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ARBEITSDIREKTOR.

In der Montanindustrie (Kohle, Erz, Eisen & Stahl) galt der Personalvorstand etwas, zumal er die weitgehende Montanmitbestimmung zu handhaben hatte. Er war für das Betriebsklima verantwortlich, was zu ganz wesentlichen Teilen die Beziehung zu den Arbeitnehmervertretern ist, heute gemäß Betriebsverfassungsgesetz. Eine wichtige Aufgabe im Spagat zwischen Unternehmensstrategie der Eigner und gewerkschaftlicher Organisationsfreiheit der Arbeitnehmer. Kein leichter Job.

Ich persönlich habe einige legendäre ARBEITSDIREKTOREN kennengelernt. Und einige weniger nennenswerte. Namen werde ich hier nicht nennen oder Episoden. Eines der heutzutage besonders begabten Exemplare war gar mal mein Mitarbeiter. Ein anderer ein Kumpel, sprich Freund, und einst Personalvorstand der Bahn. Jetzt Schluss mit dem „name dropping“; es geht mir um ein wirtschaftstheoretisches Problem. Wir reden über „liberalen Korporativismus“.

Uff. Wir reden damit über eine Entscheidungsfindung am Verhandlungstisch, die eine Drittschädigung überflüssig macht. Man kann das SOZIALPARTNERSCHAFT nennen. Die Drittschädigung trifft zumeist Kunden, die eine Leistung, für die sie bezahlt haben, nicht mehr erhalten. Betrug. Ganze Volkswirtschaften können zur Geisel genommen werden. Ganze Betriebe in der Reputation regelrecht ruiniert. Die Dinge sind sicher übertrieben, wenn sie staatlich autoritär werden, wie man es historisch aus faschistischen Staaten kennt, aber bis dahin ist ein sehr weiter Weg. Eigentlich geht es um Tarifautonomie. Es geht um liberale Wirtschaftspolitik.

Jetzt also die Bahn. Mir gefällt der Herr mit dem Hitlerbart nicht, der notorisch seinen Laden in toto schlecht redet. Völlig irritiert bin ich aber über das glatzköpfige Arbeitsdirektörchen, das in die TV-Kamera sagt, man habe bis morgens um fünf verhandelt. Echt jetzt? Und der liberale Eigner im Bundesverkehrsministerium hat Gelegenheit, Statur zuzulegen. Das Stichwort heißt liberaler Korporativismus. Ich grüße derweil von der Autobahn.

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NIEDER DIE WAFFEN.

Waffennarren beweisen gern ihr Detailwissen technischer Art; ich rate von Diskussionen ab. Man blamiert sich schnell. Ich hatte eine amerikanische AR-15 für eine russische Kalaschnikow gehalten. Es sollte nicht die einzige Blamage des Abends bleiben.

Das zum Symbol aller Guerilla-Bewegungen gewordene Gewehr ist etwa 80 Millionen mal gefertigt worden. Im Russischen respektvoll der „Automat“ genannt. Dafür steht der Code AK, für Automat Kalaschnikow. Ursprünglich aus sowjetischer Hand, dann in den Satellitenstaaten gefertigt, eroberte es die Welt. Freilich nicht deren friedlichen und freien Teil. Dort lautet der Code AR-15, das Armalite Rifle. Good Morning, Vietnam! Ich sage meinen amerikanischen Freund, dass mein Herz einst Onkel Ho gehörte, nicht den GIs. Er ist irritiert.

Ein Drittel aller Amerikaner besitzt privat eine Waffe. Ein Viertel davon hat mindestens eine AR-15. Dreißig Millionen sind in privaten Händen, Leitsymbole einer allgemeinen Volksbewaffnung. Übrigens insbesondere der Mittelschicht. Die Vorstadtvilla der weißen Bevölkerung ist damit bestückt, ganz gleich welchen politischen Lagers, aber mit mehr Enthusiasmus bei Rechten, die die weiße Überlegenheit auf ihre Fahnen geschrieben haben. Ich habe es da eher mit Berta von Suttners DIE WAFFEN NIEDER, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

So was kommt von so was. Im Jahr 2023 wurden in den USA 43.000 Bürger durch Waffen getötet, viele bei Unfällen oder Selbsttötungen, aber immerhin davon 19.000 durch Mord. Wir hören in den deutschen Medien vor allem von den Massentötungen, wenn ein Verwirrter mit dem AR-15 seine alte Schule wieder mal besucht. Fast siebenhundert solcher „mass shootings“ kennt die Kriminalstatistik pro Jahr. Lieblingswaffe, wenn man das ungeheuerliche Wort benutzen darf, ist das AR-15.

Das individuelle Recht, legal Waffen zu besitzen und zu tragen, eben auch Maschinengewehre, leitet sich juristisch aus einem Verfassungszusatz ab, der in dem Bürgerkriegsland USA ursprünglich etwas anderes meinte. Jetzt steigt die Nachfrage mit jedem Anlass subjektiver Bedrohung, etwa bei sozialen Unruhen, aber auch bei Naturkatastrophen oder Pandemien. Es geht also um Selbstverteidigung in einem ganz fundamentalen Sinne.

Zur zweiten Blamage in Phoenix, Arizona: Der Hausherr wechselt ins Bildungsfach, während wir in seiner Garage stehen, er links eine Bierdose, rechts das AR-15. Er sagt „molon labe“, eine altgriechische Ansage, die auf den Spartaner Leonidas zurückgeht, als der Perser Xerxes ihn aufforderte, sich zu ergeben und die Waffen zu übergeben. Es heißt: „Komm, hol sie Dir!“ Und mein Gastgeber meinte damit nicht die Bierdose.

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SHOOT FIRST.

Der Dichter Franz Kafka, der als erwachsener Mann noch bei seiner Mama zu leben pflegte, und zwar in einem Durchgangszimmer zwischen dem von häufigem Besuch lärmerfüllten Wohnzimner und dem elterlichen Schlafzimmer des sehr lebensfrohen Vaters, hat derweil seiner Verlobten Felice über fünfhundert Briefe geschrieben, ohne dass das Sehnen eine körperliche Erfüllung gefunden hätte.

Es gibt so etwas wie die Überreflexion, die jenen gegeben ist, die das Aufschieben des Allfälligen zu ihrer Leidenschaft gemacht haben. Der Pragmatiker schießt erst und fragt dann; beim Tragiker ist es umgekehrt. Er kommt wegen lauter Fragen nicht zum Schuss. Dann musst Du es Dir im Prokrastinat gemütlich machen. Was früher Brieffreundschaften waren, das erfüllt heutzutage Facebook und TikTok. Alles Hilferufe der Opfer unerfüllter Sehnsüchte.

Kopfgeburten. Der Mensch lebt aber nicht von seinem Kopf. Wie heißt es noch bei Brecht in seiner Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens?

„Der Mensch lebt durch den Kopf.
Sein Kopf reicht ihm nicht aus.
Versuch es nur, von deinem Kopf
Lebt höchstens eine Laus.
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht schlau genug.
Niemals merkt er eben
Diesen Lug und Trug.“

Dagegen steht ein ursprüngliches Leben, wie wir es dem griechischen Fischer oder dem Almbauern zuschreiben, einer Idylle der glückserfüllten Einfachheit. Von keinem Gedanken getrübt. Die Dummen sind die glücklicheren Menschen, aber sie wissen das gar nicht, da sie ja dumm sind. Auch zur Depression muss man begabt sein.

Was bleibt also in dieser nebelverhangenen kalten Karwoche? Wir warten auf Ostern, das Fest der trotzigen Wiederauferstehung. Und lesen etwas anderes als den tieftraurigen Kafka. Ich habe mir einen Aufsatz über die allgemeine Volksbewaffnung in den USA an die Seite gelegt. Dort herrscht das Menschenrecht, eine Waffe zu besitzen und sie zu tragen. Hier hat jeder weiße Kleinbürger mit rechter Gesinnung ein halbautomatisches Gewehr in der Garage, das AR-15 heißt. Das AR-15, also, der Code für amerikanisches Glück. Dazu morgen mehr.

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Elite – wenn von besonderer Klasse nur schlapper Joghurt bleibt

Fragt man die Menschen in diesem Land, was ihnen zu Elite einfällt, so ist das mehrheitlich nur noch eine Joghurt-Marke. Nicht von ungefähr. Die allgemeine Verantwortungslosigkeit hat inzwischen jene erreicht, die für das Gegenteil bezahlt werden.

Wenn es irgendeinen Sinn macht, aus dem Heer der einfachen Soldaten Offiziere herauszuheben, so liegt der doch darin, dass diese klüger und mutiger sind als der sprichwörtliche Schütze A. Und so war es mal selbstverständlich zu Preußens Gloria, dass die Anführer in der ersten Reihe standen, wenn die feindlichen Einschläge näher kamen. „Mir nach!“ lautete der Schlachtruf.

Heute erklingt zumeist: „Ihr voran!“ Führung ist aus der Mode gekommen, weil Verantwortung nichts mehr zählt. Die Klassengesellschaft löst sich auf, weil die Herrschenden der Gefallsucht anheim fallen und mehr geliebt werden wollen, als dass sie das Volk antreiben.

Der Öko-Hedonismus hat die Oberen Zehntausend erreicht. Westerwelle hatte mit der spätrömischen Dekadenz so Unrecht nicht. Der Irrtum lag in der Verortung: Nicht die Hartz-IV-Empfänger suhlen in Dekadenz, die Klientel der FDP, Partei der Besserverdiener laut Eigenbeschreibung,  scheint weit anfälliger.

Wo sind die Eliten, die kühne Ideen haben und bereit sind, sich dafür verbrennen zu lassen? Einst waren wir die Nation der Titanen vom Format des Martin Luther: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ Aus den Protest-Titanen sind heute Abstimmungsfanatiker, Konsensbüttel und Verhandlungszwerge geworden. Schlichten wollen sie, die Schlichten! Der einst diskrete Charme der Bourgeoisie hat sich bis zur Unsichtbarkeit verdiskreditiert.

Mediation heißt das Stichwort der Stunde. Mediation ist das Medium der Mediokren. Dabei werden die Frösche befragt, welche Ansichten sie zur Trockenlegung des Sumpfes haben.

Genug des Zeitgeistigen. Jetzt  mal konkret: Immer mehr Arbeitnehmer, insbesondere Arbeiter und kleine Angestellte, äußern sich frustiert über ihre Arbeitssituation. Schaut man sich die Umfragen und Studien gründlich an, so findet sich schnell das Hauptmonitum. Der Job erscheint sinnlos, die Arbeit macht keine Freude. Es fehlt an Motivation.

Dabei fällt das Urteil: Mein Chef interessiert sich nicht wirklich für mich. Das muss man richtig lesen können. Es geht nicht, wie in einem blöden Witz von Mario Barth, darum, dass die Sekretärin zum Abendessen eingeladen werden möchte. Der Satz meint: An meiner Arbeit findet mein Chef kein Interesse, außer es geht was schief.

Frustrierende Arbeitssituationen erzeugen Chefs, die nicht in der Lage sind, Ziele zu setzen, für Ziele zu begeistern, aus ihren Mitarbeitern Teamgeist zu entwickeln, zu motivieren. Denn dazu gehören Mut und Entschlusskraft. Ein guter Boss fördert die Spitze, küsst das Mittelfeld wach, setzt die Überforderten um und schmeißt die Unwilligen raus.

Bossing heißt Führung zeigen, nicht als intrigantes Weichei Schwelbrände des Mobbing zu entfesseln. Die quälende Entfremdung in einer frustrierenden Arbeitssituation beruht nie auf Über-, sondern immer auf Unterforderung der Mitarbeiter. Gegen Überforderung wehrt sich eine Belegschaft durch eine schlagkräftige Arbeitnehmervertretung.

Dagegen ist nichts zu sagen: Das industrielle Erfolgsmodell Deutschland beruht auch auf der Säule eines ordentlichen Betriebsverfassungsgesetzes und selbstbewusster Gewerkschaften.

Wo aber sind die Bosse, die mit offenem Visier und auf Augenhöhe ihren Belegschaften entgegentreten? Oder ihren Kunden? Oder ihren Aktionären? Unsere Managementkulturen werden immer stärker von weichgespülten Intriganten bevölkert. Es ist zum Heulen. Man sehe sich das Bild an, dass die Deutsche Bahn am Labertisch des Jesuiten Geißler abgibt.

Nächstes Beispiel: Erziehung, Ausbildung und Bildung. In die Kinderzimmer hat ein permissiver Erziehungsstil Einzug gehalten. Das mag Elternrecht oder eine Privatangelegenheit oder Folge der Patchworkerei sein. Aber an den Schulen und Hochschulen setzt sich diese Schwachmaten-Politik fort. Leistungsnachweise werden vorzugweise in Gruppenarbeit erbracht, eine Organisationsform der kollektivierten Verantwortungslosigkeit.  Der Bildung wird an den Unis der Bologna-Prozess gemacht, der professorale Voten durch kleinteiliges Abfragen und Notengewusel ersetzt.

Die Herren Hochschullehrer selbst haben mit der Beamtung das Recht auf nachhaltige Faulheit erworben. Die Selbstverwaltung der Hochschulen und Schulen durch diese chronisch unterqualifizierten Ordinarien und Oberlehrer pflegt ein Chaos, an dem Kafka seine bittere Freude gehabt hätte. Wenn dieses System noch Nobelpreisträger hervorbringt, so kann man getrost von einem Betriebsunfall ausgehen.

Wenn irgendjemand das Fehlen alles Elitären in dieser Republik auf den Punkt zu bringen weiß, dann ist es Christian Wulff, unser Bundespräsident. Ich bin sicher, er wäre über diese Feststellung nicht einmal erbost; nein, sie gefiele ihm. Er war der erste, der seine mangelnde Führungskraft offen aussprach, noch als Bewerber um das höchste Amt im Staat: Er wolle gar nicht Leitwolf sein.

So zum selbsterklärten Schoßhündchen mutiert, hob die Kanzlerin ihn ins Amt. Wie geht das? Das Rudel führen zu sollen und nicht Leitwolf sein zu wollen? Was ist das für eine Ansage? Die Meriten hätte ich gern, aber nicht so gern die Verantwortung, ist es das, was er sagt? Grüßaugust aller Deutschen.

Der Kern der Wulffschen Außenpolitik ist, lese ich gerade, dass er seine minderjährige Tochter aus erster Ehe mit auf eine Reise nach Israel nimmt. Erstens riecht das nach Kindesmissbrauch für politische Zwecke. Zweitens: Was ist damit gesagt, außer dass sich diese Patchwork-Zusammenkunft im Schloss Bellevue als Royal Familiy empfindet?

Nun gut, wenn wir nach Homestories urteilen sollen, urteilen wir nach Homestories.  Ich werde sein von fröhlicher Anstrengung gezeichnetes Gesicht, dieses gemeißelte Lächeln und die gleichzeitige körperliche Erleichterung an der Hand seiner (zweiten) Frau, zu der er aufblickt, nicht vergessen, weil er auf dem Bundespresseball  den Eröffnungswalzer hingekriegt hatte. Laut Verfassung ist Wulff der Vortänzer!

Ich lebe in einem Land, in dem man Elite zurecht nicht mehr mit besonderer Klasse verbindet. Magerquark all überall.

Quelle: starke-meinungen.de