Logbuch

EINE GUTE NACHT.

„Come and lie down by my side
'Til the early morning light
All I'm takin' is your time
Help me make it through the night

I don't care what's right or wrong
And I won't try to understand
Let the devil take tomorrow
Lord, tonight I need a friend.“

Warum schlafen wir? Das gilt ja wohl für alle Lebewesen, jedenfalls die Säugetiere, dass sie eines Ruhezustandes bedürfen. Die Annahme, dass dies mit der Erdrotation, also der Abfolge von Tag und Nacht, zusammenhänge, ist so plausibel wie leichtfertig. Denn die biologische Evolution kennt keine klare Logik von Ursache und Wirkung. Jedenfalls ist Schlafentzug Folter. Wir brauchen das süße Gift des Einschlafens und, wenn es eben geht, eine ruhige Nacht.

Für manche ist die Länge der Nacht auch eine Bedrohung. Es gibt dieses amerikanische Liebeslied, in dem das Paar sich den Wunsch erfüllt, es zusammen durch die Nacht zu schaffen; am besten von dem Countrymusiker und der kahlköpfigen Irin. Natürlich verbindet sich mit dem nächtlichen Bett auch die Romantik der Fortpflanzung und ihrer Derivate. Idylle der Zweisamkeit.

Freud sprach in seiner Traumdeutung von Tagesresten, die den Inhalt der Träume bestimmen. Überhaupt nutzt unser Rechner wohl die Zeit zur Nachbearbeitung der Eindrücke des Tages und kämpft gegen tiefe Gelüste wie Ängste, die im mentalen Untergrund hausen. Nach einer guten Nacht fühlt man sich wieder im inneren Gleichgewicht. Der Tag kann kommen.

In den großen Städten der Moderne hat die Straßenlaterne die Finsternis vertrieben und eine neue Jahreszeit eröffnet, das Nachtleben. Dem konnten die Menschen auf dem Land nichts abgewinnen, für die vor dem ersten Sonnenstrahl schon Tag war. Und die Schichtarbeiter, deren Leben die Fabrikglocke beherrschte. Mein Großvater väterlicherseits hat sein gesamtes Erwerbsleben auf dem Pütt Nachtschicht verfahren.

Im Handelsblatt lese ich gerade die Klage einer jungen Frau, die als erbende Stahlbaronin darüber lamentiert, dass man für die Hütte keine Schichtarbeiter mehr finde, obwohl es doch so lukrative Zuschläge gebe. Und darüber wird Klage geführt, dass der Strompreis zu hoch sei, insbesondere in der Dunkelflaute. Späte Einsicht einer Unbelehrten, deren Vater schon unbelehrbar war.

Nachts scheint die Sonne nicht; da bin ich sicher, vielleicht bläst der Wind. Aber auch da habe ich Zweifel. Es fehlt uns zudem des Feuers Macht. Jedenfalls kommt der Kohlefrachter aus Rotterdam nicht an die Saar, wenn die Moselschleuse zu schanden gefahren ist. Oder sibirisches Gas in die heimische Therme, wenn die Leitung gesprengt. Nicht mal die Kerne spalten sich noch und sorgen für Dampf in den Turbinen. Nach dem Wort des Jahres gefragt, habe ich Dunkelflaute vorgeschlagen. Keine gute Nacht.

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CHRISTI GEBURT.

Man diskutiert gerade unter grünen Politikern, ob Jesus Palästinenser war. Man merkt die Absicht und ist verstimmt. Hier wird wieder Antisemitismus geflaggt. Er war Jude. Strittig ist zwischen Christen und Juden nur, ob sein Anspruch, auch der Messias zu sein, zutrifft. Ihm ein Küchentuch umzuhängen und zum Urvater des Terrors zu machen, das ist ein Frevel. Ich sehe diese vulgäre Wende gegen meinen Religionsstifter mit einigem Befremden.

Dabei bin ich religiös eher unmusikalisch. Wenn ich heute eine Kirche betrete, so die der Dominikaner. Als Knabe konnte ich die Weihnachtsgeschichte auswendig dahersagen, eine gekürzte Version nach Lukas, und war damit ein Star des Heiligen Abends. Meine Eltern waren ohne religiösen Eifer, aber Christen; sie stammten aus dem Katholischen und einer ominösen protestantischen Sekte namens „die Versammlung“ und hatten sich bei Eheschließung „auf der Mitte getroffen“, sprich in der evangelischen Amtskirche, in der ich getauft und konfirmiert wurde. Bei den Pfadfindern galt man was, wenn bibelfest, also las ich viel.

Ob das nun ein schlecht editiertes Konvolut von Erinnerungen Missionswilliger war, die Bibel, oder Gottes Wort im wörtlichen Sinne, war für mich keine Frage; immer hielt ich die naive Laienexegese für ein großes Übel. Das in Amerika notorische Evangelikale, das willkürliche Herauspicken von Formulierungen und deren Deutung mittels freier Assoziation, das ist intellektuell schlicht eine Barbarei. Aber es gilt auch für mich Luthers Weisung: „Das Wort sie solln lassen staan!“

Was also wollen wir festhalten, heute, wo auch die Marxisten so lieb sind wie die Christen? Ich erspare uns den Witz mit der Verwandlung von Wasser in Wein. Meine Lieblingsgeschichte ist die sogenannte Tempelreinigung. Johannes berichtet, dass Jesus gegen den Kommerz im Jerusalemer Tempel aufbegehrte, in dem Opfertiere gehandelt wurden und Geldwechsler ihr Geschäft betrieben. Er warf sie wütend raus.

Religion ist eine Sache des persönlichen Glaubens, also privat. Man trenne Glauben von Geschäft und Gebet von Macht. Wenn das ein Gebot der Christen ist, so stellt es sich zu Zeiten Jesu gegen die zeitgenössischen Juden. Sicher steht es im Gegensatz zum Koran, der den seinen im 7. Jahrhundert nach Christi Geburt offenbart wurde, jedenfalls gegen Vorstellungen vom Gottesstaat. Aber davon reden wir heute nicht, da wir auf einen Stall in Bethlehem blicken, auf einen Ort, an dem David geboren wurde und der Nazarener Jesus. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens“ (Lukas 2:14).

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SAMTKRAGEN.

Weil gefragt wurde: Man nehme im gefrorenen Glas einen doppelten Korn (das meint 4cl Korn zu 32 Umdrehungen, es meint nicht einen Doppelkorn) und setze über einen umgedrehten Löffel einen hochprozentigen Bonnekamp (48 Percent, zum Beispiel Underberg) vorsichtig auf. Stürzen, bevor der Samtkragen ins Klare diffundiert. Macht einen klaren Kopf und heilen Magen. In Maßen genießen, nicht in Massen. Heißt im Revier STAHL&EISEN. Glückauf!

Wir müssen jetzt mal unser Schulenglisch ein wenig auffrischen. Wenn man einen Kater hat, spricht der Inglese von „hang over“, eigentlich Überhang, aber eben der gängige Begriff für den Morgen danach. Prosecco vorne weg, Wein zum Essen, Likör zum Dessert, Bier zum Billard, Whisky zum Schluss. Am nächsten Morgen Sodbrennen und einen Mörder Schädel. Normal.

Wen aber nun noch schlechte Laune ereilt, Sorge und Angst, im Englischen „anxiety“, der hat, jetzt kommt es, HANGXIETY, als Begriff eine Kontraktionsform aus „hang over“ und „anxiety“. Bevor wir nun ins Neurologische absteigen: Es geht darum, für wenn man sich nach der „Über-Erfrischung“ (sagt der Schwede so) richtig scheiße fühlt und einen Moralischen kriegt. How to treat hangxiety.

Die von mir geschätzte TIMES geht dieser Frage gerade nach. Ein Neurologe wird bemüht, der die fehlende Balance von Botenstoffen ins Feld führt. Der Allohol führt zu einer Entspannung, die das Hirn bald als gefährlich empfindet und mittels Überproduktion seines Antipoden auszugleichen sucht. Wenn aber nun der Allohol schon abgebaut ist, die Euphorie also beendet, und die Glutamat genannten Botenstoffe noch immer produziert werden, dann geht die Stimmung ärschlings. Sagt der Doc in der TIMES. Man hat Kater oder eben HANGXIETY.

Die Ratschläge erspare ich uns. Nichts Hochprozentiges, kein Fizz, vorher fett essen und so weiter. Denn der Kern der Wissenschaft ist, man kriegt den Kater nicht vom Saufen, sondern davon, dass man plötzlich aufhört, das eigene Hirn das aber noch nicht einsieht. Der Entzug ist das Problem. Womit wir bei den Archetypen des Suffs sind.

Im finno-ugrischen Alkokolgürtel ist Trinkziel eine tiefe Ohnmacht („Filmriss“), während im mediterranen Typus das Genie in der Verzögerung liegt, mit der das Sprachzentrum getroffen wird; man säuft sich palavernd durch den Tag und dann die Nacht. Daher die Beliebtheit des Latin Lover in der Damenwelt; er kann länger. Und zwar labern. Die einschlägige Warnhinweise überlasse ich nun den Kommentatoren.

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Nach der Wahl: Katerstimmung allerseits; mir ist übel

Die Würfel sind gefallen. Der Wähler hat gesprochen. Seinen Willen soll nun das Parlament so umsetzen, dass eine handlungsfähige Regierung möglich wird, die den Volkswillen abbildet. Aus dem Willen der Vielen soll nun der Wille aller werden, das Gemeinwohl. Was aber hat uns der Souverän mit seinen Kreuzchen auf den Wahlzetteln sagen wollen?

Wir haben gelernt, dass die Streithähne Schröder und Lafontaine die Sozialdemokratie so nachhaltig in SPD und LINKE gespalten haben, dass es frühestens bei der nächsten Bundestagswahl zu einer gemeinsamen Regierungsverantwortung von SED-Nachfolgern, linkssektiererischen Wessis und Labour (vulgo: Rot+Rot) kommen kann. Das ist Parteiengezänk, nicht Staatsbürgerpflicht.

Zum eher linken Lager der politischen Republik wird man weite Teile der Grünen rechnen können. Die Addierung von Rot, Rot und Grün hat schon jetzt die Mehrheit. An der Erkenntnis, dass die parteipolitische Mehrheit meines Vaterlandes seit der Wiedervereinigung strukturell links der Mitte steht, geht kein Weg vorbei. Alle Parteien versuchen das vergessen zu machen, außer Gysi, der auf dem Strich geht.

Eine Mehrheit rechts der Mitte könnte durch Schwarz-Grün entstehen, vielleicht noch unter Zuhilfenahme der sogenannten Alternative für Deutschland, den Euro-Gegnern. Zu einer schlichten Spaltung der Grünen kann es aber über Nacht kommen, wenn sich die Öko-Partei in die Arme der Konservativen wirft. Die Opportunistin Merkel kriegt das hin, die gelernten Kommunisten Trittinscher Prägung nicht. Das zerreißt  die Grünen, eigentlich eine FDP für Körnerfresser.

Die Union wird die Nase gerade über Wasser halten; regieren wird sie auch über den Tag hinaus können, wenn die leere Hülle namens FDP nicht implodiert und sie die Rechtspopulisten von der Anti-Euro-Front klein halten kann. Mitten in der nächsten Legislaturperiode wird Frau Merkel ohnehin zurücktreten und den Platz etwa für Julia Klöckner räumen. Zeitgleich gibt Seehofer an die Söder-Konkurrentin ab, deren Namen ich mir nicht merken kann.

Sprechen wir es aus: Es droht eine Große Koalition. Ich fände das ekelhaft. Der Talkmaster Lanz hat dieses Attribut, das ich in seiner Sendung zu äußern wagte, mit aller Autorität zurückgewiesen. Ich bin darauf noch mal in mich gegangen und habe kühlen Kopfes erwogen, was ich von einer Großen Koalition halte. Nun, mein abgewogenes Urteil: Ich finde sie unsäglich. Deutlich genug? Eine parlamentarische Demokratie gibt sich durch solche Koalitionen selbst auf.

Es gilt das Seehofer-Motto: Meine Ein-Partei-Koalition besteht im Bündnis mit den Bürgern meines Landes. Er kennt keine Parteien mehr, nur noch Bayern. Der Satz, dass man keine Parteien mehr kenne, nur noch Deutsche, hat uns vor fast hundert Jahren in einen Krieg geführt. Deutschland steht gut da, das soll so bleiben. Weil am deutschen Wesen…Alternativlos.

Politik ist nie alternativlos. Erst mit dem Erreichen von Alternativen beginnt Politik. Die dreisteste Form der Demagogie besteht in der apodiktischen Setzung: Was wir machen, diktiert die Sache und ist ohne Alternativen. Diese infame Ideologie der Ideologielosigkeit setzt die politische Kontroverse unter Valium, um unbeobachtet Klientelpolitik machen zu können. Das gefährdet die Grundlage jeder deliberativen Demokratie. Ekelhaft.

Quelle: starke-meinungen.de