Logbuch
DER WELTWEISE.
Einer der drei morgendlichen Kommentardienste, die die Hauptstadt den Frühaufstehern bietet, hat heute einen Professor im Ruhestand zur Lage der Welt. Das lese ich immer gern, wenn ein Vertreter des Plauderwissenschaften sich ZUR PRAXIS DER GALAXIS äußert. Der Weltweise extemporiert. „Es sinkt für Sie, das Niveau!“
Ich habe jetzt eine Frage zur Sache und eine persönliche Anmerkung (ich mag den nicht). Zunächst aber zum Akademischen. Was ist eigentlich die Bezugswissenschaft der Politologen? Ich meine, man kann nicht Physiker sein, ohne mathematisch denken zu können. Man kann schlecht Soziologe werden ohne Großen Methodenschein. Oder Altphilologe ohne Latinum. Aber der Politikwissenschaftler, der plaudert kenntnisfrei. Herfried Münkler ist eine solche Konversationskanaille.
Ein Mann meiner Generation, also eigentlich zur Demut & Weisheit verpflichtet, wagt er sich weltweise in GLOBALES. Wir hören, was der Chinese so macht und wie der Ammi so drauf ist und warum der SCHOLZOMAT nix taugt. Ich habe mal einen dicken Schinken von ihm gelesen über die Mythen der Deutschen. Brav nacherzählt, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung, was das ist, ein Mythos. Kant ist mein Zeuge: Keinen Begriff von einer Sache zu haben, heißt zu schwätzen.
Ich hatte einst in einer Tageszeitung eine Kolumne am gleichen Ort wie Münkler, sagen wir er Mittwochs, ich Montags. Die Redaktion verwechselte nun mal die Fotos und unter seinem Ponem stand mein Name. Der Kerl sieht für meine Begriffe nun wirklich aus wie eine Napfsülze. Statt sich also über das geliehene Antlitz zu freuen, hat er sich doch allen Ernstes bei der Redaktion beschwert. Alter Schwede, wenn überhaupt, dann ja wohl ich wg. Namensverwechslung. Mein Text mit dem mugshot von diesem Mümmelmann…
Meine Kolumne war in der Meinungsredaktion des linken Blattes nicht sehr beliebt; die dort residierenden Damen fanden mich zu sehr STAMMTISCH. Und was soll ich sagen? Da ist was dran. Früher waren Zeitungen auf dem Niveau ihrer Redakteure, heute auf dem ihrer Leser. Es sinkt für Sie, das Niveau.
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KONSERVATIV ZUM KANZLER.
Jetzt heißt es, eine gute Figur machen. Der Wähler schaut ja hin. Höfliche Herren machen den Kratzfuß. Durch Lächeln an die Macht. Schaulaufen der biederen Softies.
Im schlechtesten Hotel Berlins in einer der miesesten Ecken dieser an schlechten Hotels nicht armen Stadt, geschweige denn an miesen Ecken, da tagt heute die CDU, die Partei Adenauers. Warum gehen die da hin? Und nicht ins Rheinhotel Dreesen in Bonn am Rhein? Aus pragmatischen Gründen.
Die Idylle des Konservativen unter dem Alten, wie sie den greisen Kanzler zurecht nannten, ist lang dahin. Dessen katholisch geprägter „rheinischer“ Kapitalismus mit einer strikten Westorientierung und Duldung brauner Biographien, der ist aus der Zeit gefallen. Und Dreesen, wenn es das Ding noch gibt, eine viel zu kleine Herberge. Die Rechten sind heimatlos.
Man lebt mit unbedingtem Pragmatismus in dem Vakuum der Kohlschen Bräsigkeit von BASF-Gnaden, die nur durch die Bräsigkeit von Frau Merkel zu verlängern war, die dem geerbten Mief jeden Sauerstoff zu verweigern wusste, fort. Pragmatismus, sich durchwurschteln. Dazu passt das Estrel am Ende der Sonnenallee, der Straße vom Getto ins Nichts. Die Rechten finden für sich keinen Ort.
Ich habe das Parteiprogramm der neuen Konservativen gelesen; es ist frei von inhaltlichen Bestimmungen. Kein rechter Gedanke, der nicht noch im gleichen Satz wieder kassiert würde. Das ist das wirkliche Problem der CDU, nur noch auf das Reaktionäre anspielen zu können, aber gleichzeitig der AfD ausweichen zu müssen. Wenn die vielbesungene Haselnuss schwarz braun sein will, dann kann sie es heutzutage ohne die liberalen Konservativen. Gibt es die überhaupt noch?
Es ist die Zeit der Lächler, deren Ernst es ist, auch mit den Grünen zu können oder der LINKS-Partei, mit den Groko-Sozen eh, die FDP schon lange im Sack. Sie können mit allen, nur nicht mit der AfD, weil die ihnen den Markenkern geklaut haben. Der Lächler Wüst nennt sie eine Nazi-Partei (wie übrigens auch die böse Frau der SPD), ist aber darüber schon so erschöpft, dass man einen zweiten Gedanken von ihm nicht zu erwarten wagt, so erschütternd ist er intellektuell bereits überfordert. Flexibler Normalismus. Softer Pragmatismus. Dünne Luft. Kein Sauerstoff.
Was ist heute konservativ? Und was heißt das für morgen? Aus dem Estrel ist dazu keine Antwort zu erwarten. Also die erfolgreiche Wahl eines leeren Anzugs namens Fritz Merz, der Kanzler nicht kann. Herr Wüst wird dazu lächeln. Er folgt der Theaterweisheit: Auge vor Ohr. Das könnte also was werden.
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DER KONTEXT MACHT‘S.
Ich lese einen langen Essay in der immer hervorragenden „London Review of Books“ (LRB 25. April 2024) des oft lesbaren Terry Eagleton zur Frage, wo KULTUR eigentlich herkomme. Es ist überhaupt eine Linie der LRB verständlich sein zu wollen; man ist sich nie schade, den Leser an die Hand zu nehmen. Aber es gilt natürlich das Grundgesetz aller Einsichten:
Man sieht nur, was man schon weiß. Context matters.
Eagleton beginnt seine Herkunftsforschung von KULTUR mit der Agrikultur. Das hat Charme; der Bauer als Vater aller Kunst. Nur wer nicht mehr Tag ein, Tag aus Bären jagen muss und Beeren sammeln, hat Zeit für Künstlerisches. Es muss einen gewissen materiellen Überfluss geben („surplus“). Hätte ich mit Eagleton zu diskutieren, würde ich hier auf die Bedeutung von Korn hinweisen, das von der Natur so kunstvoll konservierte Lebensmittel (Gleiches gilt für Reis). Das Korn und der Korn, damit beginnt Sesshaftigkeit, also Kultur. Aber der englische Essayist ist da gebildeter.
Ich finde bei ihm den sensationellen Satz: „We need to eat, but we don‘t need to eat at the Ivy.“ Alter Schwede! Um diesen Satz zu verstehen, sollte man schon mal das Glück ergattert haben, im Ivy gegessen zu haben. Ich habe vor Jahren eine Engländerin gehobener Bildung gebeten, sich unter ihren Freundinnen in den „chatting classes“ umzuhören, wo man in London, der Hauptstadt der Welt, wie Brecht sagte, gewesen sein muss. Es zieht uns also nach Kensington, genauer nach Chelsea.
Das Ivy ist eine traditionsreiche Brasserie, die sich in ein Gartenhaus erstreckt; hier einen Tisch zu kriegen, bedarf einer gewissen Finesse. Der Kenner folgt in der Bestellung den Untiefen britischer Küche. Die mich begleitende Dame aus der Fleet Street nahm doch allen Ernstes „fish and chips“ (bester Halibut), worauf ich mich an „bangers and mash“ wagte; eigentlich sind es aber schon Austern und Krustentiere. Champagner und schwerer Rotwein, abgeschlossen mit altem Port.
Tjo, man muss essen, aber nicht im Borchardt. Der Essay endet mit einer Warnung vor Hochmut, ganz im Sinne der griechischen Tragödie. Und dann, zweiter Hammer, mit einem exorbitanten Schlusssatz, der dem großen Rudyard Kipling geschuldet ist, allerdings ohne ihn ausdrücklich zu nennen. Da steht schlicht nur: „But that‘s another story.“ Alter Schwede: Daran erkennt man die Spitzen der Kultur.
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We must have been doing something right
Zwei Dinge füllen die Medien, die uns erschütternd scheinen. Da ist die Allmacht der Geheimdienste, die sich als Staat im Staat, wenn nicht als Weltregierung verstehen, und die Entzauberung eines amerikanischen Präsidenten, der messianische Züge zu haben schien. Wie haben wir diese Kontraktion von John F. Kennedy, Martin Luther King und Michael Jackson in Deutschland gefeiert, wie sehr haben wir gehofft, dass nun die CIAs dieser Welt sich mit einem YES WE CAN dem Guten widmen… Und jetzt lugt aus all dem die Fratze des US-Imperialismus.
Ich habe mich darüber mit einem rheinischen Juden unterhalten, der die Welt von Paris aus betrachtet und durch eine attische Brille. Er kam gerade aus den Nahen Osten und berichtet: „Mehr als je wimmelt es in der Levante von britischen Agenten, die über jeden Beduinen, ja über jedes Kamel, das durch die Wüste zieht, Erkundigungen einziehen. Wieviel Zechinen Mehmet Ali in der Tasche, wieviel Gedärme dieser Vizekönig von Ägypten im Bauche hat, man weiß es ganz genau in den Bureaus von Downingstreet. Hier glaubt man nicht an die Mirakelhistörchen frommer Schwärmer; hier glaubt man nur an Tatsachen und Zahlen.“
Mein Gewährsmann will seine Beobachtung der „intelligence services“ nicht auf den Vorderen Orient beschränkt wissen. Er fährt fort: „Aber nicht bloß im Orient, auch im Okzident hat England seine zuverlässigsten Agenten, und hier begegnen wir nicht selten Leuten, die mit ihrer geheimen Mission auch die Korrespondenz für Londoner aristokratische oder ministerielle Blätter verbinden; letztere sind darum nicht minder gut unterrichtet. Bei der Schweigsamkeit der Briten erfährt das Publikum selten das Gewerbe jener geheimen Berichterstatter, die selbst den höchsten Staatsbeamten Englands unbekannt bleiben; nur der jeweilige Minister der äußeren Angelegenheiten kennt sie, und überliefert diese Kenntnis seinem Nachfolger.“
Finanziert werde das System so, wie man als Fußball-Chef sein Spielgeld verwaltet, mittels Nummernkonten: „Der Bankier im Ausland, der einem englischen Agenten irgendeine Auszahlung zu machen hat, erfährt nie seinen Namen; er erhält nur die Order; den Betrag einer angegebenen Summe derjenigen Person auszuzahlen, die sich durch Vorzeigen einer Karte, worauf nur eine Nummer steht, legitimieren werde.“
Mein Gesprächspartner heißt Heinrich Heine, und wir schreiben das Jahr 1840. Und so sagt Heine über die Engländer, was mir als eine Analyse der Amerikaner als Weltmacht scheint. „Sind die Engländer in der Politik wirklich so ausgezeichnete Köpfe? Worin besteht ihre Superiorität in diesem Felde? Ich glaube, sie besteht darin, dass sie erzprosaische Geschöpfe sind, dass keine poetischen Illusionen sie irrleiten, dass keine glühende Schwärmerei sie blendet, dass sie die Dinge immer in ihrem nüchternsten Lichte sehen, den nackten Tatbestand fest ins Auge fassen, die Bedingnisse der Zeit und des Ortes genau berechnen und in diesem Kalkül weder durch das Pochen ihres Herzens noch durch den Flügelschlag großmütiger Gedanken gestört werde.“
Das ist das Genie des Schlichten, mit dem die amerikanische Politik sagt: Wir werden unsere Feinde töten, egal, wo sie gerade zum IPhone greifen. Nummer kam, wir wissen es, vom BND. Drohne kommt anschließend von oben. Bumm. Keine überbordenden Gedanken, kein ethisches Pingelpangel, kein Völkerrechtsgewäsch. Es fehlt vollständig an Bedenken.
Heine hat recht: „Dieser Mangel ist die ganze Force; und der Grund ihres Gelingens in der Politik, wie in allen realistischen Unternehmungen, in der Industrie, im Maschinenbau usw. Sie haben keine Phantasie; das ist das Geheimnis.“ Das Dogma des Guten ist frei von Zweifel, jedenfalls von Selbstzweifel.
Quelle: starke-meinungen.de