Logbuch

HELDIN VON MORGEN.

Man kennt Michelle O‘Neill hierzulande nicht. Dabei könnte sie die bedeutendste Politikerin Europas werden. Sie könnte die gesamte irische Insel als neuen europäischen Nationalstaat begründen. Der Exit für den Brexit.

So vieles muss man historisch wissen, um zu verstehen, was die Iren von den Engländer trennt, deren Reich ja korrekt so heißt: „Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland“. Wer hat noch in Erinnerung, dass SINN FEIN einen terroristischen Kampf gegen die englischen Imperialisten in Ulster (Nordirland) und England führte. Ein veritabler BÜRGERKRIEG, mit Militärischen Mitteln auf der einen und Guerilla-Methoden auf der anderen. Viel Blut ist geflossen, viel tiefer Hass bis heute geblieben.

Da weckt die Geschichte die WORKING CLASS HEROES. Jetzt will ein Kind dieser Terroristen (englische Perspektive) als Heldin der Nationalisten (irische Perspektive) in das von den orangenen Unionisten (die zum Königreich loyalen Nordiren) bestimmte Nordirland einen FRIEDEN bringen, der die WIEDERVEREINIGUNG des europäischen Teils im Süden mit dem ehemals britischen im Norden möglich werden lässt. Das ist für Europa so bedeutend wie 1989 der Mauerfall für Deutschland.

Ich breche mir bei der Formulierung die Arme, weil ich den alten Konflikt nicht mit Begriffen der Religion beschreiben will. Es geht nicht um religiöse Fragen. Oder politische Ambitionen der EU. Denn hier würde keine katholisches EU-Mitglied sein Territorium erweitern; es würde ein alter kolonialistischer Wahnsinn der Engländer beendet; das schon eher. Frieden ist möglich, er folgt auf Waffenstillstand.

Vor allem aber hätten die Westminster-Bourgeoise unter dem rechten Clown Boris Johnson und seinen dekadenten Oxbridge-Kumpanen ihren Brexit-Wahn der SPLENDID ISOLATION endgültig zerlegt. Eine wirtschaftlich blühendes Irland, eine europäisch orientierte Demokratie, ein versöhnter Bürgerkrieg… das alles wäre schon was. In diesen Zeiten. Michelle könnte das. Ich kenn sie aus Belfast und ich glaube, dass sie das Zeug zu einer solchen HELDIN hat. Man nehme das bitte auf Wiedervorlage!

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VERLOGENE VERLUSTANZEIGE.

„Ich bin der Welt abhandengekommen.“ Ein berühmtes Wort. Warum nur? Welch ein schwülstiger Quatsch, diese Weltflucht. Ob sie ihn jetzt wohl vermisst, die Welt?

Erstens eine Zufallszeile eines elenden Vielschreibers. Zweitens aus einem Buhlschreiben; er wollte eine Angebetete rumkriegen, der Herr Skribent. Drittens die notorische leere Drohung mit dem eigenen Tod. Viertens böhmisch vertont.

Es gibt ja große Stücke von Gustav Mahler. Aber seine LIEDER? Elend. Das ist vielleicht das Schlimmste, wie ein Tenor oder Bariton die Mahlersche Vertonung vorträgt: Iiiich binnn derrr Wäält abhandengekommen… Überhaupt sollte man Tenöre verbieten. Und Baritone. Liederabende, das ist so was von 19. Jahrhundert. Furchtbar.

Weltflucht also. Der Welt Gewimmel sei er entflohen. Und wohin? In sein Lied und seine Lieb. Man glaubt es nicht, der brünftige Troubadour. Was so ein Hormonstau alles anrichtet. Sentimentales Zeug. Also, der Beethoven war klasse gestern, der Schubert großartig. Und der Wein, ein Sauvignon Blanc, kalt genug und damit trinkbar. Dazu kleiner Schnittchenteller für 9,50€, kann man nicht meckern.

Wenn nur dieses „Ich bin der Welt abhandengekommen“ nicht gewesen wäre. Der Welt Gewimmel entflohen. Paaah. Ach so, und alles ohne Maske. Das lobe ich sehr. Endlich wieder ohne Maske in die Philharmonie. Also doch: Der Welt entflohen.

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BASAR.

Über die Angemessenheit eines Preises soll, so will es der Basar, wortreich verhandelt werden. Ein Ritual. Sonst kommt der Verkäufer nicht in den Schlaf; er könnte zu wenig verlangt haben.

Als Student habe ich meine Autos im Essener Norden in einem Autokino vertickt. Da konnte man was lernen. „Alta, was letzte Preis?“ So die Ansage der Profis unter den Privaten. Mir fiel auf, dass die des morgens mit Frühstücksbeuteln der Lufthansa Business aufschlugen, einem Düsseldorfer Taxi entsteigend.

Die Herren kauften und verkauften an einem Vormittag mehrere Schüsseln und fuhren, um einiges reicher, mit der Droschke schließlich wieder zum Flughafen zurück. Das ist das, was Jahre später die Plattform MOBILE.DE digital ermöglicht: Man ermittelt Unter-Niveau-Preise. Das Wunder des Delta (der Differenz vom Einkaufs- und Verkaufspreis). Und das Ritual des Verhandelns mit einem ständigen Hin und Her. Man droht zu gehen, bleibt dann doch. Große Gestik. Ein Ehrenritual.

Ich verhandle heutzutage nicht mehr, wenn ich mir einen Spaß machen will. Ich zahle den angeschriebenen Preis. Das verstört den Basarverkäufer tief. Warum nur? Es geht ihm gegen seine Ehre, dass man nicht mit ihm ringt. Nun gut. Vor allem aber fürchtet er, dass er, angesichts der spontanen Zustimmung, noch mehr hätte nehmen können. Dieser vermeintlich entgangene Gewinn, der wird seine Seele sehr lange quälen.

Solchen Schabernack hörte ich fern von meiner Geschichte.

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QUAX DER BRUCHPILOT.

Unter den Schlapphüten (Nachrichtendienstler, Geheimagenten, Verfassungsschützer) da heißen die besonders wichtigen „Einflussagenten“, weil sie einen ebensolchen haben. Natürlich zählt dabei nicht der Bäcker von der Ecke oder der Kegelbruder, sondern nur eine hochgestellte Persönlichkeit. Sagen wir: der nächste Papst. Wer den näher kennt, der gilt was; weil er möglicherweise höheren Orts einen Einfluss hat. Oder, noch besser, schmuddelige Sachen aus der Sakristei weiß, die man noch mal zur Erpressung nutzen könnte.

Unter Journalisten gibt es dazu einen besonderen Wettbewerb. Sie sind nämlich alle berufsbedingt schizophren; sie wollen einerseits die Kritiker der Mächtigen sein, noch lieber aber geliebt werden und von deren Tisch essen. Viele geborene Speichellecker. Ich selbst habe nie einen Einfluss gehabt, aber einige Journalisten dieses Kalibers gekannt. Das geht mir durch den Kopf, da ein neuer Kanzler ins Amt kommt. Wer mag sich jetzt als Confident von Friedrich Merz in Pose werfen? Wer weiß wirklich kompromittierendes Zeug?

So hat mir mal ein Journalist, deutlich angeheitert in einem einschlägigen Strandrestaurant auf Sylt, erzählt, dass er mit der Konkubine des Kanzlers gut sei. Wohlgemerkt, nicht die Gattin war gemeint, sondern die Geliebte. Das ist lange her, der Kanzler schon unter der Erde, aber ich habe ihn, den Mann von Einfluss noch letzte Woche im Borchardt gesehen. Anderer Journalist, späterer Kanzler; man sei, behauptet er kühn, zusammen in México im Puff gewesen. Dolles Ding. Dönekes? Von Whisky-Willy will ich erst gar nicht anfangen, weil ich das nur dem Hörensagen nach kenne.

Von dem kommenden Kanzler kann man sich so was gar nicht vorstellen. Juristen stehen ohnehin im Verdacht, sich durch Zellteilung zu vermehren, allemal bei den Eingeborenen aus dem Sauerland. Dröge Dörfler. Womit wir bei der Frage wären, ob die kinderlose Merkel, Mutti nur dem Namen nach, Freunde unter den Journalisten hatte. Jedenfalls keine, die ihren vermeintlichen Lover kannten oder angeblich mit ihr im Puff waren; das halte ich für sicher. Bei näherem Hinsehen entdeckt man, dass gar keine Freunde von ihr bekannt sind, jedenfalls nicht unter Journalisten. Ein beachtlicher Befund.

Ich habe ihre Autobiografie nicht gelesen, aber mit einem Historiker geredet, der sich das angetan hat. Er berichtet von einer frugalen Ödnis, einer protestantischen Freudlosigkeit, die ihres gleichen suche. Fritze ist aber katholisch. Das wird also beim incoming boss anders sein. Quax in fidel. Die Hoffnung stirbt zuletzt.