Logbuch

FRÜHLINGSERWACHEN.

In der großen Kastanie zeigen sich an allen Zweigen Knospen; noch ein, zwei Sonnentage und er ist da, der FRÜHLING. Nun wird die lange Nacht Tag um Tag zurückgedrängt. Es beginnt, für Schwärmer, der ewige Sommer.

Ein abgeschmacktes Goethe-Zitat vom Osterspaziergang kommt mir in den Sinn. Aber das ist, wie alles an dem thüringischen Dichterfürsten, überschätzt. Man zitiert ihn nicht, den Johann Wolfgang. Viel interessanter sind Wedekind und Ehrenburg. Beginnen wir mit dem jüdischen Russen Ilja Ehrenburg, der so viel geschrieben hat, dass man ihn schon zu Lebzeiten als SKRIBENTEN verächtlichen wollte. Von ihm stammt die Überschrift zu einer ganzen Epoche, wenn nicht das Motto eines veritablen Traums: TAUWETTER.

Kann der Kommunismus den stalinschen Frost sprengen und einen demokratischen Sozialismus gebären? Nun, im Moment sind die Frühlingsgefühle bei den Anrainern Russlands nicht sehr ausgeprägt. Dass hier ein Frieden ausbricht, wie es in Brechts MUTTER COURAGE heißt, das droht den Kriegsgewinnlern wohl nicht. An Ehrenberg wurde nicht nur kritisiert, dass er sehr viel schrieb und es sehr journalistisch zugehen ließ, sondern dass er ideologisch unzuverlässig war. Vor einer Erwartung, dass man vom Saulus zum Paulus werden müsse, erhielt er den Spitznamen PAULUS SAULOWITSCH; das finde ich echt komisch.

In Wedekinds FRÜHLINGSERWACHEN geht es um liberale Sehnsüchte im autoritären Kaiserdeutschland, dem Wilhelminischen. Unter anderem der Kulturentscheidung zu einem eigenen Recht der Frau über ihren Körper, dem Naturrecht auf Abtreibung, so zeitig vollzogen. Das ist ein Kern des Matriarchats, den Männerherrschaft niemals nehmen kann. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Jetzt also Frühling und die sprichwörtlichen FRÜHLINGSGEFÜHLE. Möge der Sommer sehr lang sein.

Die literarische Kernschmelze dieser Tage ist der FDP zuzurechnen, die auf Wahlplakaten Agnes Strack-Rheinmetall als OMA COURAGE titulierte. Darf ich als Brechtkenner folgendes beisteuern: Der Krieg ist die Fortsetzung der Geschäfte mit anderen Mitteln. Jeder Versuch der zum Kanonenfutter vorgesehenen Kleinen Leute, sich hier als Marketender:innen ein wenig Brot vom großen Laib zu schneiden, endet im Unglück. Die Marketenderin verliert alles. Annalena Baerbock ist schon die TOCHTER COURAGE von den Grünen; was müssen die Gelben dann noch eine Oma liefern?

Übrigens heißt die Tochter der Marketenderin bei Brecht KATTRIN, nicht Annalena. Und sie ist stumm. So viel Glück haben wir mit der jungen Frau Baerbock nicht. Sie redet.

Logbuch

TROIKA.

Meinen Urgroßvater väterlicherseits habe ich nicht kennengelernt, weiß von ihm nur, dass er aus Ostpreußen (heute Russland) an die Ruhr emigrieren konnte, weil er „Pferdeverstand“ hatte. Er gründete uns als Montanfamilie. So wurde in meiner Kindheit oft im Familienkreis erzählt. Pferdeverstand?

Der Steinkohlebergbau kannte nicht nur den legendären Grubengaul, der sein Leben untertage verbrachte (wäre er ans Licht gekommen, erblindete er; so der Mythos). Pferdegespanne zogen übertage Frachten vom Rhein aus die Ruhr hoch, gegen die Strömung auf den Treidelpfaden. Zum „Treideln“ bedurfte es schwieriger Gespanne mehrerer Gäule. Wer das bewerkstelligen sollte, brauchte Pferdeverstand. So kam der Kocks in den Pott.

Es zog mein Urgroßvater also vor, statt in der kalten Heimat zu verhungern, Gastarbeiter im Revier zu werden. Der unverkennbare italienische Einfluss auf meine Ahnen (seit meinem Vater) mag dadurch zustande gekommen sein, dass die protestantischen Ostpreußen hier auf italienische Migranten im Bergbau und dessen Siedlungen trafen und meine Großmutter eine gewisse Großherzigkeit einschließlich eines schwachen Momentes hatte. Es entstand mit meinem Vater der deutsch-italienische Zweig. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Jedenfalls konnte der ostpreußische Kocks selig Dreiergespanne führen, was der Russe seiner Heimat TROIKA nennt. Und der Pole nennt heute so das Bündnis seiner Nation mit Frankreich und Deutschland: WEIMARER TROIKA. Mir gefällt das sehr gut, was ich da in den Nachrichten sehe, ein Dreigespann, genannt das WEIMARER DREIECK. Da stehen frühere Feinde zusammen und zeigen den Kern der europäischen Idee. Ich finde den französischen Präsidenten nicht schlecht, der jetzige polnische ist geradezu großartig und, na ja, der deutsche macht das hier auch nicht schlecht.

Jetzt habe ich aus lauter Sentimentalität Olaf Scholz gelobt. Alta.

Logbuch

KONVERTIERT.

Die Freude der erfolgreichen REPARATUR ist es, dass ein geschätzter Gegenstand seiner alten Funktion wieder nachkommen kann. Das ist im Zeitalter der Wegwerfprodukte ja schon mal was. Es bringt mir gleich ein befreundeter Fernsehtechniker ein neues TV-Gerät; das alte war 10 Jahre alt und trat in die „geplante Obsoleszenz“ ein; das ist, wenn er vorsätzlich muckt, weil Du neuen Umsatz generieren sollst.

Den Beruf des Radio- und Fernsehtechnikers gibt es gar nicht mehr. Das war ein Mensch, der Röhren zu tauschen wusste, dann Transistoren und löten konnte, was zu verbinden war. Heute: Ex und hopp. Bei Antiquitäten nennt man das Reparieren AUFARBEITEN. So hat mir mein Schreiner kürzlich kunstfertig ein neues Bein an einen englischen Hallchair des 18. Jahrhunderts gebastelt; sieht perfekt aus, fast wie Original. Bei Immobilien sprich man von MODERNISIERUNG, wenn die Schönheitsreparatur aufwendiger wird.

RENOVIERUNG ist unser Thema, zu deutsch: wieder neu machen. All das sind Aktivitäten relativer Befriedigung, weil man einem Objekt seine historische Verwendung wieder ermöglicht. Die absolute Befriedigung liegt aber in der KONVERSION. Ich meine nicht das Konvertieren, wenn man zu einer anderen Religion übertritt (überflüssig) oder militärisches Gut zivil genutzt wird (Schwerter zu Pflugscharen). Ich meine, was der Landadel „converting a barn“ nennt.

Historische Bauernhäuser sind „cottages“, sprich eher Hütten oder Kotten, weil beheizt (Brennstoff war rar), also möglichst klein. Die Viehhaltung verlangte aber zu deren Ernährung riesige Hallen, die nicht nur Esel, Ochs und Kuh, Schwein wie Huhn Raum gaben, sondern hinreichend Stroh, um über den Winter zu kommen. Die Scheune bietet einer Großhallenarchitektur Raum, über die sich Albert Speer gefreut hätte. Satire aus.

Die KONVERSION von Scheunen hat etwas von Dombau, ein kathedralenhaftes Unterfangen, da Höhe und Weite enorm sind. Dann in dem zum „Castle“ konvertierten Stall über vergangenen Nutzen und künftigen Freiraum zu sinnieren, das hat etwas vom absoluten Vergnügen. Das bloße Abreißen von Scheunen ist, werte Landlords, ein Verbrechen.

Logbuch

Elite – wenn von besonderer Klasse nur schlapper Joghurt bleibt

Fragt man die Menschen in diesem Land, was ihnen zu Elite einfällt, so ist das mehrheitlich nur noch eine Joghurt-Marke. Nicht von ungefähr. Die allgemeine Verantwortungslosigkeit hat inzwischen jene erreicht, die für das Gegenteil bezahlt werden.

Wenn es irgendeinen Sinn macht, aus dem Heer der einfachen Soldaten Offiziere herauszuheben, so liegt der doch darin, dass diese klüger und mutiger sind als der sprichwörtliche Schütze A. Und so war es mal selbstverständlich zu Preußens Gloria, dass die Anführer in der ersten Reihe standen, wenn die feindlichen Einschläge näher kamen. „Mir nach!“ lautete der Schlachtruf.

Heute erklingt zumeist: „Ihr voran!“ Führung ist aus der Mode gekommen, weil Verantwortung nichts mehr zählt. Die Klassengesellschaft löst sich auf, weil die Herrschenden der Gefallsucht anheim fallen und mehr geliebt werden wollen, als dass sie das Volk antreiben.

Der Öko-Hedonismus hat die Oberen Zehntausend erreicht. Westerwelle hatte mit der spätrömischen Dekadenz so Unrecht nicht. Der Irrtum lag in der Verortung: Nicht die Hartz-IV-Empfänger suhlen in Dekadenz, die Klientel der FDP, Partei der Besserverdiener laut Eigenbeschreibung,  scheint weit anfälliger.

Wo sind die Eliten, die kühne Ideen haben und bereit sind, sich dafür verbrennen zu lassen? Einst waren wir die Nation der Titanen vom Format des Martin Luther: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ Aus den Protest-Titanen sind heute Abstimmungsfanatiker, Konsensbüttel und Verhandlungszwerge geworden. Schlichten wollen sie, die Schlichten! Der einst diskrete Charme der Bourgeoisie hat sich bis zur Unsichtbarkeit verdiskreditiert.

Mediation heißt das Stichwort der Stunde. Mediation ist das Medium der Mediokren. Dabei werden die Frösche befragt, welche Ansichten sie zur Trockenlegung des Sumpfes haben.

Genug des Zeitgeistigen. Jetzt  mal konkret: Immer mehr Arbeitnehmer, insbesondere Arbeiter und kleine Angestellte, äußern sich frustiert über ihre Arbeitssituation. Schaut man sich die Umfragen und Studien gründlich an, so findet sich schnell das Hauptmonitum. Der Job erscheint sinnlos, die Arbeit macht keine Freude. Es fehlt an Motivation.

Dabei fällt das Urteil: Mein Chef interessiert sich nicht wirklich für mich. Das muss man richtig lesen können. Es geht nicht, wie in einem blöden Witz von Mario Barth, darum, dass die Sekretärin zum Abendessen eingeladen werden möchte. Der Satz meint: An meiner Arbeit findet mein Chef kein Interesse, außer es geht was schief.

Frustrierende Arbeitssituationen erzeugen Chefs, die nicht in der Lage sind, Ziele zu setzen, für Ziele zu begeistern, aus ihren Mitarbeitern Teamgeist zu entwickeln, zu motivieren. Denn dazu gehören Mut und Entschlusskraft. Ein guter Boss fördert die Spitze, küsst das Mittelfeld wach, setzt die Überforderten um und schmeißt die Unwilligen raus.

Bossing heißt Führung zeigen, nicht als intrigantes Weichei Schwelbrände des Mobbing zu entfesseln. Die quälende Entfremdung in einer frustrierenden Arbeitssituation beruht nie auf Über-, sondern immer auf Unterforderung der Mitarbeiter. Gegen Überforderung wehrt sich eine Belegschaft durch eine schlagkräftige Arbeitnehmervertretung.

Dagegen ist nichts zu sagen: Das industrielle Erfolgsmodell Deutschland beruht auch auf der Säule eines ordentlichen Betriebsverfassungsgesetzes und selbstbewusster Gewerkschaften.

Wo aber sind die Bosse, die mit offenem Visier und auf Augenhöhe ihren Belegschaften entgegentreten? Oder ihren Kunden? Oder ihren Aktionären? Unsere Managementkulturen werden immer stärker von weichgespülten Intriganten bevölkert. Es ist zum Heulen. Man sehe sich das Bild an, dass die Deutsche Bahn am Labertisch des Jesuiten Geißler abgibt.

Nächstes Beispiel: Erziehung, Ausbildung und Bildung. In die Kinderzimmer hat ein permissiver Erziehungsstil Einzug gehalten. Das mag Elternrecht oder eine Privatangelegenheit oder Folge der Patchworkerei sein. Aber an den Schulen und Hochschulen setzt sich diese Schwachmaten-Politik fort. Leistungsnachweise werden vorzugweise in Gruppenarbeit erbracht, eine Organisationsform der kollektivierten Verantwortungslosigkeit.  Der Bildung wird an den Unis der Bologna-Prozess gemacht, der professorale Voten durch kleinteiliges Abfragen und Notengewusel ersetzt.

Die Herren Hochschullehrer selbst haben mit der Beamtung das Recht auf nachhaltige Faulheit erworben. Die Selbstverwaltung der Hochschulen und Schulen durch diese chronisch unterqualifizierten Ordinarien und Oberlehrer pflegt ein Chaos, an dem Kafka seine bittere Freude gehabt hätte. Wenn dieses System noch Nobelpreisträger hervorbringt, so kann man getrost von einem Betriebsunfall ausgehen.

Wenn irgendjemand das Fehlen alles Elitären in dieser Republik auf den Punkt zu bringen weiß, dann ist es Christian Wulff, unser Bundespräsident. Ich bin sicher, er wäre über diese Feststellung nicht einmal erbost; nein, sie gefiele ihm. Er war der erste, der seine mangelnde Führungskraft offen aussprach, noch als Bewerber um das höchste Amt im Staat: Er wolle gar nicht Leitwolf sein.

So zum selbsterklärten Schoßhündchen mutiert, hob die Kanzlerin ihn ins Amt. Wie geht das? Das Rudel führen zu sollen und nicht Leitwolf sein zu wollen? Was ist das für eine Ansage? Die Meriten hätte ich gern, aber nicht so gern die Verantwortung, ist es das, was er sagt? Grüßaugust aller Deutschen.

Der Kern der Wulffschen Außenpolitik ist, lese ich gerade, dass er seine minderjährige Tochter aus erster Ehe mit auf eine Reise nach Israel nimmt. Erstens riecht das nach Kindesmissbrauch für politische Zwecke. Zweitens: Was ist damit gesagt, außer dass sich diese Patchwork-Zusammenkunft im Schloss Bellevue als Royal Familiy empfindet?

Nun gut, wenn wir nach Homestories urteilen sollen, urteilen wir nach Homestories.  Ich werde sein von fröhlicher Anstrengung gezeichnetes Gesicht, dieses gemeißelte Lächeln und die gleichzeitige körperliche Erleichterung an der Hand seiner (zweiten) Frau, zu der er aufblickt, nicht vergessen, weil er auf dem Bundespresseball  den Eröffnungswalzer hingekriegt hatte. Laut Verfassung ist Wulff der Vortänzer!

Ich lebe in einem Land, in dem man Elite zurecht nicht mehr mit besonderer Klasse verbindet. Magerquark all überall.

Quelle: starke-meinungen.de