich zum Narren macht. Wieder wird gegeben: DES KAISERS NEUE KLEIDER.

Dann die eklatanten Fehlbesetzungen. Es kommt im „theatrum mundi“ vor, dass die Schauspielerinnen ihrer Rolle nicht so ganz gewachsen sind und sie in unfreiwilliger Komik chargieren. So verkündete gerade die Bundesministerin für das Äußere, sie werde demnächst nicht als Kanzlerin antreten. Ich war auf meinem Logenplatz echt verdutzt. Wenn Du schon froh bist, wenn sie nicht wieder vom „Schinken der Hoffnung“ faselt oder die Barbie gibt, dann dieser Verzicht, dessen Kern eine Anmaßung obszönen Ausmaßes ist. Selbsternannte Aufsteiger: DER BÜRGER ALS EDELMANN.

Die schwerwiegendste Erkenntnis des Theaterabends aber ist eigentlich eine banale: Die Herrschaften spielen nur ein Stück, das ganz jemand anderes geschrieben hat. Der wahre Autor aber betritt die Bühne nicht. Er lässt spielen. Wenn wir ihn kennten, wüssten wir, was hier gespielt wird. Das ist aber nicht unsere Rolle. Wir sind nur die Claqueure, bestellt und bezahlt, um Beifall zu klatschen.

Leider ist aber diese Posse da auf den Brettern, die die Welt bedeuten, unser Leben.

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RARE BOOKS.

Für den Laien in der Kunst des Büchersammelns sind es die ERSTAUSGABEN, denen er besonderen Wert zumisst; zumeist stimmt das auch, insbesondere wenn die erste Auflage des Werkes niedrig war. Die versteckteren Kostbarkeiten bedürfen einer aufwendigeren Geschichte.

Im BRITISH MUSEUM treffe ich beim Frühstück (Eier mit Kresse auf weißem Toast) einen portugiesischen Experten für die sogenannte Asley Library, sprich den Nachlass des Thomas James Wise, dem seinerzeitigen Präsidenten der Bibliographical Society of London. Ich sage es ungern, aber ich mag sie eigentlich nicht, die Portugiesen. Meist aufgeblasene Schwätzer. Er textet mich zu und nimmt, mit geöffnetem Mund essend, ausgerechnet gebutterten Toast mit Würstchen, einfach ekelhaft.

Nun, es geht um die Liebesgedichte der Elizabeth Barrett, die sie ihrem Verlobten Robert Browning zueignete, worauf dieser sie vom Fleck weg heiratete. Die kleine Auflage der Sonette ist publiziert als „Sonnets of E.B.B.“ (für Barrett Browning). Der vorgenannte Wise will ein Dutzend Exemplare erworben haben, von denen noch zwei in British Museum erhalten sind. Rare books. Dürfte soviel kosten wie ein Mittelklassewagen.

Der Portugiese verweist auf einen Eintrag „Sonets of the Portugese“ in dem Bibliotheksexemplar, das er der Handschrift wegen Elizabeth zuordnet. Das ist aber Unsinn. Ich erinnere mich, irgendwo die Rezension eines William Cox Bennett aus Camberwell gelesen zu haben, der das Dutzend der Erstdrucke an Wise verkauft hatte; ein Scheunenfund, wie er berichtete.

Wahr ist, dass die jugendliche Verlobte so tarnen wollte, dass sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube gemacht und den Angebeteten vor den Altar gedichtet hatte. Das mit der Übersetzung war nur Tarnung. Es waren ihre ureigensten Herzensergießungen. Frei von jedweden Einflüssen des Portugiesischen. Eh klar.

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Der amerikanische Albtraum: meine Hassliebe zu den USA

Das mit Angies Handy ist nicht beiläufig. Es verändert unsere Weltsicht auf das transatlantische Bündnis. Das Obamasche Antlitz, das segensreiche, verzerrt sich in eine Fratze des Imperialismus. Mit wieviel Heilserwartung hatten wir dieser Kombination aus Martin Luther King und Michael Jackson entgegen gesehen? Das Weiße Haus war wieder, wie einst unter JFK, Camelot, der Sitz der Ritter der Tafelrunde, die den Heiligen Gral hüten. Aus dem hübschen schwarzen König Artus ist der Kalte Krieger Big Brother geworden. Die Schutzmacht USA behandelt Europa wie Vasallenstaaten. Selbst Regierungsspitzen werden wie die Junta einer Bananenrepublik ausspioniert. Neuland, Frau Merkel, Neuland ist das für Sie und Ihren fabelhaften Herrn Pofalla? Bitter.

Ich bin verstört, aber nicht überrascht, weil ich dieses Amerika-Bild schon als Schüler und junger Student hatte. Mit der Reife des Alters hatte ich es verloren. Jetzt steigen die APO-Ressentiments wieder in mir auf. „Amis raus aus Vietnam!“ ruft eine vertraute Stimme in meinem Hinterkopf. „Ho- Ho- Ho Chi Minh!“ Und eine andere böse Stimme, sie klingt nach Joschka, intoniert: „USA, SA, SS!“ Auch Dani, den Kindergärtner, höre ich wieder skandieren: „Flic, faschiste, assassin!“ Da sind sie wieder, die Schreckensbilder der Napalm übergossenen Kinder, die um ihr Leben laufen, Todesangst in ihren Gesichtern. Kaugummi kauende GIs, die ihre Ray Ban- Brillen putzen. B52-Bomber rauschen durch die Nacht, um ein Land, wie es heißt, in die Steinzeit zurück zu bomben. Schließlich die Stimme der Sängern Joan Baez, die davon erzählt, sie habe in der letzten Nacht Joe Hill gesehen, der rate: „Unite!“ Bürgerrechtsbewegungen, Gewerkschaften, Straßenkämpfe gegen einen imperialistischen Staat sollten sich formieren.

Der Pulverdampf jener Tage ist verzogen. Kinderzeit, Jugendglück, nie kehrst Du zurück. Die Revoluzzer von damals, die auf jene Zeit und ihre Uneinsichtigkeit stolz sind, sehen heute aus wie Opas, die eigentlich auf die Rentnerbank gehören. Man misstraue der hier notorischenKombination von Altersstarrsinn und Sentimentalität. Das gute alte Stück wird wieder aufgeführt: „Opa erzählt vom Krieg“; in dieser Generation nicht von Stalingrad („Bei Adolf war nicht alles schlecht!“), sondern aus der Kochstraße, wo man den Springer fast enteignet hätte. Sie sitzenheute adipös bei Tim Raue im Edelrestaurant, wo man Asiatisches für 200€ das Menu kriegt und auf die Redaktionsstuben der taz auf der anderen Straßenseite blicken kann. Man findet das Blatt schlapp. Früher,ja, früher…“Wer zweimal mit der selben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Prostata, meine Herren, auf einen phimosen Abend!

Reden wir nicht postrevolutionär, sondern historisch. Das demokratische Europa ist, wie die aufgeklärte Moderne überhaupt, ein zivilisatorisches Wunderwerk, das dem Mittelmeerraum zu verdanken ist. Das hat keine abendländische oder gar christliche Identität, wie die Reaktionäre immer behaupten, sondern eine mediterrane, an der die Weltreiche ex Theben, Karthago, Athen und Rom mitgewirkt haben. Das umschließt das Judentum, den Islam wie das Christentum und erlaubt allemal den Atheismus. Das reicht von Vorderasien bis nach Schottland, von Ägypten bis Russland. Noch heute erinnern wir uns an das erste universelle, weil exterritoriale Menschenrecht aus dem stolzen Satz: „Ich bin ein Bürger Roms!“ Hier malen die Genies der Renaissance und denken die Königsberger Professoren, hier rattern die schottischen Dampfmaschinen und regieren die Parlamente nach Westminster Art. In den Städten stehen Bürger auf gegen die Feudalmächte und die Inquisition. Bürger sein, das heißt den Staat in seine Schranken verweisen. Bürgerliche Freiheit beginnt beim Recht auf Eigentum und vollendet sich in Privatsphäre, in der die Mächte der Welt, auch die Religionen, ihr Recht verloren haben.

Leider hat sich das Zentrum dieses „Westens“ vom Mittelmeer in den Atlantik verschoben. Die Gründungsväter wie Thomas Jefferson und die anderen Verfasser der amerikanischen Verfassung kamen noch mitdiesem mediterranen Geist in die Neue Welt. Aber wer kam noch? Frömmler, Verbrecher und Huren gründen als Einwanderer die Vereinigten Staaten von Amerika. Fragt mich der Immigration Officer:„Do you have a criminal record?“ Antworte ich: „Do I still need one?“ Folge: eine Nacht in der Zelle. Es ist der protestantische Geist des alten Europa, der in Gottes eigenem Land (Selbstbeschreibung) deroutiert undzu einer neuen Bigotterie führt. Und die Zügellosigkeit des Erfolgsstrebens der Puritaner, Geld als Gnade Gottes, viel Geld als Auserwählung. Was GM nutzt, kann dem Land nicht schaden. Darwin hat Unrecht und Guantanamo gibt es gar nicht. Die Genfer Konvention ist, na was? Ein mediterraner Scheiß.

Wir werden den europäischen Geist gegen den amerikanischen Ungeist stellen müssen. Die USA sind unser Bündnispartner; sie sind unsere Schutzmacht. Ich möchte nicht von Putins Gnaden leben müssen oder an der guten Laune von Maos Erben hängen oder Mullahs Gehorsam schulden. Meine Hassliebe zu den USA ist mir einiges wert. Aber das ist eine Vernunftehe, keine Liebesheirat, bis der NSA uns scheidet. Und jetzt ist Ehekrach bis die Schwarte kracht, Rosenkrieg.

Quelle: starke-meinungen.de