Logbuch
JENSEITS DER POLEMIK.
Aus vergangenen Zeiten klingt ein politisches Schlagwort nach, dessen Hintergründe ich vergessen habe. Man sprach, ich glaube ironisch, vom „Genossen Trend“, der der SPD nütze. Das scheint sich verloren zu haben. Zwischenzeitlich war der Zeitgeist grün, aber auch hier kommen bei Wahlen keine Erdrutsche mehr zustande. Die FDP ist nicht mehr für Wunschträume von 18 Prozent gut; sie fällt gar ganz aus.
In meinem Dorf haben die Konservativen eine Stammwählerschaft von einem guten Drittel, fast der Hälfte, nicht untypisch für eine katholisch geprägte ländliche Gegend. Neu ist, dass sowohl die Sozialdemokraten wie die Rechtspopulisten jeweils 20 Prozent haben; die SPD, weil 10 Prozentpunkte verloren und die AfD 10 dazugewonnen. Ich fürchte, die Braunen sind auch im Westen gekommen, um zu bleiben.
Das alles nur ausgeführt, um einem Irrtum zu begegnen. Die genannten 10 Prozentpunkte sind nicht dieselben Leute. Man sollte sich hüten vor einfachen Spekulationen um Wählerwanderungen. Alle Parteien geben an die AfD ab, auch die große Partei der Nichtwähler, insbesondere solche Wähler, die sich als Veränderungsverlierer fühlen und ihren Frust in nostalgischen Vorurteilen formulieren. Man lese die Autobiografie des amerikanischen Vizepräsidenten.
Schlussfolgerung? Die Parteienlandschaften wird inDeutschland so chaotisch wie in anderen westlichen Ländern auch. Nicht schön, aber wohl unvermeidbar. Mehr ist nicht.
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IN ALLER KÜRZE.
Und du hast Angst, dass Dir gleich Heinz Rühmann begegnet. Oder Heinz Ehrhardt Witze macht. Dass der Kommissar Erik Ode heißt. Das denke ich, da ich gestern als Hintergrundfoto einer Talkshow die Bärbel und den Lars sehe. Sie seien als Paar angetreten, sagt die Walsumerin über den Buben von der Leine, über seine und ihre Opulenz. Die SPD ist aus der Zeit gefallen. Der Mief der willentlich kleinen Leute und ihrer vorsätzlichen Fürsorger nimmt mir die Luft zu atmen. Mehltau legt sich über‘s Land. Muff.
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VON VÖGELN.
Weil ich werktags früh raus muss, hält die blöde Tugend auch sonntags als Unsitte. Ab fünf Uhr wach, höre ich, wie die Vögel ihren Gesang beginnen. Kurz danach die ersten Flieger, weil in der Pfalz. Der Vogel singt mit endloser Routine, um Weibchen anzulocken und sein Brutrevier gegen Eindringlinge zu verteidigen. Man hört ihn in der Stille der schwindenden Nacht, da die Luft noch ruhig und das Land im Schlaf. Außer ich.
Man weiß nicht so recht, warum der Vogelgesang einen so guten Ruf hat; vielen gilt das elende Gezirpe als melodisch und Ausdruck einer Idylle. Liebesgefühle. Dabei hat das Lied keine Strophe. Kein Text, also Lärm. Besonders einsinnig ein Schlawiner hinter mir am Waldessaum, der die lautliche Kennung der kitschigen Uhren aus dem Schwarzwald nachmacht. Sagen wir es unromantisch, der Gesang der kleinen Flieger dient der Revierabgrenzung und dem Sex. Wie profan.
Die großen Flieger, die weit oben im noch nächtlichen Himmel lärmen, streben nach Rammstein, wir sind in der Pfalz, oder von dort in die Welt. Und dienen, je mehr ich es bedenke, auch der Behauptung von Revieren zur Erhaltung der eigenen Art. Was den Text betrifft, kommt es ebenfalls zu Unklarheiten fundamentaler Art. Der oberste Adler schwätzt vom Ende des Krieges wg. Sieg oder der Ausweitung wg. Terrorgefahr oder diesem oder jenem. Angelockt werden hier nur in zweiter Linie Weibchen, zunächst und vor allem Dollars. Zweihundert Milliarden könnte man noch brauchen. Aber gemach, das Geld ist dann ja nicht weg; nur in den Taschen anderer.
Man kann nicht von Vögeln und Verbrechen reden, ohne das letzte Gedicht des großen Bert Brecht zu zitieren:
„Als ich in weißem Krankenzimmer der Charité/
Aufwachte gegen Morgen zu/
Und eine Amsel hörte, wußte ich/
Es besser. Schon seit geraumer Zeit/
Hatte ich keine Todesfurcht mehr, da ja nichts/
Mir je fehlen kann, vorausgesetzt/
Ich selber fehle. Jetzt/
Gelang es mir, mich zu freuen/
Alles Amselgesanges nach mir auch.“
Mir wäre mehr nach Ausschlafen bis in die Puppen. Mit den Puppen. Auch das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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RECHTS VERSUS LINKS.
Es gibt eine Idiotie politischer Parolen, die man argumentativ nicht mehr auflösen kann. Etwa in der Aussage, dass Hitler ein Linker gewesen sei. Jede Relativierung dieses Teils deutscher Geschichte ist ohnehin nah an einem moralischen Verrat fundamentalen Ausmaßes. Man lasse das lieber.
Reflexhafte Debatte darum, dass der Nationalsozialismus der NSDAP seinen historischen Aufschwung genommen habe, indem er sich „linke“ Forderungen zu eigen machte. Da kann nicht sein, was nicht sein sollte. Da irre der Politikwissenschaftler Götz Aly; das hätten die „NS-Historiker“ (sic) schon mehrfach angemerkt. Die Historiker, diese eingeschworene Gesellschaft zur Verlangweiligung der Geschichte? Und die Politologischen vom dauerlinken OSI an der FU? Professorenstreit. Wen kümmert das? Diese Eifersüchtelei zwischen zwei Wissenschaften ist aber nicht uninteressant. Es geht um die moralische Scheidung zweier Welten.
Kann es ein Oxymoron von Rechtem und Linkem gegeben haben? Oder als tödliche Mischung wieder geben? Das aktuelle linke Milieu heult auf, weil eine so differenzierte historische Debatte die Verteufelung des Rechtspopulismus erschwert. Man will nachträglich aus dem „Nationalsozialismus“ begrifflich den Sozialismus tilgen, weil man den rechtsradikalen Charakter der AfD nicht verwässert wissen möchte. Es geht gegen die sogenannte Hufeisentheorie, nach der sich die Extreme von links und rechts treffen; eine durchschaubare Narration der politisch impotenten Mitte. Dazu habe ich zwei Meinungen.
Historisch ist es unzweifelhaft, dass sich die frühe NSDAP quasi-gewerkschaftlich gebärdet hat; um am Ende die Gewerkschaften aufzulösen. Aber sie inszeniert Volksgemeinschaft vor allem vor der Machtergreifung eben auch als Volksfürsorge. Das ist ja das innere Paradox von Populismus, dass er auch links daherkommt. Und dann woanders hingeht. Das ist das eine.
Das andere ist, dass es „die Linke“ nicht gab; man darf die KPD der Weimarer Republik nicht als Freunde von SPD und USPD lesen. Die Spaltung war von epochaler Bedeutung. Wenn Lenin explizit von der „Diktatur des Proletariats“ spricht, die millionenfach demokratischer sei als jede bürgerliche Demokratie sei, so meint er das auch so. Der Genosse Stalin hat daran ja keinen Zweifel gelassen. Mielke auch nicht.
Wie also kommen wir wieder auf gesichertes Terrain und Felsen unter die Füße? Mein Vorschlag ist, dass die Politologen in die Archive verbannt werden. Und die Historiker ins Philosophicum. Jeder auf das Terrain des anderen. Zumindest für ein Semester. Und dann wird miteinander geredet. Verlängerungsanträge für die Verbannung willkommen.