Logbuch
GRIECHISCHER WEIN.
Interessante Szene in einem türkischen Restaurant, das für seinen frischen Fisch einen guten Ruf genießt. Aus Jux sage ich dem vertrauten Kellner, er möge eine Flasche guten türkischen Weins aussuchen, aber nicht die Plörre, die er sonst an Touris verscheuert. Natürlich gilt, man kennt mich hier, ABC: anything but chardonnay. Er präsentiert eine Flasche Sauvignon blanc. So weit, so gut.
Als er das Etikett zeigt, kommt der Satz, über den ich noch immer sinniere. Der Wein habe einen griechischen Namen, was der Geschichte geschuldet sei, wäre aber echt türkisch. Kein griechischer Wein. Man kann dieses Wort nicht sagen, ohne dass ein Schlager von Udo Jürgens wieder wach wird, eine fünfzig Jahre alte Schnulze um das Heimweh griechischer Gastarbeiter, die damals der unerträgliche Alf Igel produzierte. Ethno-Kitsch, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Europa ist eine Geburt des Mittelmeerraums. Das sind wir dann halt alle, Türken, Griechen, Italiener: mediterrane Kulturen. Was vor der griechischen Hegemonie war, wissen wir nicht mehr so richtig, weil erst mit den Helenen die Geschichtsschreibung begann. Man erinnert aus der Schule: Alexander der Große brach nach Kleinasien auf; das ist im Osmanischen. Aber die wirkliche neue Vorherrschaft errichteten dann die Römer. Aus ihrer Zeit erinnern wir die Konkurrenz zu dem Punischen in Afrika; man zitiert bis heute Cato, der das dortige Karthago vernichtet sehen wollte. Dann das Osmanische Reich der zur See unbesiegbaren Muslime. Halb Spanien zierten Minarette. Dann Zurückeroberungen und Kreuzzüge.
Wir Germanen waren in dem historischen Hin-und-her die Barbaren jenseits des Limes. Wenn sesshaft, Bier saufend und Schweine züchtend. Barbaren halt. Ob der türkische Wein einen griechischen Namen trägt oder der griechische einen türkischen, das ist mir herzlich egal. Pervers finde ich einen Flaschenimport aus Neuseeland oder Australien. Man fliegt keinen unambitionierten Tropfen um die halbe Welt, in einem so schweren Gebinde wie einer Glaspulle. Dass wir keine amerikanischen Weine wollen und Südafrika meiden, versteht sich von selbst.
Obwohl ich keine Ahnung habe, was ein carbon footprint sein soll und nicht ausschließe, dass sich dahinter bloße Symbolpolitik verbirgt, unterlasse ich offensichtlichen Unsinn. Dazu gehören dann auch Rosen aus Bolivien und chinesische Tomaten. Aus Singapur höre ich, dass man dort schwere französische Rotweine der Qualität Petrus serviert, indem man sie in großen Gläsern mit Coca Cola auffüllt. Die Barbaren unserer Tage, das sind nicht wir.
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SCHLAFMASCHINEN MIT KAKAO.
In der Hotelbranche hat ein neuer Trend Platz gegriffen, der in kleinsten Zimmern ein riesengroßes Bett bietet und sonst fast nichts. Dem so auf das Wesentliche beschränkten Gast lockt eine großzügige Lobby und ein Billigpreis, meinst unter hundert Euro. Ich habe, was ich will, nämlich vier bis sechs ordentliche Kopfkissen und eine Bar, die niemals schließt. Die neuen Wohnmaschinen legen Wert auf ein schlankes Management und ein radikal reduziertes Angebot. Easy go.
Man nennt sich Motel One und The Cloud oder aus englischer Hand Premier Inn. Und man sollte erwarten, dass hier jener Teil der Reisenden übernachtet, bei dem die Kasse etwas knapper ist. Nicht gerade Rucksacktouristen, aber doch eben kleine Leute. Ich schlendre durch die Parkgarage eines Hamburger Hauses dieser Kette und staune. Vom Stock -1 bis runter zu -6 ausschließlich Fahrzeuge der Oberklasse. Hier parken Leute, die durchaus Geld haben und das auch zeigen wollen. Warum machen die Budgeting? Ich habe eine Vermutung.
Diese Klientel ist das piefige Palaver leid, das Fünfsterner um ihre abgerockten Betten in Junior Suiten machen, in denen eine versüffte Minibar die ganz Nacht brummt und der Blick auf die Promenade mit dem Dreifachen zu entlohnen ist. Die Öffnungszeiten von Restaurant und Bar sind komplizierter als jeder Behördenalltag. Der Ober ein Pinsel und das Angebot an Convenience Food schlicht Wucher. Die ganze Bude riecht nach Heinz Rühmann.
Der erfahrene Handlungsreisende weiß ohnehin, dass der Niedergang des Hoteliergewerbes mit der Trennung von Schlaf- und Beischlafgelegenheit begann. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Ich bin an der Alster meines Lieblingshotels verlustig gegangen, weil die Besitzerfamilie, in zweiter Generation geschieden, sich ihre Kinder mittels Organisierter Kriminalität gegenseitig entführt und laut Boulevardpresse mit ihren halbseidenen Unterstützern bei Gericht liegt. Im Restaurant dinieren mittlerweile Jackenjungs, wenn man bitte erahnen möchte, was ich meine. Nicht so ganz meine Welt; jedenfalls verkehren hier keine Hanseaten, die bei Ladage & Oelke kaufen.
Was sage ich? Das Bürgertum kauft heutzutage bei ALDI. Und fährt vor im dicken AUDI. Es tankt bei JET, weil ihm ESSO stinkt. Man trägt den Pelz nach innen. Übrigens kostet ein erstklassiger Gin&Tonic mit Elefant Orange Cacao Gin im MOTEL ONE keine 15 €. Von dem, was Du beim Übernachtungspreis gespart hast, kannst Du Dir gut gerne zwanzig G&T leisten; das sind 120 cl Gin mit einem wunderbaren Kakao-Aroma.
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VERFASSUNGSSCHUTZ.
Die politischen Parteien streiten sich um die Besetzung eines hohen Gerichts; die Kandidaten dafür müssen im Parlament mit großer Mehrheit gewählt werden, damit keine seltenen Vögel in die Robe kommen. Da wäre es klug, solche Juristen vorzuschlagen, deren Persönlichkeit und bisheriges Wirken gesichert eine breite Zustimmung findet. Das ist mit einer einzelnen Dame nicht gelungen. Der Rest sind Intrigen und Gezänk.
Das Verfassungsgericht, um das es hier geht, hält sich selbst für unser höchstes Gremium; im Amerikanischen deshalb „Supreme Court“ genannt. Es soll die Rechte der Parlamente beschneiden dürfen, indem es deren Entscheidungen widerrufen kann, wenn es sie im Widerspruch zur Verfassung sieht. Man kann das als das Recht sehen, die Gewaltenteilung aufzuheben. Ich sehe diese Institution ohnehin eher kritisch. Soviel Macht möchte man aber auf keinen Fall bei schrägen Vögeln sehen.
Es könnte eine gewisse Weisheit darin liegen, die Roten Roben nach parteipolitischem Proporz zu verteilen, aber immer zu verlangen, dass auch die anderen Entsender der jeweiligen Wahl der Person nach zustimmen müssen. Wg. Vermeidung brauner oder blauer Vögel in roter Robe. Die Ernennung bleibt dann trotzdem ein Politikum, aber mit einer gewissen Chance, dass Mitte und Maß sachwalten. So wie bei einer Änderung der Verfassung, wo es eine breite Mehrheit im Parlament braucht.
So könnte das alles also abgehandelt werden, was der widerwärtige Jens Spahn zur Schmierenkomödie verkommen lässt, wohl auch um von seiner Amtsführung als Gesundheitsminister und seinen privaten Aventüren abzulenken. Ich stimme dem BILD-Autor Peter Tiede zu, der ihn in klaren Worten in den Senkel stellt.
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Mutti hat fertig
Merkels Nachfolgerin weiß, die Union hat sich im Bund zu Tode gesiegt. Merkel ist schachmatt, sie hat über Freund und Feind triumphiert, one-to-many. Die Regierungsbildung liegt in Händen von Sigmar Gabriel. Und der macht das nicht schlecht.
Im Zeitalter von Stuttgart 21 kann man wissen, dass Partizipation alles ist. Die SPD und ihre Mitglieder wollen teilhaben an der Regierungsbildung. Sie werden es. Der Mitgliederentscheid ist im Rohr. Wer Zweifel am Kalkül Gabriels hat, darf sich durch das Aufbegehren seiner Gegner belehren lassen. Horst Seehofer heult auf, das könne man doch wie früher im Hinterzimmer machen. Merkels Nachfolgerin Julia Klöckner hebt warnend den Finger: Dieser Populismus rieche nach Trickserei. Die Union fürchtet eine Regierungsfähigkeit der Bundestagsmehrheit von Rot-Rot-Grün. Dann weiß Merkel endgültig, wo Pyrrhus liegt.
Wer ist Julia Klöckner? Die rheinland-pfälzische Vorsitzende der CDU, ledig, landestypisch Winzertochter und Weinkönigin, einst Studentin der katholischen Theologie, steht ex Mainz lauernd in der zweiten Reihe der Konservativen im Bund und bereitet sich auf den Abgang der ersten vor. Während Wolfgang Schäuble als Merkels Minenhund SPD wie Grüne mit einer Steuererhöhung zu locken sucht, weiß Klöckner, dass auf einem so baldigen Bruch des Wahlversprechens kein Segen liegen kann.
Auch die Prinzipienlosigkeit einer Angela Merkel kann eine Grenze erreichen, an der der schlanke Wahlbetrug unübersehbar wird. Denn auch das lehrt das Exempel der FDP: Der Wähler ist geduldig, aber nicht doof. Am Ende hatte er für die gelben Wahlbetrüger nur noch Häme.
Insider in der Hauptstadt sind sich sicher, dass es Klöckner wird. Sie steht in höchster Gunst. Und ihrer Ziehmutter Merkel traut man nur eine halbe Legislaturperiode bis zum Rücktritt zu. Schon heute geriert die Weinkönigin sich in der Presse als die Modeberaterin Merkels. Deren Schmuck stamme, nachdem sie um Rat gebeten worden sei, aus ihrem Wahlkreis in der Pfalz. Selbst die seit dem TV-Duell berühmte „Schland-Kette“ am Merkelschen Kropf rechnet sich Klöckner zu. In den einschlägigen Clubs Berlins rühmt sich der Spin Doctor Axel Wallrabenstein, als Kanzlermacher wieder einen Jungstar der CDU zu beraten. „Julia macht es“, hört man an der Spree, an der die ledige Weinkönigin eine Twitter-Gemeinschaft zum Hofstaat aufgebaut hat.
Merkel wird Chefin in einer Koalition von Gabriels Gnaden und hat den blitzgescheiten Thomas Oppermann als Finanzminister als Vize am Hals, der mit der Macht des Bundesrates zu drohen weiß. Oder sie schaut einer rot-rot-grünen Regierung von den Oppositionsbänken zu, einer Chaostruppe, die aber im Bundesrat alles durchkriegt. Der Kater nach dem Sieg über Feind und Freund ist heftig. Angies Laune, sagen wir es klar, ist im Eimer. Ob es angesichts dieser protestantischen Trübsal dann die katholische Fröhlichkeit einer Weinkönigin richtet? Man verlege den Korkenzieher nicht. Er wird noch gebraucht.
Quelle: starke-meinungen.de