Logbuch
DAS NARRA TIEF.
Es feiern die Frohnaturen. Heute ist Schwerdonnerstag, auch Weiberfastnacht genannt. Im Rheinland schneiden jecke Frauen mit Scheren den Männern die Schlipse ab, was als Akt der Emanzipation gilt; das ist Latein und heißt „Aus der Hand nehmen“, gemeint ist die Macht. Für einen Tag stürmen kostümierte Damen am Schmotzigen Donnerstag symbolisch die Rathäuser in Städten des Karnevals. Die sinnbildlich kastrierten und damit abgesetzten Herren erhalten als Belohnung keusche Küsse, Bützchen genannt. Man trinkt Killepitsch und Kleiner Feigling.
Die im Brauchtum ausgesetzte Moral der Möhnen hat Ausdruck im Liedgut gefunden: „...du darfst mich lieben für drei tolle Tage, du musst mich küssen, das ist deine Pflicht, du kannst mir alles, alles Schöne sagen, nur nach dem Namen frag mich bitte, bitte nicht.“ Ich bin kein Karnevalist, aber ich verstehe, was Karneval ist. Der regelmäßige Anstieg der Geburtenrate spricht ja auch eine klare Sprache. Die Story ist klar. Und wie jede gute Geschichte hat sie eine lange Tradition, tiefe Sehnsüchte und einen ganz pragmatischen Charme. Der Karneval hat keine Probleme mit seinem Narrativ.
Wer Geschichten erzählen kann, dem wird gedankt, dass die Sache einen Anfang und ein Ende hat, einen Spannungsbogen und mindestens eine großartige Pointe. Man kommt zum Höhepunkt. Auch die Schwätzer nennen das heutzutage ein Narrativ; vom Lateinischen „narrare“, was erzählen können meint. Obacht! Man kennt es von dem elenden Witzeerzähler im Bekanntenkreis: Nicht jeder, der etwas sabbelt, ist deshalb ein guter Erzähler. Ganz im Gegenteil, vieles bleibt banal.
Ich erlebe gestern, wie ein Regionalpolitiker versucht die Identität seiner Region zu beschreiben und dabei mit einem Katalog von Attributen agiert, die abgeschmackte Hochwertvokabeln aus aller Welt paraphrasieren und nichts, aber auch gar nichts von einer tollen Geschichte haben. Gleichwohl nennt er den schalen Nachgeschmack hübscher Worthülsen ein neues Narrativ. Das ist bitter. Es soll zugleich ein altes Narrativ entkräftet werden, das aber, obwohl schon in den Jahren, eine Geschichte erzählt. Dagegen ist die neue Narration leider nicht tief. Kein Narrativ.
Lassen Sie mich die gute Geschichte mit einem tollen Kostüm vergleichen; es gibt sie, wenn auch selten, die tolle Verkleidung. Vieles aber, was die Weiber heute tragen, ist halt nur alberner Driss. Das gleiche gilt für die Büttenredner. Große Erzähler sehr selten. Es ist eine Göttergabe. Wenige haben sie und viele eben nicht. Wo wir gerade über „aus der Hand nehmen“ reden, ich sammle heute Scheren ein; mit mir nicht. Hier wird nicht gebützt. Ich bin keine rheinische Frohnatur.
Logbuch
HINTERZIMMER.
Das Wichtigste auf einer Messe ist der Messe-Anzug, ein Maß-Anzug, von der gehobenen Art, der die Bärbel Bas böse macht und die Messe-Hostessen die Augen aufschlagen. Nur Messis tragen auf der Messe Jogginghose. Eh klar, oder?
Die eigentlich beschauliche Messe in Essen hat es mit einer Energie-Ausstellung namens E-World zu einigem Ruhm gebracht; die Hallen an der Gruga sind voll mit Nerds und Nobodies. Aber auch die Dickschiffe stellen aus, die Shell sehe ich, BP und ein Wesen, das UniPair heißt, wozu wir noch mal am Schluss kommen.
Eine Ausstellung soll etwas ausstellen. Tut sie aber nicht. Vielleicht mit Ausnahme all jener Stehhocker unterschiedlichster Provenienz, auf denen niemand wirklich sitzen kann. Die Biester orthopädischer Unzulänglichkeit stehen rund um Stehtische, auf die man nichts wirklich ablegen kann. Dieser Exzess der Ungastlichkeit findet hundertfach statt, auf großen Ständen wie in kleinen Buden. Sie alle wollen dem anlandenden Kunden vor allem eines klar machen: Schön, dass Du da warst. Und jetzt, mach, dass Du weiterkommst! Verweile nicht, Du Wicht!
Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Wer wirklich wichtig, der wird eingeladen ins Hinterzimmer, wo ein Sternekoch Köstlichkeiten frivolster kulinarischer Art bereithält. Dagegen ist der Wasserkocher Sven Elberfeld aus Wuppertal profan. Sterneküche! Das Chambre séparée ist der Clou des Messebaus. Ich muss zugeben, dass ich mir auf diesem oder jenen Automobilsalon da auch schon mal Extravaganzen erlaubt habe. Die Ausstellung wird nämlich nicht berühmt durch das, was sie ausstellt, sondern durch das, was sie verbirgt.
Besonders raffiniert in Essen eine Firma namens UniPair, deren Stand haushohes Timber Framing bietet und Wellblech aus transparentem Plastik, so dass der Nicht-Eingeladene erahnen kann, wovon man ihn ausgeladen hat. Du kommst hier nicht rein, Alta! Ich flaniere um das Monstrum im Messewesen und staune darüber, wo ich nicht zugelassen.
Bis ein junger Mann am Rand des Standes mich anspricht. Ihm gefalle mein Anzug, ob der irisch sei oder schottisch. Zack, bin ich drin. Was sage ich? Kleider machen Leute.
Logbuch
BELEHRT & BESCHENKT.
Man lernt nie aus. Der Umgang mit der allseitigen Pejoration („hate speech“) in den Sozialen eröffnet dem Demütigen oft Lehrreiches. So, wenn ich mal, was ich selten tue, ein kritisches Wort zu einem Professor sage, der nicht immer sportlich ist und fair spielt, sondern auch schon mal bolzt.
Jüngst inszenierte er mal wieder seinen Trübsinn zu einem Götterzeichen der Dekadenz, der er mit Heldenmut zu widerstehen gedenke. Pathetische Pose der Rechten. Er feiert sich so sehr als Widerstandskämpfer, dass ich ein einzelnes Wort als Kommentar anfügen, nämlich PATHOS. Unter Gentlemen gilt „to be pathetic“ nicht als Lob.
Jetzt die wirklich geniale Erwiderung. Der beleidigte Professor spricht replizierend davon, dass der mir anhängende BATHOS das schon ausgleichen werde. Den Begriff kannte ich nicht; ich habe nachsehen müssen. Jetzt bin ich um ein wunderbares Wort reicher. Belehrt und beschenkt.
BATHOS ist der Stilbruch, mit dem ein hoher Ton in etwas Banalem endet. Wenn die pathetische Pose penibel und peinlich wird. Als Tiger gesprungen, als Bettvorleger gelandet. Das gefällt mir sehr. Ich bin Kabarettist; ich traue den hohen Tönen notorisch nicht. Mein Lieblingswitz ist die einschlägige Programmankündigung: „Und heute Abend sinkt für Sie, das Niveau!“
Noch nie, hat P. T. Barnum, der Chef eines großen Zirkus, gesagt, ist eine Kunst daran gescheitert, dass die ihr Publikum unterschätzt hätte. Zirkus Bathos; das gefällt mir sogar sehr. Da fällt mir ein, ich wollte den Roman TYLL von Daniel Kehlmann weiterlesen, den ich kürzlich beiseite gelegt hatte. Eulenspiegel.
Logbuch
Die Grünen im freien Fall: Der Wähler flieht vor dem Spinat-Diktat
Das Wort von der Tugenddiktatur ist ein Kompositum; es besteht aus zwei Teilen. Es erzählt mit Pathos von der Tugend. Und davon, wie sich deren Wächter die Umsetzung vorstellen. Auch die Französische Revolution begann mit Liedern auf die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und wendete sich alsbald zum blutigen Terror. Wie bei allen Volksverführungen soll der Glanz der hehren Idee über die Niederungen der Wirklichkeit hinwegtäuschen. Moral in der Politik ist immer Doppelmoral. Die Grünen treiben dieses Prinzip zum Exzess.
Es geht jüngst um den Veggie-Day, den Plan eines allwöchentlichen Rituals der Zwangsernährung rechtsmündiger Erwachsener mit Gemüse, das hoheitlich erzwungen werden soll. Schon heute kann jeder Vegetarier oder Veganer oder wie die Salatfresser alle heißen mögen, in jeder Kantine dem vermaledeiten Schnitzel und der Currywurst ausweichen und jedwedes Kaninchenfutter zu seiner Ernährung wählen. Es geht also nicht darum, dass man tierische Produkte nicht vermeiden kann, wenn man dies so will, sondern darum, dass man dazu gezwungen werden soll. Tugenddiktatur, die Doppelmoral der Grünen.
Die Vorstellung des Tugendsamen, von welchem Fanatiker religiösen oder ideologischen Ursprungs auch immer ersonnen, setzt den verachtenswerten Sünder voraus. Wer erhobenen Hauptes auf seine Mitmenschen herabzusehen gedenkt, braucht jene, die man als erbärmlich brandmarken kann. Das sind den BulimikerInnen der Ökos die Adipösen des Subproletariats, die den Versuchungen von McDoof und WürgerKing nicht widerstehen können und Fleisch fressen, bis ihnen die Augen zuwachsen.
Das Mitgefühl mit fehlernährten Fettleibigen hielte sich noch in Grenzen. Das ist nicht die Klientel der Grünen. Es geht eigentlich nicht um die armen Sünder mit den geblähten Leibern, sondern um die Mitgeschöpfe aus der Massentierhaltung, die ihr Leben für Steak und Hamburger lassen müssen. Und um Mutter Natur selbst, die ja im tropischen Regenwald wohnt und dort herausgeforstet wird, weil die Menschen sich sittenwidriger Weise von Pilzsammlern zu Farmern wandeln.
Es geht beim Stimmenverlust der Grünen um den Veggie-Day, der diesen Teufelskreis rund um den Verzehr von tierischem Eiweiß zu unterbrechen weiß. Die Zwangsernährung mit Grünkohl und Löwenzahnsalat knüpft in der Heilserwartung an das segensreiche Heilfasten an und verspricht uns jene Metaphysik, die der Muselmann während des Ramadan hat und die Christen am Freitag, dem Todestag ihres Religionsstifters. Die jahrhundertelange katholische Doppelmoral um Starkbier in der Fastenzeit und Maultaschen, die als „Herrgottsbescheißerle“ das Fleisch in Teigtaschen verbergen, wird von den Grünen gebrochen. Hier herrscht der protestantische Furor: Veggie-Day als Hoheitsakt.
Veggie-Day mag eine alberne Episode sein. Für die Öffentlichkeit war dies ein Symbol weitgehender Bedeutung. Pars pro toto: Es hat sich gezeigt, wo die Reise mit diesen Herrschaften hingeht. Das Spinat-Diktat hat die grüne Maske heruntergerissen und wir blicken in die Fratze einer Diktatur. Man gebe Diktatoren keine Macht, auch wenn sie glühende Vegetarier sind und es nur gut mit uns meinen, den Schweinen und dem Regenwald. Das haben sie immer alle gesagt, dass sie es nur gut mit uns meinen. Jede Diktatur verbirgt sich hinter ihren Tugenden.
Quelle: starke-meinungen.de