Logbuch

DER ONKEL DOKTOR.

„Machen Sie sich schon mal frei“, sagt die Helferin, „der Doktor kommt gleich.“ Wer hier zum Entkleidungsakt auffordert, das ist genau genommen eine MFA (medizinische Fachangestellte) und der Onkel Doktor ein Arzt. Aber so ist das in bildungsfernen Schichten, dass der Doktortitel den Weißkitteln symbolisch verliehen ist. Mein Hausarzt ist nicht promoviert und doch der Medizinmann meines Vertrauens. Die meisten Wunderheiler & Kurpfuscher haben ihn aber, den so begehrten Titel.

Den Dr. med. zu erlangen, ist gar kein so großes Ding, wenn man es einmal in das Studium geschafft hat, dessen Zugang stark beschränkt wird („numerus clausus“). Man könnte die Promotion in der Medizin als Regelabschluss bezeichnen. Ein Dr. phil. ist von anderer Qualität; der Doktor der Philosophie verwendet darauf nach Abschluss des Studiums noch mal drei Jahre oder neun und darf den Titel erst führen, wenn die Doktorarbeit publiziert ist. Oft ist mehr als ein Jahrzehnt unter kargen Bedingungen verzehrt.

Wer hier also den Weg durch Plagiieren abkürzt, spart Zeit, Geld und Lebenskraft. Aber Betrug macht nicht klug. Oft findet sich auch die besondere Tragik des betrogenen Betrügers. Diese Plagiatsdebatten sind aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Zudem ich will beim Dr. phil. nicht pro domo reden, sondern nur erläutern, was mir an Wissenschaft imponiert, indem ich von medizinischen Studien erzähle, namentlich den klinischen. Mich hat da ein Detail wirklich beeindruckt. Zunächst aber zum Selbstverständlichen. Die Medizin spricht von „evidenzbasiert“, wenn sie sich vom Quacksalbertum der Homöopathie absetzen will. Gemeint ist, dass man eine Wirkung nur anerkennt, wenn deren Ursache plausibel ist. Und umgekehrt. Das ist bei hochkomplexen Systemen wie Lebewesen kein leichtes Ding. Deshalb ist man in seiner Ethik bescheiden. Der moralische Anspruch der Medizin lautet „noli nocere“, zu deutsch: Zumindest nicht schaden!“ Wenn man das von allen Ratschlägen sagen könnte.

Die klinische Studie ist zudem betont selbstkritisch; sie verfährt mit latenten Kontrollgruppen und zwar doppelblind. Das führt aber hier zu sehr ins Detail. Was mich so beeindruckt hat, dass die Autoren der Studien eingangs bekennen, welchen anderen Loyalitäten sie unterliegen; bei wem sie also sonst noch so in Diensten stehen. Man benennt, wo man „conflicted“ sein könnte, weil man es nicht sein will.

Das würde ich künftig gern von allen Akademikern wissen, die Rat erteilen wollen, wo sie sonst noch die Hand aufgehalten haben. Bei Publizisten wage ich erst gar nicht, das vorzuschlagen. Von Politikern ganz zu schweigen.

Logbuch

BIG SPENDER.

In der amerikanischen Politik ist die Finanzierung von Politikern dann legitim, wenn man ihre Wahlkämpfe unterstützt. Das habe ich nie verstanden. Zumal ich die Einlassung, dass damit keine Vereinbarung von Gegenleistungen verbunden sei, für scheinheilig halte; zu deutsch, für gelogen.

Parteispenden hierzulande scheinen mir in Ordnung, da die Spender und ihre milden Gaben öffentlich benannt werden müssen. So ist allen gedient, denen, die die Knete kriegen, wie jenen, die wissen wollen, wer hier das eigentliche Sagen hat. Die Ungeheuerlichkeit des Systems Kohl bestand ja darin, dass anonymes Bargeld in Einkaufstüten über die Grenze ging und dann jüdische Vermächtnisse als verdeckte Spender bemüht wurden.

Was Privatpersonen angeht, bin ich beinahe grenzenlos permissiv. Aus versteuertem Einkommen resultiert keine Folgelast; der Millionär mag es auf dem Balkon verbrennen. Oder spenden. Kritischer ist es bei Unternehmen, die schon sagen können müssen, was an einer Betriebsausgabe betrieblich ist. Aktiengesellschaften sind ohnehin eine Veranstaltung mit dem Geld anderer Leute. Hier schwebt das Damoklesschwert der Untreue immer über den Häuptern des Vorstandes.

Skeptisch stimmt mich die neue Mode des „crowd funding“. Kleinvieh macht auch Mist. Denn das Argument der Kleckerbeträge zählt ja nicht. Die Jungfrau wird nicht wegen der Höhe des Freierlohnes zur Hure, sondern weil sie es für Geld tut; gilt auch bei kleinen Summen, siehe Jargondelikt der „Hartgeldhure“. Wäre es nicht sauberer, wenn auch bei Spenden die Geldgeber zu nennen wären? Transparenz ist doch das Goldene Kalb der Spendensammler, Transparenz bei anderen.

Beispielsweise fragt mich ein Club von investigativen Journalisten immer wieder nach einer Spende, ein Laden, von dem ich weiß, dass er auch staatsfinanziert ist. Vom deutschen Staat. Direkt aus dem Kanzleramt. Es soll auch welche geben, die Rubel konvertieren müssen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Zurück zum Konstrukt Korrektiv der rotgrünen Administration. Ich bin versucht, da etwas zu spenden, weil ich denen dann später sagen könnte, dass sie mein Geld genommen hätten.

Dann käme das Argument, dass Spenden aber Zuwendungen ohne Gegenleistung seien. Siehe oben. Unsinn: Selbst bei einer Schutzgelderpressung („pizzo“) gibt es eine Gegenleistung. Und Pizzo ist das richtige Stichwort.

Logbuch

ONKEL HO & ONKEL HERBERT.

Im Übergang vom Gymnasiasten zum Studenten spielten studentische Proteste in den USA eine gewisse Rolle für unsere Lektüregewohnheiten. Man las MARCUSE. Der im Geiste der Zeit „Onkel Herbert“ genannte Soziologe deutscher Herkunft wirkte aus den USA mit einer leichtfüßigen Lesart von Marx & Freud und bot in feinen Suhrkamp-Bändchen etwas, das den linksliberalen Zeitgeist beflügelte. Bei Demos pries man dann zusätzlich ONKEL HO, einen Diktator in Nordvietnam.

Warum beschreibe ich das so distanziert? Nun, als mir das im Übergang vom Studenten zum Promovenden noch mal ansah, vermisste ich meine ursprüngliche Begeisterung. Der Mann philosophierte, wenn er nicht plauderte, aber er war kein Soziologe. Ich stimmte dem Spott zu, den HABERMAS über ihn ergoss, der ihn einen „Heidegger-Marxisten“ nannte, ein Homunculus. Im Übergang vom Post-Doc zum Lehrenden hatte ich ihn gänzlich verloren, den eindimensionalen Menschen aus dem Kalifornischen. Man wird halt klüger.

Daran denke ich, während ich mit meinem Befremden über die heutigen Studentenproteste in Amerika kämpfe. Ich sehe das Palästinensertuch zusammen mit der bunten Flagge der Schwulen, bei Frauen mit offenem Haar, höre dramatisch Antisemitisches und den Wunsch, den Staat Israel auszulöschen, indem die Juden vom Jordan ins Meer getrieben werden. Steinzeit-Theokratie. Die Sache der Mullahs wird betrieben, wie kann das, denke ich, an den besten Unis der Welt?

Die da in der Efeu-Liga Palästina befreien wollen, sie sind todessüchtig. So verblendet waren wir nicht, da wir uns über den Vietnamkrieg empörten. Hoffe ich. Sicher bin ich aber nicht. Doch, ich bin sicher. So verblendet waren wir nicht. Jedenfalls wurden wir klüger.

Logbuch

We must have been doing something right

Zwei Dinge füllen die Medien, die uns erschütternd scheinen. Da ist die Allmacht der Geheimdienste, die sich als Staat im Staat, wenn nicht als Weltregierung verstehen, und die Entzauberung eines amerikanischen Präsidenten, der messianische Züge zu haben schien. Wie haben wir diese Kontraktion von John F. Kennedy, Martin Luther King und Michael Jackson in Deutschland gefeiert, wie sehr haben wir gehofft, dass nun die CIAs dieser Welt sich mit einem YES WE CAN dem Guten widmen… Und jetzt lugt aus all dem die Fratze des US-Imperialismus.

Ich habe mich darüber mit einem rheinischen Juden unterhalten, der die Welt von Paris aus betrachtet und durch eine attische Brille. Er kam gerade aus den Nahen Osten und berichtet: „Mehr als je wimmelt es in der Levante von britischen Agenten, die über jeden Beduinen, ja über jedes Kamel, das durch die Wüste zieht, Erkundigungen einziehen.  Wieviel Zechinen Mehmet Ali in der Tasche, wieviel Gedärme dieser Vizekönig von Ägypten im Bauche hat, man weiß es ganz genau in den Bureaus von Downingstreet. Hier glaubt man nicht an die Mirakelhistörchen frommer Schwärmer; hier glaubt man nur an Tatsachen und Zahlen.“

Mein Gewährsmann will seine Beobachtung der „intelligence services“ nicht auf den Vorderen Orient beschränkt wissen. Er fährt fort: „Aber nicht bloß im Orient, auch im Okzident hat England seine zuverlässigsten Agenten, und hier begegnen wir nicht selten Leuten, die mit ihrer geheimen Mission auch die Korrespondenz für Londoner aristokratische oder ministerielle Blätter verbinden; letztere sind darum nicht minder gut unterrichtet. Bei der Schweigsamkeit der Briten erfährt das Publikum selten das Gewerbe jener geheimen Berichterstatter, die selbst den höchsten Staatsbeamten Englands unbekannt bleiben; nur der jeweilige Minister der äußeren Angelegenheiten kennt sie, und überliefert diese Kenntnis seinem Nachfolger.“

Finanziert werde das System so, wie man als Fußball-Chef sein Spielgeld verwaltet, mittels Nummernkonten: „Der Bankier im Ausland, der einem englischen Agenten irgendeine Auszahlung zu machen hat, erfährt nie seinen Namen; er erhält nur die Order; den Betrag einer angegebenen Summe derjenigen Person auszuzahlen, die sich durch Vorzeigen einer Karte, worauf nur eine Nummer steht, legitimieren werde.“

Mein Gesprächspartner heißt Heinrich Heine, und wir schreiben das Jahr 1840. Und so sagt Heine über die Engländer, was mir als eine Analyse der Amerikaner als Weltmacht scheint. „Sind die Engländer in der Politik wirklich so ausgezeichnete Köpfe? Worin besteht ihre Superiorität in diesem Felde? Ich glaube, sie besteht darin, dass sie erzprosaische Geschöpfe sind, dass keine poetischen Illusionen sie irrleiten, dass keine glühende Schwärmerei sie blendet, dass sie die Dinge immer in ihrem nüchternsten Lichte sehen, den nackten Tatbestand fest ins Auge fassen, die Bedingnisse der Zeit und des Ortes genau berechnen und in diesem Kalkül weder durch das Pochen ihres Herzens noch durch den Flügelschlag großmütiger Gedanken gestört werde.“

Das ist das Genie des Schlichten, mit dem die amerikanische Politik sagt: Wir werden unsere Feinde töten, egal, wo sie gerade zum IPhone greifen. Nummer kam, wir wissen es, vom BND. Drohne kommt anschließend von oben. Bumm. Keine überbordenden Gedanken, kein ethisches Pingelpangel, kein Völkerrechtsgewäsch. Es fehlt vollständig an Bedenken.

Heine hat recht: „Dieser Mangel ist die ganze Force; und der Grund ihres Gelingens in der Politik, wie in allen realistischen Unternehmungen, in der Industrie, im Maschinenbau usw. Sie haben keine Phantasie; das ist das Geheimnis.“ Das Dogma des Guten ist frei von Zweifel, jedenfalls von Selbstzweifel.

Quelle: starke-meinungen.de